Ein Burgfrieden
Als Heiner Carow »Coming Out« drehte, war der schönste Platz von Berlin endlich kein Trümmerfeld mehr. Die im Weltkrieg zerstörten Kuppeln der zwei Dome ragten wieder stolz in die Höhe und man konnte die Stufen zum Schauspielhaus emporsteigen, ohne Hals- und Beinbruch zu fürchten. Es hatte freilich lange gedauert, mehr als zwei Jahrzehnte mussten vergehen, bis der Wiederaufbau des Gendarmenmarkts in Angriff genommen wurde.
In Carows Film ist er, zu DDR-Zeiten in Platz der Akademie umbenannt, ein zentraler Schauplatz: ein Fluchtpunkt der Dramaturgie und des Begehrens. 1989, die Mauer ist noch nicht gefallen, gibt Daniel Barenboim hier ein Konzert, für das geduldige Musikliebhaber:innen seit Tagen Schlange stehen. Es herrscht eine Art urbaner Lagerfeuerstimmung, die Wartenden haben Zelte und Feldbetten errichtet und vertreiben sich die Zeit damit, selbst zu musizieren. Der junge Matthias (Dirk Kummer) und der Lehrer Philipp (Matthias Freihof) begegnen sich überraschend in der Menge wieder. Dem Jüngeren ist es gelungen, Karten zu bekommen. Ihre Liebesgeschichte, die sich zart ankündigte, kann nun zauberhaft beginnen. In der Pause des Konzerts treffen sie sich später indes unter anderen Vorzeichen wieder, denn Philipp hat die Beziehung zu seiner Kollegin Tanja (Dagmar Manzel) nicht aufgegeben. Tanja sieht, wie die zwei Männer sich leidenschaftlich in die Arme fallen und ahnt, dass ihre Welt zusammenbrechen wird.
Neben den starken Gefühlen, von denen Carow und Drehbuchautor Wolfram Witt erzählen, manifestiert sich an diesem Schauplatz noch eine Nebensehnsucht der Charaktere: nach dem Westen. Der englischsprachige Filmtitel steht bereits dafür. Die patente Tanja, die eingangs wunderbar offensiv auf Philipp zugeht, liebt US-Filme, einen Freund hat sie Redford getauft und schlägt einmal vor, in die Spätvorstellung von »Hannah und ihre Schwestern« zu gehen. An dem Abend wiederum, als »Coming Out« im Kino International seine Premiere feiert, bricht sich die Sehnsucht eines ganzen Volkes Bahn. Es ist der 9. November 1989, aber die Premierengäste bekommen zunächst gar nicht mit, dass die Mauer plötzlich offen ist. Der einzige DEFA-Film, der offen Homosexualität verhandelt und mithin großes Aufmerksamkeits- und Skandalpotenzial birgt, wird unversehens von den Zeitläuften überrannt.
Dieses spannungsvolle Zusammentreffen nimmt eine spannende Sendung zum Thema auf, die Tony Andrews im Februar für das Deutschlandradio eingerichtet hat und die noch eine ganze Weile in der Mediathek abrufbar ist (hoerspielundfeature.de). Andrews hat einige Zeitzeugen befragt, darunter die beiden männlichen Hauptdarsteller, Archive durchforstet und Wissenschaftlerinnen konsultiert. Vor allem Dirk Kummer kommt zu Wort, der ein fabelhaft engagierter Erzähler ist – kein Wunder, denn dieses Filmdebüt bedeutete alles für seine spätere Karriere. Er war eigentlich Carows Regieassistent, erwies sich dann aber als ideale Besetzung der Rolle des Matthias: Es liegt eine große, ungeschützte Offenheit in seiner Darstellung. Der Regisseur griff auch einige Ideen seines Hauptdarstellers auf; der Selbstmordversuch in der Silvesternacht zu Beginn geht auf eigenes Erleben zurück.
Das Feature rekapituliert also zum einen die lange, wechselvolle Entstehungsgeschichte des Films. Carow und Witt müssen sechs Jahre dafür streiten, ihren Film machen zu können. Der Regisseur ist brennend interessiert an den »ungeklärten Fragen der Gesellschaft« – und dieses Sujet wirft ein besonderes Schlaglicht auf soziale und politische Widersprüche. Die Gesetzgebung der DDR war zwar fortschrittlicher als die der BRD und schaffte den Paragrafen 175 schon Ende der 1960er Jahre ab. Homosexualität unter Erwachsenen war entkriminalisiert, aber ein gesellschaftliches Klima der Ablehnung und Ausgrenzung blieb bestehen. Das Fragezeichen im Titel der derzeit an vier Orten in Berlin gezeigten Ausstellung »Queere Kunst in der DDR?« spricht Bände. Die Stasi ließ die schwule Gemeinschaft nicht aus den Augen. Die Skinheads wiederum, die in der U-Bahn homophobe rassistische Übergriffe verüben, gab es offiziell in der DDR nicht.
Einer der kostbaren Erträge der Sendung ist in dieser Hinsicht die Rezeptionsgeschichte von »Coming Out«. Die Filmleute fürchteten, dass ihre »kleine« Revolution im Zuge der großen untergehen würde. Tatsächlich war das International dann jedoch rappelvoll und wurde nicht zuletzt von neugierigen Schwulen aus dem Westteil der Stadt besucht. In einer schönen, bezeichnenden Anekdote über die Dreharbeiten wird unversehens die Technik zu einem Spielball der Systeme. Da das Orwo-Filmmaterial nicht lichtempfindlich genug war, verlangte Carow nach Kodak-Film aus dem Westen, an den er auch listig kam. Er brauchte ihn, weil ein Gutteil seiner Szenen nachts spielt. Hier entfaltet sich eine klandestine Topographie Ostberlins, die zu verschwiegenen Treffpunkten führt wie etwa dem Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain. Ich glaube, der Drehort-Tourismus, den »Coming Out« inspiriert hat, ist noch immer ziemlich rege. Legendäre Schwulenkneipen wie »Zum Burgfrieden«, die wichtige Etappen in Philipps sexueller Orientierung markieren, gibt es allerdings nicht mehr. Der Name gefällt mir, er markiert eine Bannmeile der Freiheit und des Einvernehmens. In der Kneipe, in der Kellner Achim (eine Paraderolle für Michael Gwisdek) ihn unter seine Fittiche nimmt, konnten sich die Gefühle vergemeinschaften, die in einer repressiven Gesellschaft verborgen werden müssen. Ganz so idyllisch ist der kunterbunte Trubel dort indes nicht. »Hier weiß keiner, wie der andere heißt«, klärt der joviale Achim seinen Gast auf, »hier ist jeder allein und jeder hat Angst.« Der Freiraum steht unter Vorbehalt. Die Szene mit der Polizeirazzia, die im Drehbuch stand, wurde von der Zensur gestrichen.




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