Kritik zu Beautiful Boy

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Der Belgier Felix van Groeningen (»Die Beschissenheit der Dinge«, »The Broken Circle«) verfilmt in seiner ersten amerikanischen Produktion den autobiografischen Bestseller von David und Eric Sheff: Steve Carell kämpft als Vater um seinen drogensüchtigen Sohn, gespielt von Timothée Chalamet

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War es der Joint? In einer Szene, ziemlich am Anfang von Felix van Groeningens »Beautiful Boy«, zückt der 18-jährige Eric (Timothée Chalamet) im Beisein seines Vaters David (Steve Carell) einen Joint. Doch anstatt seinen Sohn über die Gefahren des Gras-Konsums aufzuklären, raucht David kurzerhand mit. Und erzählt nicht ohne Stolz von seinen eigenen, studentischen Drogenexperimenten. Bei der Szene handelt es sich um eine Erinnerung Davids, als er seinen Sohn hoffnungslos an Crystal Meth verloren hat. Trägt er durch sein Verhalten Mitschuld an der Sucht?

Es sind diese Art nagende Selbstzweifel, von denen »Beautiful Boy« vor allem erzählt. Der Film basiert auf den autobiografischen Bestsellern von David und Eric Sheff, und er versucht, die Hilflosigkeit und Trauer von Angehörigen nachfühlbar zu machen, das emotionale Wechselbad aus Wut, Sorge und Schuldgefühlen. Es geht also weniger um die Sucht selbst, sondern um die Auswirkungen auf die Menschen im Umfeld des Süchtigen.

Anders als viele Drogengeschichten spielt »Beautiful Boy« auch nicht in einem urbanen Slum, sondern – gemäß der realen Geschichte – in einem Wohlstandsghetto: Die Sheffs leben im malerischen Marin County nördlich von San Francisco, einer der wohlhabendsten Gemeinden der USA. Das rustikale Landhaus verströmt Althippie-Charme, die Eltern sind verständnisvoll und liberal; Sohn Eric ist ein sympathischer Überflieger, dem jedes College offenstünde. Trotzdem nimmt er Drogen, um den »Druck des Alltags« zu lindern, wie er einmal sagt. »Welchen Druck?«, möchte man da fragen. Aber genau diese absurd anmutende Aussage Erics ist ein entscheidender Punkt der Geschichte: So sehr man als Außenstehender nach rationalen Herleitungen sucht – es gibt sie bei Drogensucht oftmals nicht. Das macht »Beautiful Boy« auf beklemmende Weise deutlich.

Klug ist auch die Entscheidung, die sozialen und beruflichen Hintergründe der Eltern gänzlich außen vor zu lassen. Wir erfahren, dass David als freier Journalist für die New York Times arbeitet und Stiefmutter Karen (Maura Tierney) Künstlerin ist. Mehr nicht. Der Beruf von Erics leiblicher Mutter Vicki (Amy Ryan) wird gar nicht erwähnt. Wozu auch? Karriere und Kontostand schützen nicht vor Sucht, und angesichts einer so existentiellen Krisensituation verlieren sie ohnehin jede Bedeutung. Auch die Hoffnung, dass so intellektuelle und feinsinnige Menschen sicher einen Weg finden, um Eric aus der Sucht zu führen, erweist sich als Trugschluss, als eine Projektion des Zuschauers, mit der Regisseur Felix van Groeningen sehr geschickt spielt.

Aber während die Geschichte der Sheffs auf bemerkenswerte Weise mit den Klischees vom unterprivilegierten Ghetto-Junkie und den hilfreichen Eltern bricht, tappt van Groeningen bei seiner Inszenierung in eine andere Falle: Das Bemühen um Aus­gewogenheit und Sachlichkeit, um einen nüchternen Blick auf den Umgang mit der Sucht, bringt den Film um einen Gutteil seiner emotionalen Kraft. Alles bleibt geschmackvoll, die Menschen sind attraktiv und ihre Handlungen meist von akademischer Besonnenheit. Für sein extremes ­Thema wirkt »Beautiful Boy« selbst in emotionalen Ausnahmesituationen allzu gefasst, beinahe distanziert.

Wenn einzelne Szenen dennoch eine besondere Intensität erreichen, ist das den Darstellern zu verdanken, insbesondere natürlich Steve Carell als immer hilfloserem Vater und Timothée Chalamet, der die Qualen eines Süchtigen mit unheimlicher Authentizität in Mimik und Körpersprache übersetzt. Vor den infernalischen Abgründen der Crystal-Meth-Sucht schreckt van Groeningen jedoch ebenso zurück wie vor den familiären Erschütterungen. Natürlich gibt es Streitigkeiten und Bilder von zerstochenen Armen, aber man wird als Zuschauer nie aus seiner Komfortzone gezwungen. So entspricht der Tonfall der Inszenierung auf eigentümliche Weise dem bildungsbürger­lichen Milieu der Geschichte. »Beautiful Boy« soll sein Zielpublikum nicht verschrecken und wirkt dadurch auf falsche Weise ­versöhnlich.

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