Interview: Lynne Ramsay über »Die My Love«

Lynne Ramsay am Set von »Die My Love« (2025). © MUBI/Kimberly French

Lynne Ramsay am Set von »Die My Love« (2025). © MUBI/Kimberly French

Lynne Ramsay zu ihrem jetzt auf Mubi erscheinenden Film »Die My Love«, über Punk, Schwangerschaft und Vertrauen am Set

Frau Ramsay, Ihr Film »Die My Love« wurde von vielen als ein Porträt einer jungen Frau mit postnataler Depression interpretiert. Warum wehren Sie sich dagegen?

Weil es wäre zu einfach, ihn so zu etikettieren. Es geht auch um die Beziehung. Um Isolation. Um Schreibblockade, die ich selbst kenne. Um Depression und mentale Gesundheit. Natürlich liebt die von Jennifer Lawrence gespielte Grace ihr Baby. Aber nach der Geburt fühlt man sich ausgelaugt. Während der Schwangerschaft sieht man toll aus. Man strahlt. Die Haare sind fantastisch. Und dann fallen die Haare aus, man ist schlaflos, wacht alle drei Stunden auf, fühlt sich wie ein Zombie. Deine Identität gerät in eine Krise. Man hat das Gefühl, sich selbst verloren zu haben. Aber der Film ist mehr als das.

Nämlich?

Für mich ist es eine Liebesgeschichte. Grace und Jackson. Er versteht sie nicht. Sie ist wie ein wildes Tier. Unberechenbar. Eine Anarchistin. Aber er liebt sie. Sie ist auch wahnsinnig komisch. Das ist wahrscheinlich mein buntester Film. Alle sagen immer, meine Filme seien so düster, dabei liebe ich Humor. Jennifer ist eine geborene Komödiantin. Ich sah sie und Robert Pattinson als Spencer-Tracy–Katharine-Hepburn-Paar. Wie meine Eltern: Sie stritten und lachten gleichzeitig. Diese verrückte Komik und Energie wollte ich in den Streitszenen.

Jennifer Lawrence war während der Dreharbeiten schwanger. Hat das etwas verändert?

Ich erfuhr es erst drei Wochen vor Drehbeginn. Natürlich war ich besorgt, aber Schwangerschaft ist kein fragiler, sondern ein starker Zustand. Man fühlt sich wie eine Kriegerin. Diese ganzen Glückshormone, Jennifer hat gestrahlt, waren gut für diese dunkle Rolle. Und sie wollte es unbedingt machen. Während des Drehs wurde sie langsam sichtbarer schwanger, und kurz nach dem Schnitt bekam sie ihr Baby. Irgendwie war der ganze Film eine Schwangerschaft.

Als Jacksons Eltern haben Sie zwei Schauspiellegenden besetzt, Sissy Spacek und Nick Nolte. Wie kam das zustande?

Mit Sissy habe ich im Vorfeld lang und viel telefoniert. Sie ist unglaublich präzise, wollte jedes Detail wissen. Anfangs fand ich das anstrengend, aber dann merkte ich, wie sehr sie sich hineingräbt. Einmal sagte sie sogar: »Ich weiß gar nicht, ob ich noch schauspielern kann!« – das war surreal. Aber sie vertraute mir, und sie ist einfach großartig. Nick musste ich in Malibu besuchen. Ich glaube, er mochte einfach das Drehbuch. Seine Rolle ist klein, aber wichtig. Er und Sissy geben dem Film Tiefe – sie verstehen die Hauptfigur auf ihre Weise.

Das abgelegene Haus auf dem Land, in das Grace und Jackson ziehen, wirkt fast wie eine eigene Figur.

Ja, das war beabsichtigt. Ich dachte dabei ein wenig an »The Shining«, natürlich ganz anders, aber mit dieser unterschwelligen Unheimlichkeit. Die Produktionsdesignerin war fantastisch: die blumigen Tapeten, der Blick in den Wald, alles trägt zu dieser Atmosphäre bei. Das Haus ist ein brodelnder Charakter, man spürt sofort: Hier geht es nicht gut aus.

Wie haben Sie mit Ihrem langjährigen Kameramann Seamus McGarvey die visuelle Ästhetik des Films entwickelt?

Zuerst ging es um das Format. Das Haus war quadratisch, also entschieden wir uns gegen CinemaScope und für Academy – wie klassische Porträts. Dann kam die Idee, auf Umkehrfilm zu drehen, sehr farbintensiv, aber nur 100 ASA. Wir konnten damit kein echtes Nachtmaterial drehen, also entschieden wir uns für »Day for Night« – tagsüber filmen, aber so belichten, dass es wie Nacht aussieht. Das ergibt diesen silbrigen, surrealen Look. Ich kenne Seamus seit 30 Jahren. Wir verstehen uns blind. Ein paar Tage musste ich selbst drehen, als er kurz weg war – das war nervenaufreibend, aber es sah am Ende gut aus.

Sie arbeiten meist mit kleinem Team und hohem Tempo.

Ja, wir waren extrem schnell. Ich hatte vergessen, wie langsam es sein kann, mit Film zu drehen. Man muss Magazine wechseln, es dauert. Aber ich will eine Atmosphäre, in der sich alle sicher fühlen und Ideen einbringen können. Angst ist Gift für Kreativität. Einmal hatten wir kaum Licht und nur noch 90 Minuten, um eine große Szene zu drehen, den Heiratsantrag. Ich sagte zu Robert Pattinson: »Du bist jetzt eine Katze im Gras.« Er sah mich erst entgeistert an, aber er machte mit. Jennifer auch. Und es wurde eine meiner Lieblingsszenen.

Sie selbst sollen am Set sehr energiegeladen sein.

Oh, ich bin wie ein Kind auf einem Spielplatz. Alles bewegt sich schnell, du musst instinktiv reagieren. Unser Editor Toni Froschhammer aus Berlin ist Musiker, spielt in einer Band. Er sagte immer: »Das ist ein Punk-Song. Wir sollten ihn nicht polieren. Er kann ruhig ein bisschen messy sein.« Wir schnitten in nicht mal fünf Monaten. Wahnsinn, aber es passte zum Film.

Sie sagten einmal, Sie werden eins mit Ihren Figuren.

Ich versetze mich ganz unbewusst in ihre Lage und versuche zu sehen, was sie sehen. Das ist hilfreich, aber auch verrückt. Grace ging mir sehr nahe. Ein bisschen von dem, was damals gerade in meinem Leben passiert ist, ist in ihr drin. Man möchte nicht zu lange damit leben.

Auf dem Soundtrack sind Stücke von David Bowie, Cocteau Twin und Elvis Presley sind auch im Film zu hören. Wie kam die Auswahl der Stücke zustande?

Den Bowie-Track »Kooks« wollte ich schon lange verwenden, ursprünglich in »Morvern Callar«, aber die Rechte kamen zu spät. Hier passte er perfekt. Ich hatte immer die Vorstellung, dass die beiden Hauptfiguren ein Paar aus New York sind, das in diese heruntergekommene, aber kostenlose Gegend zieht. Sie haben eine große Plattensammlung, sie hören viel Musik, schreiben selbst Songs. Ich schaue kaum noch Filme – außer Dokumentationen –, aber ich höre ständig Musik. Das hat den Film sicher geprägt.

Den Joy-Division-Song »Love Will Tear Us Apart« singen sogar selbst.

Es war gar nicht geplant, dass das im Film landen würde, ich habe es einfach auf meinem Handy aufgenommen. Wir dachten darüber nach, dass Jennifer und Robert ihn als Duett singen, aber dann blieb er einfach hängen, den Leuten hat es gefallen. Ich persönlich kann meine eigene Stimme nicht ausstehen, aber ich liebe den Punktrack am Anfang, »Zero«. Den habe ich tatsächlich geschrieben, zusammen mit George Vjestica, dem Gitarristen der Bad Seed. In Cannes wurde der Track gespielt, als wir auf dem Roten Teppich waren, was ziemlich verrückt war.

Was hat Sie selbst zum Filmemachen gebracht?

Meine Mutter, die kurz vor der Premiere des Films in Cannes gestorben ist. Mit ihr zusammen habe ich die Klassiker entdeckt, wir sind in Glasgow jeden Sonntag in die Matinee. Hitchcock, Western, »Mildred Pierce«. Allein »Imitation of Life« haben wir sicher 20 Mal gesehen und jedes Mal geheult.

Sie nannten einmal Robert Bressons Buch Notizen zum Kinematographen eine Art Bibel.

Das nehme ich noch heute manchmal zur Hand. Ich habe es gelesen, bevor ich seine Filme sah. Es lag zufällig in der Filmschulbibliothek. Viele seiner Gedanken haben mich geprägt – etwa, dass man kein schönes Bild neben ein anderes schönes Bild setzen soll, weil sie sich gegenseitig aufheben. Ich stimme nicht mit allem in Bressons Buch überein, aber es ist wunderschön. Ich schenke es oft jungen Filmemacher*innen. Ich selbst besitze sogar eine Erstausgabe, die mir mal jemand geschenkt hat. Wunderschön.

Was kommt als Nächstes?

Ich würde gern öfter drehen, am liebsten zwei Filme im Jahr. Ich habe drei Drehbücher fertig oder fast fertig, für zwei haben wir bereits grünes Licht. Und eines ist ein Herzensprojekt mit Joaquin Phoenix, das 1910 in Alaska spielt. Johnny Greenwood hat das Skript gelesen und meinte: »Ich konnte die Kälte fühlen.« Und dann gibt es noch ein sehr schräges Projekt mit Ezra Miller. Ich mache es mir also nicht leicht. Aber langweilig wird es nie.

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