Filmgeschichte: Jutta Brückner

Kurze Wege zur Filmgeschichte
Sylvia Ulrich in »Hungerjahre« (1980)

Sylvia Ulrich in »Hungerjahre« (1980)

Jutta Brückner hat als Autorin und Regisseurin den feministischen Zweig des Neuen Deutschen Films maßgeblich geprägt. Jetzt kommt eine neue Arbeit von ihr ins Kino. Claudia Lenssen blickt zurück

Welcher Film ist der beste Einstieg ins Werk?

In ihrem Debütfilm »Tue recht und scheue niemand« legte Jutta Brückner 1975 die Spuren zu dem Lebensthema, das sie in ihrem schmalen Gesamtwerk bis heute beschäftigt. Nach einigen Drehbüchern für Margarethe von Trotta und Ula Stöckl fragte die damals frisch promovierte Politologin in ihrem ersten eigenen Film nach der Geschichte ihrer Mutter, einem exemplarischen kleinbürgerlichen Frauenschicksal im 20. Jahrhundert. Welche Träume und Wünsche hatte die Mutter nicht ausleben können? Wie prägten die äußeren Lebensbedingungen zwischen den Kriegen und danach die widersprüchlichen Erwartungen einer jungen Frau? Welche ihrer inneren Konflikte spiegelten sich in der Erziehung der Tochter? Für das seinerzeit experimentierfreudige »Kleine Fernsehspiel« des ZDF setzten die mutige Autodidaktin und ihre Editorin den akustischen Lebensbericht der Mutter mit Bildern aus ihrem Familienalbum und zeittypischen dokumentarischen Zeugnissen des Fotografen August Sander zu einem rund einstündigen schwarz-weißen Foto-Film zusammen. Damit machte sich Jutta Brückner in der Aufbruchsphase der Frauen im Neuen Deutschen Film sofort einen Namen.

Was halten alle für ihr Meisterwerk?

1980 feierte sie mit dem autofiktionalen Spielfilm »Hungerjahre« ihren bislang größten internationalen Erfolg. Das autobiografische Schwarz-Weiß-Drama traf als subjektiv vermittelte feministische Kritik am Mythos der 1950er Jahre den Nerv der Zeit. Unterlegt mit dokumentarischen Archivaufnahmen erzählt der Film von der alles andere als abenteuerlustigen »Backfisch«-Zeit eines jungen Mädchens. Die dreizehnjährige Ursula erlebt ihre erste Menstruation und den heftigen Zusammenprall ihres pubertierenden Gefühlslebens mit den herrschenden Normen, nach denen ein Mädchen zurückhaltend, unauffällig und angepasst zu sein habe. Vor allem die Mutter gibt den Druck aus ihrer eigenen, autoritär geprägten Vorstellungswelt an die Tochter weiter. Mitten in der beginnenden Wirtschaftswunderära der frühen Bundesrepublik mit ihren aufregenden Konsumversprechen lebt der alte misogyne Verhaltenskodex weiter. Das Mädchen zieht sich in die »Hungerjahre« seiner Existenz zurück und reagiert mit Essstörungen.

An welche Szene muss ich immer wieder denken?

Extrem stark gesüßte Kondensmilch aus der Tube, das ist Ursulas tröstender Nuckel-Ersatz.

Welche Filme liegen mir am meisten am Herzen?

In vielen Jahren als Filmprofessorin und Leiterin der Film- und Mediensektion der Akademie der Künste in Berlin fußten Jutta Brückners mitreißende feministische Plädoyers und Einsprüche gegen die Verflachung der Filmkultur auf ihrer Leidenschaft für komplexe Frauenbilder. Anregendes Beispiel ist ihr in Argentinien gedrehter Tanzfilm »Ein Blick und die Liebe bricht aus« (1986). In sieben Episoden zur Tango-Musik von Brynmor Llewelyn Jones kreist er um archetypische Situationen, in denen die obsessive Idee romantischer Liebe im choreografierten Geschlechterkampf ad absurdum geführt wird. In dem Spielfilm »Die Hitlerkantate« (2005) greift sie das lange verdrängte Phänomen der weiblichen Nazi-Verehrung auf. An der Seite eines hitlertreuen Komponisten kann seine junge Assistentin nicht von dem Wahn lassen, den sie als leidenschaftliches Begehren erlebt.

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