Kritik zu No Other Choice
Nach dem Neo-Noir »Die Frau im Nebel« und der Vietnamkriegs-Miniserie »The Sympathizer« liefert Park Chan-wooks neues Werk Kapitalismuskritik von höchst anschaulicher Art. Die Verfilmung von Donald Westlakes Satire »Die Axt« von 1997 geht für Südkorea ins Oscar-Rennen.
Hat er wirklich keine andere Wahl? Man-soo sagt dieses »Keine andere Wahl« wie ein brutales Mantra immer und immer wieder vor sich her, um sich für seine Taten anzufeuern. Und doch bleibt es seine eigene Entscheidung: Aus der Überlegung, dass nicht die wenigen Jobs, sondern die vielen qualifizierten Anwärter das Problem seien, zieht der arbeitslos gewordene Familienvater mörderische Konsequenzen. Zugegeben, die Fallhöhe ist schmerzhaft: In einer Exposition, die an wunderbarem Kitsch schwer zu überbieten ist, zelebriert Man-soo eine Existenz, in der sich Leistung wahrhaft gelohnt hat. Der leitende Job in der Papierindustrie bietet die Grundlage für das perfekte Glück mit Ehefrau Mi-ri, zwei Kindern und zwei Golden Retrievern, einem Haus mit Garten und Gewächshaus, in dem er seiner Pflanzenliebe und dem Bonsai-Hobby frönen kann. Nur die tragische Schlagseite des Adagios aus Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 kündigt an, dass diese Idylle nicht von Dauer ist.
Die Entlassung bei »Solar Paper« nach der amerikanischen Übernahme der Firma ist dann der Schock. Nicht nur wegen des bedrohten Wohlstands, sondern auch wegen der sozialen Degradierung, denn während Amerikaner einfach »gefeuert« werden, ist für Koreaner die Entlassung wie eine Hinrichtung – »Kopf ab!«. Die Verzweiflung nimmt man Hauptdarsteller Lee Byung-hun (»Squid Game«), mit dem Park Chan-wook bereits bei seinem Erstling »Joint Security Area« zusammengearbeitet hat, ab. »Der koreanische Jack Lemmon« (Park Chan-wook), ein Jedermannsgesicht, findet die richtige Balance zwischen sensibler Verletztheit, Scham und Verbissenheit. So kann man zwar nicht sagen, dass sein Man-soo sympathisch wäre – aber menschlich wirkt er auch in seinen monströsen Momenten.
13 Monate nach der Entlassung: Man-soo hat immer noch keinen adäquaten Job gefunden und jobbt als Aushilfe in einem Supermarkt. Auch Mi-ri (Son Ye-jin) hat wieder zu arbeiten begonnen, und viele Annehmlichkeiten des Familienlebens sind gestrichen. Schlimmer noch als die Aufgabe des Zweitautos, die Übergabe der Hunde in die Hände der Großeltern und sogar die Kündigung des Netflix-Abos wiegt der anstehende Verkauf des Hauses. Man-soos Schmerzgrenze ist erreicht – er zieht in den Krieg, und die Feinde sind seine direkten Konkurrenten um die guten Jobs in der Papierbranche, jene, die ihn ausstechen könnten …
Bereits 2005 hatte Costa-Gavras den Roman »The Ax« von Donald Westlake verfilmt – mit José Garcia in der Hauptrolle, in Deutschland als »Die Axt« bzw. »Jobkiller« nur auf DVD erschienen. Am Anfang des Jahrtausends reihte er sich in eine Serie von Werken ein, die sich den psychischen Deformationen im Spätkapitalismus widmeten, darunter Laurent Cantets »Auszeit« von 2001, in dem ein Mann seiner Familie monatelang verheimlicht, dass er seinen Job verloren hat, oder Nicole Garcias »Ein perfektes Leben« (2002), in dem der Protagonist ebenfalls jeden Tag die Zeit totschlägt, während die Familie annimmt, er sei bei der Arbeit. Ohne Karriere scheinen all diese Männer ein Nichts zu sein – so nun auch der Antiheld von »No Other Choice«.
Park Chan-wooks Adaption verlegt Westlakes Story nicht nur in den kulturellen Kontext Koreas, sondern legt im Vergleich zur Erstverfilmung ein paar Schippen an Groteske und Grausamkeit drauf. In virtuoser Inszenierung mit lustvoll-boshaftem, doch nicht herzlosem Drive zieht er uns in die Spirale von Man-soos »Bewerbungsstrategie« hinein. Man sagt ja, Arbeitslose sollten Eigeninitiative ergreifen – in dieser Hinsicht ist Man-soo vorbildlich. So findet er einen raffinierten Weg, die gefährlichsten Mitbewerber zu identifizieren: Er gibt selbst ein Inserat der erfundenen Fabrik »Moon Paper« auf, mit der Bitte um aussagekräftige Bewerbungen, selbstverständlich nur in Papierform. Aus dem Gegensatz analoge Tradition versus neueste Technologie und KI strickt der Film übrigens en passant einen eigenen Themenstrang.
Man-soos weiteres Vorgehen stellt sich allerdings als pannenanfällig heraus und führt stellenweise in pures Chaos. »No Other Choice« erzählt das mit viel schwarzem Humor, der sich sowohl aus Situations- und Dialogkomik, als auch aus schwungvollem, bisweilen rustikalem Slapstick speist. Eine herausragende Rolle spielt dabei der Soundtrack, der neben Cho Young-wuks Originalscore mit vielen koreanischen Popsongs und Schlagern aufwartet, die das Geschehen ironisch kommentieren. Auch drastische Grausamkeiten (früher fast so etwas wie ein Markenzeichen Park Chan-wooks) spielen dabei eine Rolle, erscheinen allerdings nie als Selbstzweck, sondern treiben das Zusammenspiel von Tragik und Absurdität auf die Spitze – im Dienst der schmerzhaften Satire.
Zur bloßen Nummernrevue wird die Mordserie nie: Man-soos Opfer sind durchgängig differenziert dargestellt, so auch der Unsympath, von dem sich Man-soo in dessen Chalet im Wald einladen lässt, um ihn dort bei einem Alkoholexzess zur Strecke zu bringen. Die Hüttensause mit »Bomben-Shots« à la Poktanju (ein koreanisches Trinkritual, in dem Whiskyshots in Biergläsern versenkt werden) und einer spontanen Zahnextraktion zählt zu den bizarren Höhepunkten in einem an denkwürdigen Szenen nicht eben armen Film. Surreale Akzente in der ungeheuer form- und farbenreichen Inszenierung setzen zudem kurze rätselhafte Visionen sowie eine eindrucksvolle Traumsequenz.
Thematisch mögen Vergleiche zwischen »No Other Choice« und Bong Joon-hos Oscargewinner »Parasite« naheliegen, doch während »Parasite« den Fokus auf Klassenunterschiede legt, lotet Park Chan-wook den Geist der Mittelschicht im Kapitalismus aus – und ist stilistisch verspielter und überbordender, was jedoch nicht auf Kosten der analytischen Schärfe geht. Zentral bleibt die Frage nach der Identität in der Leistungsgesellschaft: Sind wir unser Job? Was sind wir ohne ihn? Wie flexibel ist unsere Moral, wenn es um Statuserhalt geht? Und warum sehen wir den Feind nicht im unmenschlichen System, sondern in Menschen, die demselben Druck wie wir ausgesetzt sind?
Auch nimmt der Film die heile Familie auseinander, die er anfangs so genüsslich vorgestellt hat. Wie kann es zum Beispiel sein, dass Man-soo und Mi-ri vom Ausnahmetalent ihrer Tochter am Cello jahrelang nichts bemerkt haben? Darüber hinaus zeichnet der Film ein wenig schmeichelhaftes Bild der koreanischen Gesellschaft, insbesondere koreanischer Männer – ein Bild von Verunsicherung, Verstörung und Flucht in Machogehabe. Das Ende schließlich setzt meisterhaft die tiefe Melancholie hinter der Groteske von »No Other Choice« ins Bild – und führt den erbitterten Kampf von Man-soo um seine Würde gänzlich ad absurdum.




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