Patrick Seyboth

Filmkritiken von Patrick Seyboth

Nüchterne und fragmentarisch gehaltene Beobachtungen auf Markplätzen, im Bundestag, in Parteizentralen und Redaktionen ergeben einen facettenhaften Eindruck von der Arbeit unserer Demokratie unter Druck. Der Film zur aktuellen Lage, nichts beschönigend, doch enorm wohltuend durch Zurückhaltung und Offenheit
Ein episches Drama über die Ursprünge der Drogenkartelle in Kolumbien. Der Aufstieg einer indigenen Familie zum reichen und mächtigen Gangsterclan und ihr tiefer Fall werden zur blutigen Fabel vom Untergang einer ganzen Kultur. Virtuos vermischt »Birds of Passage« dabei Motive des ethnographischen, des Gangsterfilms und des Western
Statt im Respekt vor Argento zu erstarren, erschafft Luca Guadagnino seine ganz eigene Vision: ein kühner, exzessiver Trip ins Vieldeutige, glänzend gespielt und getanzt, mit hypnotischer Musik von Thom Yorke: »Suspiria«
Eine wütende und doch poetische Erzählung von Rassismus und Gewalt in den 1920ern im australischen Outback. Faszinierend und vollkommen schlüssig kombiniert Warwick Thornton klassische Westernmotive mit indigener Erzähltradition: »Sweet Country«
Sergei Loznitsa entwirft in 13 Episoden ein Kaleidoskop der verheerenden Folgen eines immer noch wütenden Konflikts. Willkür und Rechtlosigkeit, Korruption und Gewalt, Lug und Trug schildert er in meist realistischen, manchmal ins Groteske überzeichneten Begebenheiten, die den Krieg ebenso wie den Alltag zeigen und mit großer Klarheit den Ausnahmezustand und seine Folgen analysieren: »Donbass«
Erdigen Realismus mit Elementen von Märchen und Heiligenlegende kombinierend, erzählt Alice Rohrwacher von einem unscheinbaren, durch und durch gütigen jungen Mann, der mit seiner Familie in ärmlichsten Verhältnissen auf dem Land aufwächst und dem Wundersames geschieht. »Glücklich wie Lazzaro« ist eine so traurige wie humorvolle, sehr poetische Reflexion über das Gute und das Heilige sowie die Bilder, die wir uns davon machen
Eine Gerichtsmedizinerin gerät nach einer Liebesnacht in einen höchst mysteriösen Mordfall und kann sich bald nicht mehr sicher sein, was wirklich ist. Mit schwelgerischer Künstlichkeit inszeniert, wirkt der überladene Mysterythriller »Das Geheimnis von Neapel« bald prätentiös. Spannung entwickelt er nur wenig, lediglich Neapel sieht ganz wunderbar aus – ohne sonderlich geheimnisvoll zu sein
Ein 17-jähriger Blogger gerät durch eine Kurzschlusshandlung immer tiefer in Probleme und überlässt sein Schicksal schließlich dem Willen seiner Follower. Thematisch interessant, stilistisch ausgefeilt und von Jonas Dassler in der Hauptrolle stark gespielt, enttäuscht leider die Plot-Konstruktion von »LOMO: The Language of Many Others«
Mit einer höchst eigenwilligen Mischung aus Tragik und Absurdität erzählt Lucrecia Martel von einem Kolonialbeamten in der argentinischen Provinz, der seit Jahren auf seine Versetzung wartet. »Zama« ist eine vielschichtige, rätselhaft-faszinierende Reflexion über Kolonialismus und Identität
Mit dem Tod der Großmutter nimmt ein bizarres, unheilvolles Familienschicksal seinen Lauf. Im Geiste des Okkulthorrors der 1960er und 1970er Jahre, doch mit präg­nanter Handschrift ist Ari Aster ein extrem spannendes, verstörendes Langfilmdebüt gelungen: »Hereditary«

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