HBO Max: »If I Had Legs I'd Kick You«

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Selten fühlte sich Überforderung im Kino so körperlich an: Rose Byrne brilliert in Mary Bronsteins verstörendem Psychodrama

Wer Filme zur Entspannung schaut, sollte einen weiten Bogen machen um »If I Had Legs I'd Kick You«. Der Stress von Linda (Rose Byrne), Mutter eines essgestörten jungen Mädchens, erscheint schon schlimm; das Unwohlsein, das der Film auf die Zuschauer*in überträgt, ist noch schlimmer. Aber dann sind da eben auch von der ersten Aufnahme an Rose Byrne und die Art, wie sie diesem Stress ein Gesicht verleiht: einerseits offen und lesbar als völlig überfordert, andererseits verschlossen mit einem Trotz und einer Widerständigkeit darunter, die anzeigen, dass sie kein einfacher Charakter ist. Man kann für den Rest des Films einfach nicht mehr wegschauen.

Die Tochter sieht man nie. Zumindest nicht als Ganzes. Im Bildhintergrund erscheint sie mal als kleiner Hügel unter der Bettdecke, am Rand winkt ihr Arm beim Aussteigen aus dem Auto. Als Gestalt bleibt sie unsichtbar, aber präsent ist sie in fast jeder Minute des Films. Sei es durch ihre jammernd-nörgelnde Stimme – »Mama! Ich will einen Hamster!« –, oder durch das rhythmische Geräusch der Ernährungspumpe, an die sie angeschlossen ist. Übertragen durch ein schepperndes Babyphone, begleitet es Linda auf ihren nächtlichen Wegen.

Die Kamera ist vom ersten Moment an etwas zu dicht an Linda dran. Man sieht ihre Reaktionen, bevor ihre Umgebung ins Bild kommt. Erst nach und nach setzt sich so eine Skizze ihrer Lebenssituation zusammen. Linda reibt sich auf zwischen Fürsorge für die Tochter, die ambulant in einer Klinik behandelt wird, und ihrem Beruf als Psychotherapeutin. Ihr Mann (Christian Slater) befindet sich auf Dienstreise und mahnt am Telefon, dass Linda sich besser um die Tochter kümmern müsse. Damit nicht genug, geht in Lindas Leben so ziemlich alles schief, was schiefgehen kann: In ihrem Haus bricht die Decke ein, sodass sie mit Tochter und Ernährungspumpe in ein Motel umziehen muss. Die Klinik droht mit Abbruch der Behandlung, wenn die Tochter nicht endlich Gewicht zulege. Vor der Schule wartet täglich schon der Hausmeister, der Linda wegen ihrer Falschparkerei abstrafen möchte. Als sie nachts noch schnell Wein kaufen geht, schließt sie sich aus dem Hotelzimmer aus. Ihre Probleme werden immer nur noch größer.

Mit ein paar Jumpscares mehr könnte »If I Had Legs I'd Kick You« fast als Horrorfilm durchgehen. Tatsächlich laden das mysteriöse Loch an der Decke, die unsichtbare Tochter mit Schlauch im Bauchnabel und andere visuelle Elemente ein, nach vertrackteren Erklärungen zu suchen: Was, wenn die essgestörte Person in Wahrheit Linda selbst ist? Wie gesagt, das alles wäre kaum zu ertragen, wenn nicht Rose Byrne mit ihrer Darstellung aus der Anhäufung dieses alltäglichen Unglücks eine faszinierende Studie über Fragilität und Resilienz machen würde. »If I Had Legs I'd Kick You« ist zwar durchweg hervorragend besetzt: Rapper A$AP Rocky spielt selbstbewusst und locker einen undurchsichtigen Nachbarn, Conan O'Brien ist großartig als Lindas unwilliger, genervter Kollege. Aber es ist Rose Byrne, die den Film zum Must-see macht.

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