Interview: Chloé Zhao und Jessie Buckley über »Hamnet«
Am Set von »Hamnet« (2025). © Agata Grzybowska / Focus Features
Chloé Zhao und Jessie Buckley sprechen über die Verfilmung von »Hamnet«, über Wahrhaftigkeit im historischen Erzählen, ungewöhnliche Arbeitsmethoden am Set und neue Perspektiven auf Shakespeare und seine Figuren
Ms. Zhao, mit »Hamnet« begeben Sie sich erstmals als Regisseurin zurück in die Vergangenheit und erzählen – wenn auch auf Basis einer fiktionalen Geschichte – von realen Personen. Haben Sie bewusst nach einem solchen Stoff gesucht?
Zhao: Nein, im Gegenteil hatte ich an einem Kostümfilm oder Ähnlichem überhaupt kein Interesse. Weswegen ich beim ersten Mal, als mir Hamnet angeboten wurde, auch direkt absagte, ohne überhaupt die Romanvorlage zu lesen. Aber dann traf ich mich nur ein paar Tage später beim Filmfestival in Telluride mit Paul Mescal, der nun im Film die männliche Hauptrolle spielt. Ich wusste damals nichts über ihn, sein erster großer Film »Aftersun« lief noch nicht in den Kinos. Doch er schwärmte mir von der Geschichte vor und wollte unbedingt an der Verfilmung mitwirken. Er versicherte mir, dass dies eben gerade nicht so ein typischer historischer Roman sei, und irgendwie wurde ich neugierig.
Was sprach Sie dann bei der Lektüre an?
Zhao: Gar nicht so sehr William Shakespeare, auch weil ich nie eine große Shakespeare-Kennerin war. Aber die Figur seiner Frau Agnes faszinierte mich von der ersten Seite an. Ihr Verhältnis zum Unsichtbaren, zu ihren Ahninnen und Ahnen, zum Wald und zur Natur – das war der Ort, an den ich mich als Filmemacherin begeben wollte. Die Liebesgeschichte zwischen ihr und William packte mich auch, weil die beiden so vollkommen unterschiedlich sind. Die Gegensätze zwischen ihnen sind das, was sie aneinander lieben und womit sie sich gegenseitig ergänzen. Aber als sie dann einen tragischen Schicksalsschlag erleiden, entsteht eben auch eine große Distanz zwischen den beiden, weil sie so unterschiedlich damit umgehen.
Fühlten Sie sich von Ähnlichem angezogen, Ms. Buckley?
Buckley: Mich reizte, ganz unabhängig vom eigentlichen Stoff, natürlich zunächst einmal die Zusammenarbeit mit einer Regisseurin wie Chloé. Aber dann las ich auch den Roman, und zwar in einem Rutsch, weil ich ihn nicht aus der Hand legen konnte. Diese Frau, also Agnes, war jemand, von dem ich nicht wusste, dass ich sie in meinem Leben brauchte. Sie ist so eins mit ihrem Körper und ihrem Geist, mit etwas, das so viel größer ist als sie selbst. Selten war ich einer Figur begegnet, die derart stark und doch so zart ist. Außerdem war ich neugierig auf das Thema Mutterschaft, zu dem ich zu dem Zeitpunkt noch keinen persönlichen Bezug hatte. Die Szene im Buch, in der Agnes mitten im Wald ihr Baby zur Welt bringt, ließ mich Ewigkeiten nicht los, so außergewöhnlich elementar war sie geschrieben.
Ms. Zhao, Ihre ersten drei Filme lebten von Realismus, von natürlichem Licht und Laienschauspieler*innen. Danach drehten Sie mit dem Marvel-Superheld*innen-Film »Eternals« das komplette Gegenteil. Wie ordnet sich »Hamnet« da nun ein?
Zhao: Eine gewisse Form von Realismus oder mindestens Wahrhaftigkeit suche ich eigentlich in allen meinen Filmen. Auch »Eternals« war – innerhalb der Wirklichkeit dieser Figuren – so realistisch wie möglich. Sie mögen zwar Laserstrahlen aus ihren Augen geschossen haben, aber dennoch habe ich versucht, sie so glaubwürdig und dreidimensional wie möglich darzustellen. Genauso war es bei »Hamnet«. Und ich war froh, bei »Eternals« schon einmal die Erfahrung gemacht zu haben, was es bedeutet, eine Welt erst einmal kreieren, statt »bloß« abbilden zu müssen. Das ist natürlich in gewisser Weise eine Beschränkung. Gleichzeitig sah ich mich dadurch noch mehr als bei meinen ersten Filmen gezwungen, mich komplett auf mein Ensemble zu konzentrieren und dort das Reale und Wahrhaftige zu finden. Weil ich nicht einfach die Kamera schwenken und eine echte, existierende Umgebung zeigen konnte, waren für den Realismus allein die Schauspielerinnen und Schauspieler zuständig.
Wie sehen in einem solchen Fall die Anweisungen an Ihre Hauptdarsteller*innen aus?
Zhao: Bei der Arbeit mit Frances McDormand an »Nomadland« habe ich schnell begriffen, dass ich Schauspielerinnen und Schauspielern dieses Kalibers nicht sagen kann oder will, was sie tun sollen. Die suchen von sich aus immer nach der Wahrhaftigkeit und haben genug Erfahrung und Gespür, um immer zu wissen, was sie tun. Da sage ich meistens nur Dinge wie: »Mach hier mal ein bisschen mehr.« Oder: »Vielleicht fünf Prozent weniger intensiv.« So ähnlich habe ich das auch dieses Mal gehandhabt.
Ms. Buckley, wie haben Sie das erlebt?
Buckley: An das, was Chloé gerade beschrieben hat, erinnere ich mich gar nicht so sehr. Vielleicht hat Paul solche Anweisungen eher bekommen als ich? Aber ich weiß, dass wir beide vor großen Szenen immer am Vorabend zusammensaßen, um – wie wir es nannten – in der Suppe zu rühren. Ich habe mich dabei ganz tief in die Gefühle dieses Moments zu begeben versucht, ohne schon konkrete Ideen fürs Spiel zu entwickeln, und dann wie in einem Fiebertraum alles aufgeschrieben, was mir einfiel. Die Essenz dieser oft abstrakten Gedanken habe ich vorm Drehen immer noch mal an Chloé geschickt, oft auch mit einem Song oder Musikstück, das ich damit assoziiert habe. So hatten wir eine Art emotionale Textur, an der wir uns orientieren konnten, ohne dass konkrete Vorgaben für die Szene im Raum standen, die mich in meinem Spiel erstickt hätten.
Das passt zu anderen Arbeitsmethoden, von denen Sie an anderer Stelle bereits berichtet haben, Ms. Zhao. Gemeinsame Meditationen, Traum- und Tanz-Sessions – hatten Sie solche Rituale auch schon an den Sets früherer Filme eingeführt oder hatte das bei »Hamnet« konkreten Bezug zu dieser Geschichte?
Zhao: Bei meinen ersten Filmen brauchte ich solche Rituale nicht, denn die Menschen, die ich darin zeigte, hatten ihre eigenen. Die Nomaden in »Nomadland« machten morgens nach dem Aufwachen ihren Kaffee, bereiteten ihr Feuerholz vor und waren dann bereit zum Drehen. Bei den Cowboys in The Rider war es genauso. Sie lebten einfach ihr Leben – und irgendwann liefen eben die Kameras. Aber bei »Eternals« habe ich dann realisiert, dass das mit professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern natürlich etwas anderes ist – und der Weg vom Wohnwagen zum Set vielleicht nicht lang genug ist, um wirklich einzutauchen in die Figur und die Emotionen der bevorstehenden Szene. Das wollte ich in »Hamnet« nun unbedingt besser einfangen, und so haben wir eben nach Wegen gesucht, wie wir morgens gemeinsam den sanften Übergang in den Arbeitstag hinbekommen.
Konnten Sie als Hauptdarstellerin mit diesen Methoden etwas anfangen, Ms. Buckley?
Buckley: Unbedingt. Das war aber auch alles nur halb so exotisch oder aufregend, wie es für Außenstehende vielleicht klingen mag. Es war nicht so, dass wir morgens alle zusammen in einem Ashram saßen und uns gegenseitig die Bäuche gerieben haben. Vielmehr ging es einfach darum, mental zur Ruhe zu kommen und den eigenen Körper zu spüren. Dafür fand ich diese Übungen enorm hilfreich. Chloé weiß sehr genau, wie man Menschen dabei hilft, sich zu öffnen und in ein Stadium zu kommen, in dem man schöpferisch tätig sein kann. Nicht umsonst kam am Ende in der Summe sehr viel mehr dabei heraus als nur ein Film. Unsere Set-Fotografin Agatha hatte zum Beispiel gerade eine Ausstellung in London mit all den Bildern, die sie gemacht hat. Und Max Richter hat begleitend zu »Hamnet« großartige Musik geschrieben, die auch jenseits der Leinwand ein Eigenleben entwickeln wird.
Lassen Sie uns aber noch einmal zur eigentlichen Geschichte des Films kommen und zu der Tatsache, dass es hier mit Agnes und William Shakespeare um Menschen geht, die wirklich existiert haben. War es Ihnen beim Verkörpern der Rolle ein besonderes Anliegen, dieser Frau, über die bisher eigentlich kaum jemand etwas wusste, eine Stimme zu geben?
Buckley: Sagen wir es mal so: Über welche historische Figur wissen wir schon wirklich etwas? Auch von Shakespeare kennen wir doch eigentlich nur sein Werk, nicht seine persönlichsten Gedanken. Aber ich weiß natürlich, was Sie meinen. Frauen wie Agnes werden in unseren Geschichtsbüchern ignoriert, zum Verstummen gebracht oder missverstanden. Eine Frau, die der Liebe eines genialen Künstlers wie Shakespeare würdig gewesen ist, macht vermutlich anderen Männern Angst. Ich kann nicht behaupten, dass ich mir beim Spielen selbst über diesen Aspekt allzu viele Gedanken gemacht habe. Aber im Rückblick finde ich es schon sehr spannend, dass beide Figuren, die ich im vergangenen Jahr verkörpert habe, traditionell eigentlich keine Stimmen hatten. Frankensteins Braut – die ich in »The Bride« gespielt habe – durfte bislang in keinem Film je etwas sagen, und von Agnes, der solch eine Schlüsselrolle zukam im Schaffensprozess ihres Mannes, haben wir bisher auch noch nichts gehört.
Ms. Zhao, Sie sagten eingangs, dass Sie nie eine Shakespeare-Expertin waren. Hat sich denn Ihr Blick auf ihn und sein Werk durch die Arbeit an »Hamnet« verändert?
Zhao: Selbstverständlich. Ich wusste und verstand wirklich nicht viel von ihm, was natürlich auch immer damit zu tun hatte, dass meine Muttersprache Chinesisch ist. Am ehesten kannte ich Verfilmungen seiner Stücke. Mein Eindruck von »Hamlet« war zum Beispiel, dass es darin um Rache geht, was mich nie sonderlich interessiert hat. Erst jetzt habe ich begriffen, dass es darum geht, am Leben festzuhalten. Und habe realisiert, dass Hamlet ja eigentlich ein ziemlich junger Mann ist, auch wenn er aufgrund der Komplexität der Rolle meist von deutlich älteren Schauspielern gespielt wird. Es geht also im Stück eigentlich um jemanden, der voller Leben und Hoffnung sein müsste, würde er nicht andererseits damit zu kämpfen haben, wie viel unaushaltbare Tragik er trotz seiner jungen Jahre schon aushalten muss. Gerade für »Hamlet« also habe ich inzwischen eine ganz neue Wertschätzung gewonnen.






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