Das Phänomen »Stranger Things«

»Stranger Things« (Staffel 5, 2025). © Netflix

© Netflix

Parallel zum Wettstreit um Warner Bros. hat Netflix mit der finalen Staffel von »Stranger Things« eines seiner Serien-Flaggschiffe verabschiedet. Zeit für einen Rückblick auf das Phänomen und für die Frage, was nun kommt

In Zeiten von immer neuen Streaminganbietern und massivem Content-Überfluss kommt es kaum noch vor, dass eine Serie zum großen, übergreifenden Gesprächsthema wird. Die Veröffentlichung der fünften Staffel von »Stranger Things« jedoch löste einen Hype aus wie zuletzt »Game of Thrones«. Über die Qualität der finalen Staffel herrschte Uneinigkeit, diskutiert aber wurde allerorten. Selbst jetzt, einige Wochen nach Veröffentlichung der letzten Folge, werden die sozialen Medien von Szenenausschnitten, Memes und Behind-the-Scenes-Material geflutet, Fans tauschen Theorien über fehlende Handlungsbausteine aus und einige der eher Unzufriedenen sammelten gar Hinweise darauf, dass angeblich noch eine weitere letzte Folge existiere.

Mit der Geschichte um eine amerikanische Kleinstadt in den 80er Jahren, in der sich eine Verbindung zu einer unheimlichen Parallelwelt (das Upside Down) auftut und eine Gruppe Jugendlicher auf ein mysteriöses Mädchen mit übernatürlichen Fähigkeiten trifft und gegen die Monster der Parallelwelt sowie geheime Regierungsprojekte kämpft, hat »Stranger Things« das serielle Erzählen natürlich nicht neu erfunden. Aber die Serie bot einen ungewohnten, faszinierenden Mix aus Mystery, Fantasy, Horror, Science-Fiction und Drama, kombiniert mit Coming-of-Age-Elementen, 80er-Jahre-Popkultur und nerdigen Verweisen auf Physiktheorien und »Dungeons & Dragons«-Welten. Was in der Theorie keine richtige Zielgruppe hatte – zu gruselig für jüngere, zu jugendlich für ältere Zuschauer:innen – fand in der Praxis eine riesige Fangemeinde. Zahlreich waren auch die Einflüsse anderer Werke, die die Serienschöpfer Matt und Ross Duffer in »Stranger Things« einfließen ließen: »Stand by Me« etwa, »Die Goonies«, »E. T.«, »Die unheimliche Begegnung der dritten Art«, »ES« oder »Twin Peaks«.

Mit einer klar horizontal konzipierten Erzählung und Cliffhangern nach jeder Folge gehörte »Stranger Things« – 2016 gestartet, kurz nachdem Netflix auch in Deutschland verfügbar war – zu den Serien, die das Bingewatching, den Serienmarathon, etablierten. Zugleich war »Stranger Things« aber auch eine der ersten Serien, die mit der Praxis brachen, sie sofort im Ganzen zu veröffentlichen. Bei Staffel 4 wurden die letzten beiden Folgen zu einem etwas späteren Zeitpunkt herausgebracht, bei Staffel 5 gab es eine über einen Monat verteilte dreiteilige Veröffentlichung der insgesamt acht Folgen. Das dürfte zum Eventcharakter beigetragen haben. Anders als Serien, die im linearen Fernsehen ausgestrahlt werden und sich in eine klare Sendestruktur eintakten müssen, konnte »Stranger Things« bei den Laufzeiten relativ flexibel agieren. Anstatt klassischer 45 oder 60 Minuten pro Folge variierten die Laufzeiten bei der vierten Staffel zwischen 65 und 143 Minuten und bei Staffel 5 zwischen 54 und 129 Minuten. Folgen mit Spielfilmlänge kann sich eine etablierte Serie natürlich eher leisten, die Duffer-Brüder nutzten sie, besonders in Staffel 4, aber auch für eine perfekt ausgearbeitete Dramaturgie mit legendären Höhepunkten, etwa durch die Einbindung von Kate Bushs 1985er Hit »Running Up That Hill«, der durch die Verwendung in der Serie ein Revival erlebte.

In der fünften Staffel scheint den Duffer-Brüdern das dramaturgische Gespür allerdings etwas abhandengekommen zu sein. Boten die ersten vier Folgen noch eine relativ stringente Wiedereinführung in die »Stranger Things«-Welt und steuerten klar auf einen vorläufigen Höhepunkt zu, kämpften die folgenden Episoden mit einem Problem, das viele lang andauernde Serien und Filmreihen haben: Die Bedrohungen wurden mit der Zeit immer bombastischer, die erzählte Welt größer und komplexer und die Figuren immer mehr. Fast zwangsläufig beschwerten sich Fans bei Staffel 5, dass Figuren zu kurz kamen und entscheidende Wendungen nicht schlüssig erschienen; dass Zuschauer:innen, die das in London und New York aufgeführte Theaterstück »Stranger Things: The First Shadow« kannten, einen Wissensvorsprung hatten, sorgte ebenfalls für Irritationen. Anstelle von subtilem Grusel und schrittweisem Miträtseln gab es immer mehr actiongeladene Kampfszenen, bei denen sowohl die Demogorgons aus dem Upside Down als auch die vor Ort stationierten Soldaten ohne Zögern niedergemetzelt wurden. Immer wieder hatte man zudem das Gefühl, dass den Zuschauern große Emotionen aufgezwungen werden sollten; gefühlt in Dauerschleife gab es Stilmittel wie Super-Zeitlupen und die Verwendung bewährter Songs.

Kurzum: Die fünfte Staffel ließ ein wenig erzählerische Raffinesse vermissen. Und trotzdem machte das Zuschauen auch bei Staffel 5 durchgehend Spaß. Denn die Duffer-Brüder haben mit »Stranger Things« eine Welt kreiert, in die man gerne eintaucht, und Figuren, mit denen man gerne seine Zeit verbringt. Während in vielen neueren Serien Antihelden im Fokus stehen, identifizierten die Fans sich bei »Stranger Things« mit ihren Lieblingsfiguren und fieberten mit ihnen. So brachten etwa während Staffel 5 zahlreiche Fans in Social-Media-Posts ihre Sorge zum Ausdruck, dass die beliebte Figur Steve Harrington sterben könnte – denn bislang war in jeder Staffel eine populäre Figur gestorben und die Duffer-Brüder schienen bewusst mit den Ängsten der Fans zu spielen.

Die Bindung zu den Figuren ist eng mit der Tatsache verknüpft, dass es in »Stranger Things« eben nicht nur um den Kampf gegen Verschwörungen und bösartige Kreaturen ging, sondern immer auch um soziale Gemeinschaften, Freundschaft, die erste Liebe und die Tücken der Identitätsfindung. Ähnlich wie bei »Harry Potter« gab es auch bei »Stranger Things« eine Generation an Fans, die gewissermaßen mit den Figuren zusammen erwachsen wurden. Selbstfindung und die Überwindung von Ängsten und Traumata wurden dabei auch zum elementaren Baustein im Kampf gegen das Böse. Dass »Stranger Things« explizit auch queere Perspektiven in den Mittelpunkt stellte, hebt die Serie nochmals von anderen Vertretern ab, auch wenn gerade dem Coming-out von Protagonist Will (Noah Schnapp) durch die Vielzahl an Handlungssträngen streckenweise der Fokus und damit die emotionale Intensität fehlte. In Zeiten, in denen Donald Trump und die MAGA-Bewegung Kampagnen gegen Minderheiten führen und versuchen, ihren Einfluss auf Hollywood zu vergrößern, ist der Aufruf zu Toleranz und Gemeinschaftssinn von erheblicher Bedeutung

Für welche Form des filmischen Erzählens wird Netflix in Zukunft stehen? Mit dem »Stranger Things«-Universum wird es weitergehen, unter anderem ist die Animationsserie »Stranger Things: Tales from '85«: geplant und ein noch nicht näher definiertes Live-Action-Spin-off. Damit wird »Stranger Things« zum ersten großen Netflix-Franchise mit Ablegern abseits der Ursprungsgeschichte. Auch hinsichtlich Begleitmaterial (Bücher, Games) und Merchandise (T-Shirts, Kaffeetassen, Demorgorgon-Wecker) ist »Stranger Things« ein Zugpferd, und natürlich spielt die Serie eine Rolle beim jüngst in den USA eröffneten Netflix-House: ein Erlebniszentrum nahe Philadelphia mit an Produktionen wie »Wednesday«, »One Piece«, »Squid Game« und eben »Stranger Things« angelehnten Themenwelten. Wird Netflix also zu einer Art Disney 2.0, ein um bekannte Marken herum gebautes Unterhaltungsimperium? Die Übernahme von Warner Bros. wäre da praktisch, gäbe es doch auf einen Schlag weitere populäre Franchises im Katalog. Erfolg garantieren solche Expansionen aber nur bedingt. Disney etwa ist trotz des Kaufs bekannter Marken wie Star Wars und Marvel weit davon entfernt, Netflix als Marktführer im Streaming abzulösen.

Was Netflix neben dem frühen und konsequenten Fokus auf Streaming sowie der Einbindung internationaler Filmindustrien erfolgreich gemacht hat, war auch das Gespür für ungewöhnliche und mutige neue Inhalte. Was es zukünftig neben den etablierten Marken geben wird, bleibt abzuwarten. Die Duffer-Brüder haben übrigens bereits vor einigen Monaten für Projekte abseits des »Stranger Things«-Universums einen Vertrag mit Paramount abgeschlossen. Der Kampf um die Vormachtstellung in der Unterhaltungsindustrie ist eben auch ein Kampf um die angesagten kreativen Köpfe der Branche.

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