Arte: »Ein Nobody gegen Putin«

Ein Pädagoge filmt die Propaganda an einer russischen Schule. Die Doku geht ins Oscar-Rennen.

So fangen Gruselfilme an: Ein Mann geht hinaus in die Nacht. Bei sich trägt er Spaten und Taschenlampe. Aus dem Off hört man eine warnende Telefonstimme … Das Autorenduo Pavel Talankin und David Borenstein blendet erst einmal zweieinhalb Jahre zurück. Talankin ist pädagogischer Projektleiter und Videodokumentar an der Schule Nr. 1 in Karabasch im Ural. Ein Industriegebiet. Rohre durchziehen die Landschaft, Schutthalden verstellen den Blick. Die UNESCO stuft Karabasch als den »giftigsten Ort der Welt« ein. »Dabei ist es hier gar nicht so schlimm«, vermeldet Talankin fröhlich. Defätismus kann man ihm nicht nachsagen. Er arbeitet gern an der Schule Nr. 1. In seinem Werkraum können Schülerinnen und Schüler unbeschwert ihren Hobbys nachgehen.

Die Zeiten ändern sich. Dem Kollegium werden neue Unterrichtsinhalte verordnet. Der Krieg in der Ukraine, der so nicht bezeichnet werden darf, wird Thema. Talankin filmt. Kritische Anmerkungen fügt er später hinzu. Aufzeichnungen der Propagandastunden müssen an eine zentrale Sammelstelle geschickt werden, als Beweis für die Umsetzung der Direktiven. Eine Lehrerin liest vor: »In der Ukraine wird die Politik von Radikalen, Nationalisten und Neonazis bestimmt.« Vor »Neonazis« macht sie eine Pause, als ob sie zweimal lesen müsse. Eine andere kommt bei den Worten »Demilitarisierung« und »Denazifizierung « ins Stammeln. Talankin lässt sie den Satz wiederholen. Er kommentiert lakonisch: »Manche hatten Mühe mit den neuen Wörtern im Lehrplan.« Einem Geschichtslehrer, Mitglied der Regierungspartei, gehen die Lügen leichter über die Lippen. Er erzählt der Klasse, wegen der gegen Russland verhängten Sanktionen zahlten Franzosen für eine Pkw-Tankfüllung über 150 Euro und würden bald wieder auf Pferden reiten. Es gebe in Europa keine landwirtschaftlichen Produkte mehr. Talankin schneidet Aufnahmen aus 2005 ein, von lebhaften Lehrkräften und fröhlichen Schülern. Ein Kontrast zur Situation im Jahr 2022. Die Bilder sprechen für sich. Die Schülerschaft lernt Marschieren und übt Granatenweitwurf. Wagner-Söldner übernehmen Teile des Unterrichts. Talankin wagt Gesten des Protestes. An den Scheiben der Schule prangt das Z, Zeichen der Invasionstruppen. Talankin verwandelt es in ein X. Er lässt Lady Gagas Version der US-Nationalhymne laufen, legt die Flagge auf dem Schulgebäude flach. Seine oppositionelle Haltung bleibt nicht unbemerkt. Es wird gefährlich …

Noch in Russland kontaktiert er eine dänische Produktionsfirma und beschließt, filmische Zeugnisse zu sammeln. 2024 verließ er Karabasch. Gemeinsam mit Borenstein schuf er aus dem Material einen abendfüllenden Dokumentarfilm. Die Gemeinschaftsproduktion europäischer öffentlich-rechtlicher Sender, darunter ZDF und arte, wurde beim Sundance Festival prämiert und ist als bester Dokumentarfilm auf der Shortlist für einen Oscar.

Meinung zum Thema

Kommentare

Ein erschütternder, unbedingt sehenswerter Film, den sich vor allem jene ansehen sollten, die in der Bundesrepublik gegen Aufrüstung demonstrieren ( sie werden es nicht tun). Der junge Regisseur zahlt einen hohen Preis, ich hoffe, er kann im Westen Fuss fassen.

Der Film ist gemeinsam entstanden von Pavel Talankin und dem professionellen Regisseur David Borenstein. Man spürt für mich sehr deutlich, wie stark die professionelle Regie in Dramaturgie und Erzählweise eingreift. An manchen Stellen wirkt das auf mich eher aufgesetzt, fast wie ein westlich lesbares Narrativ, das dem Material übergestülpt wird. Dadurch verliert der Film für mich an Offenheit und Spannung und kippt stellenweise sogar in Richtung Propaganda für westlicher Wahrnehmung.
Zum Vergleich: "A Fox Under a Pink Moon" von Mehrdad Oskouei, ebenfalls aus jahrelangem Protagonistin-Material entstanden, empfinde ich als viel eigenständiger und weniger gelenkt.

In diesem Film wird der angebliche Ich-Erzähler von einer externen Regie extrem stark manipuliert. Ich habe letzte Woche mit Pavel sprechen können und er hatte einen komplett anderen Film vor Augen. Stattdessen wird er zu einer heldenhaften Widerstandsfigur hochstilisiert. Die er aber gar nicht ist. Sein größter Akt des Widerstandes ist, dass er eine russische Fahne auf dem Schuldach flach hinlegt (als niemand zuschaut) und sich dabei selbst filmt. Pavels Idee zum Film ist gut, eigentlich wollte er die Propaganda im russischen Schulsystem dokumentieren. aber durch die Regie, die ihn zum Helden, zum David, der Goliath bekämpft, aufbauen will, wird der Film sehr, sehr manipulativ. In Frankreich gab es dafür standing ovations.

Ich war bei der Oscar-Vorauswahl-Vorstellung in Berlin, wo der Film vorgeführt wurde, beide Regisseure waren anwesend für Q&A. Der Eindruck des Helden hat defensiv der Borenstein gemacht, ganz abgesehen von seinem, sorry, immer nervigen Lächeln, hat er alle fragen beantwortet, während Pavel kaum was erzählte. Dort habe ich übrigens auch von der Rohschnitt Fertigstellung erfahren. Für mich ist es nicht Pavels Film, sonder der von David.

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