Patrick Seyboth

Filmkritiken von Patrick Seyboth

Die Politfarce über den BND, die CIA und den angeblichen Insider des irakischen Militärs mit Decknamen »Curveball« nimmt mit angemessen sarkastischem Tonfall die Mischung aus Ehrgeiz, Dummheit und Skrupellosigkeit aufs Korn, die der US-Invasion im Irak 2003 den Weg bereitete. Auch wenn nicht jeder Gag zündet: ein spannender Blick auf den immer beliebter werdenden flexiblen Umgang mit Fakten, der damals seinen Anfang nahm
Ema
Ein rauschhaftes Werk, das sich dem Reggaeton, dem Tanz und den Flammen überlässt und zugleich – so fragmenthaft wie berührend – von der Suche nach Liebe und Gemeinschaft erzählt. In der Hauptrolle einer jungen Frau, die sich mit anarchischer Energie von sozialem Druck und Depression befreit, fasziniert Mariana di Girolamo
Die Hommage des Enfant Terrible Oskar Roehler an das Enfant Terrible Rainer Werner Fassbinder trifft mit stilisierter Ästhetik genau den richtigen Ton. Neben grellen Anekdoten zeigt sie auch eine leise, verletzliche Seite des Künstlers – der von Oliver Masucci ganz hervorragend gespielt wird
Ein junger Mann kommt nach dem Studium zurück in sein Heimatdorf, wo er auf Konflikte, Stagnation und Gleichgültigkeit stößt. Nuri Bilge Ceylan schafft ein faszinierendes, vieldeutiges Werk, das man als Parabel auf die aktuelle Situation in der Türkei lesen kann, aber nicht muss: »The Wild Pear Tree«
Ein mitreißender, auch erschreckender Blick auf den Mafiakrieg der 1980er und 1990er in Sizilien, mit jenem Mann als Hauptfigur, der schließlich zum Kronzeugen wurde und Hunderte andere Mafiosi vor Gericht brachte: Tommaso Buscetta. Während der Film die Cosa Nostra insgesamt ungeschönt zeigt, folgt er in der Darstellung Buscettas ein wenig zu sehr dessen schmeichelhafter Selbstdarstellung als Gentleman-Ganove
Roy Andersson bleibt seinem unverwechselbaren Stil treu und fächert in stilisierten Bildern ein Kaleidoskop der Vergänglichkeit mit Hang zum Apokalyptischen auf – von alltäglich bis absurd, von banal bis dramatisch. Das ist voller Melancholie, überrascht aber immer wieder mit Leichtigkeit
In seinem kraftvollsten und wichtigsten Film seit langem vollzieht Roman Polanski detektivisch genau und mit größter Nüchternheit die Affäre Dreyfus nach, die Frankreich um 1900 zutiefst erschütterte, und entdeckt im verheerenden Wirken von Antisemitismus und Machtmissbrauch erstaunliche Parallelen zu heute
Ein berühmter Dirigent (Peter Simonischek) soll ein Jugendorchester aus Israelis und Palästinensern zusammenstellen und wird dabei vom Maestro quasi zum Friedenscoach. Was überzeugt, sind die musikalischen Szenen, die Darstellung des Alltags der Jugendlichen sowie das kraftvolle Schauspiel: »Crescendo«
Eine nicht makellose, doch höchst sympathische Komödie mit Adam Bousdoukos, die liebevoll und mit leichter Hand von der Absurdität von Grenzen erzählt: »Smuggling Hendrix«
In einer berückenden Mischung aus Porträt und dokumentarischer Poesie erkundet der deutsche Filmemacher Rainer Komers das Wüstenkaff Barstow – auf den Spuren und mit autobiographischen Texten des Dichters »Spoon« Jackson, der dort aufwuchs, bis er wegen Mordes zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde

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