I know where I'm going!

"Weißbrot, mit viel Butter; wunderbarer Kaffee und sogar Sahne!" jubelt Mary Justin, als sie im Flugzeug auf das Tablett schaut, das ihr die Stewardess serviert hat. Es ist ihre erste Auslandsreise überhaupt. Das Frühstück bereitet ihr enorme Vorfreude: Wer weiß, was für Abenteuer sie am Lac d' Annecy und in den Alpen noch erwarten!

Als Gattin eines wohlhabenden Bankiers müsste sie (Ann Todd) eigentlich mit solchen kulinarischen Annehmlichkeiten vertraut sein. Aber eine gute Filmfigur ist auch immer eine Repräsentantin des Publikums. 1949, als David Leans Melodrama »The Passionate Friends« (Die große Leidenschaft) in die Kinos kam, konnten Zuschauerinnen und Zuschauer ihr Entzücken nachempfinden. Es war zwar das erste Jahr, in dem einige Güter in Großbritannien schon coupon-free, also ohne Bezugsschein erhältliche waren. Aber die kriegsbedingte Lebensmittelrationierung sollte noch fünf Jahre, bis zum 4. Juli 1954, andauern. Zeit- und filmgeschichtliche Aufschlüsse wie diesen hält "Great Expectations", der Katalog der letztjährigen Retrospektive in Locarno, in rauen Mengen bereit.

Ab morgen macht das Filmprogramm über das britische Kino zwischen 1945 und '60 im Berliner Arsenal (in wohlgemerkt eingedampfter Form) Station. Den munter feministischen Auftakt bestreiten am 4. 6. Muriel Box mit ihrer TV-Satire »Simon and Laura« (in der letztere von der trefflichen Kay Kendall gespielt) sowie Jill Craigie mit ihrem Kurzfilm »To be a woman«. Danach geht es eher düster, besser gesagt: noir weiter. Das verlockende Umschlagmotiv des Arsenal-Monatsprogramms ziert allerdings Wendy Hiller, die Hauptdarstellerin von Powell&Pressburgers magisch zuversichtlichem "I know where I'm going". Dass die Programmheftgestalter des Arsenal ein Händchen für solch intrigierende Frauenstudien haben, war an dieser Stelle schon gelegentlich zu lesen. Ich glaube, die Einstellung kommt im Film gar nicht vor. Im Szenenfoto wendet sie sich uns in einer geöffneten Tür zu, einem Spalt der Helligkeit inmitten tiefer Schwärze - gewissermaßen eine optimistischer Variante des Schlussbilds aus John Fords »The Searchers«.

Ehsan Khoshbakt, der Kurator der Großen Erwartungen und Herausgeber des Katalogs, beschreibt in seiner Einführung, wie "IKWIG" (läuft am 16. & 19.6.) zwei Monate nach Kriegsende herauskommt und im Kern schon von den Dingen handelt, die kommen werden: Nach dem Krieg kann es wieder um Individualität gehen, die Gesellschaft muss voranschreiten, vom Kollektiven zum Persönlichen. Das britische Kino, dem er seine Aufmerksamkeit widmet, kann die Altlasten freilich nicht verschweigen, ist bevölkert von Figuren, die an PTSD, Schlaflosigkeit, Angst und Blackouts der Erinnerung leiden. Wie ich am 24. und 27.August letzten Jahres über die Retro im Tessin schrieb (Englands Gewinn...war Amerikas Verlust), rekapituliert sie nicht die britische Filmgeschichte zwischen 1945 und 1960, sondern schürft nach einer Mentalitätsgeschichte. Khoshbakhts folgender Essay trägt mithin den Titel "Identification of A Nation". Er spannt das Panorama eines prunkenden Kinos am Puls der Zeit; ich wurde beim Lesen unstillbar neugierig auf Beispiele, die dann weder in Locarno noch an den Nachspielorten liefen, etwa »Silent Dust« von Lance Comfort oder »Passage Home« von Roy War Baker. Der Text steht am Anfang einer Reihe von erstaunlich kurzen Aufsätzen, die sich mit grundlegenden Strömungen bzw. die Verfassung der damaligen Filmindustrie beschäftigen. Die fabelhafte Pamela Hutchinson beispielsweise liefert einen Überblick über die zentrale Rolle, die Frauen hinter der Kamera einnahmen. Sie stellt u. a. einen interessanten Zusammenhang her zur männerbündnerischen Dominanz des Kriegsfilms her Die herausragende Drehbuchautorin Janet Green kommt bei ihr leider ein wenig zu kurz, ihr Beitrag wird wesentlich auf den Thriller »The Clouded Yellow« (Auf falscher Spur, unbedingt empfehlenswert und am 10. & 24. Juni zu sehen) reduziert, während die tabubrechenden Sozialdramen, die sie für Basil Dearden (und unmittelbar aus dem gesellschaftlichen Klima ihrer Zeit) schrieb, unter den Tisch fallen. Drehbuchautoren haben ohnehin keinen guten Stand in der Publikation: eine der prägenden Gestalten der Zeit, Wolf Mankowitz, wird nur einmal erwähnt und sein Nachname auch noch falsch (Mankiewicz) geschrieben. Der Fokus liegt auf Regisseuren, von denen rund 30 porträtiert werden. Von einigen (Daniel Birt, John Harlow, George King) habe ich noch nie gehört. Überraschend viele von ihnen begannen als Editoren; nicht nur David Lean lernte sein Handwerk im Schneideraum, auch Charles Crichton, Birt, Seth Holt und andere.

Die Autoren der knappen Porträts halten sich einigermaßen an die strengen Prinzipien, die Koshnakht für die Filmauswahl erhob (keine Kriegsfilme, keine historischen Stoffe). Zuweilen hadere ich mit dieser kuratorisch schlüssigen Konzentration. Immerhin ist der Kriegsfilm ein für das britische Selbstverständnis unverzichtbar bezeichnendes Genre – und wenn partout niemand anderes auf den bemerkenswert queeren Western „The Singer not the Song“ (Sommer der Verfluchten) hinweist, dann muss ich es eben tun. Das sind marginale Einwände gegen eine wahnsinnig ertragreiche Anthologie, die souverän für sich stehen kann. "Great Expectations" ist, wie die meisten Locarno-Kataloge (erschienen bei "Les Éditions de L'oeil", dennoch komplett auf Englisch), scher zu bekommen, aber es wird Ihnen schon gelingen.

1946 war, wie in den USA, das zuschauerreichste Jahr überhaupt in Großbritannien. Danach blieb der Kinobesuch lange ein festes, ja unverzichtbares Ritual. Vor ein, zwei Wochen sah ich mir (in einem ganz anderen Zusammenhang) »Living« an, das wunderbar elegische Remake von Kurosawas »Ikiru – einmal leben« an. Es spielt 1953, und den Dienstag hat Bill Nighy fürs Kino reserviert - "going to the Pictures" ist das einzige Vergnügen, das der in Einsamkeit vertrocknete Witwer sich gönnt. Apropos Kurosawa: Im selben Jahr, in dem dessen »Rashomon« herauskommt, dreht Anthony Asquith »The Woman in Question«, der dem gleichen revolutionären Erzählprinzip der unterschiedlichen, widersprüchlichen Zeugenaussagen folgt. Das Publikum durfte also auch auf heimische Innovationen gefasst sein. Sie ging einher mit einer durchaus transgressiven Haltung. »The Passionate Friends«  (14. & 22.6.)ist zum Beispiel in einer ungemein komplexen Struktur erzählt, in Rückblenden innerhalb von Rückblenden, und in den Nahaufnahmen von Ann Todd was man gar nicht immer, auf welcher Zeitebene der Film sich nun gerade bewegt. Zugleich ist Leans Melo eine unerbittliche Studie der britischen Gefühlsbeherrschung, einer Unterdrückung der Impulse, die sich dann leidlich ungestüm Bahn brechen.

Kurioserweise waren "Melodrama" und "Complexity" die schlimmsten Schimpfwörter, die heimische Kritiker in dieser Zeit kannten. Das erfuhr ich aus dem Essay "Snobbery with Violence: Why british Film Critics disdained their own Cinema" von Nick James. Ihm gelingt hier erstaunliche Feldforschung in der eigenen Disziplin, zu deren verblüffenden Erkenntnissen zählt, dass fast ein Drittel der Filmjournalisten weiblich war. Das Urteil von Penelope Houston, C.A. Lejeune und Dilys Powell hatte Gewicht und war gefürchtet. Aber der Großteil der Abschätzigen, die das eigene Kino zu „sordid and dreary“ fanden, gehörte eben doch dem anderen Geschlecht an, darunter der unversöhnliche Lindsay Anderson, der ähnlich verfuhr wie die französischen Kollegen bei den "Cahiers du cinéma": das herkömmliche Kino verdammen, um damit die späteren eigenen Aufbrüche (Nouvelle Vague bzw. New Bristish Cinema) vorzubereiten. Was die oben erwähnten Schimpfwörter angeht, mussten die Snobs bei Lance Comfort besonders fündig werden. Der Kurator nennt ihn "the most elusive of British film directors" - und schwer fassbar, wenngleich nicht wirklich bunuelesk, sind »Daughter of Darkness« (6.6.) sowie »Temptation Harbour« (23.6.) mit ihren sittlichen Abgründen und erotischen Verstrickungen allemal.

Ein Aspekt, der in der Berliner Version der Retro mit Jules Dassins »Night and the City« (Die Ratte von Soho, 12. & 25.6.) mustergültig vertreten wird, ist die Arbeit von amerikanischen Exilanten. Auf sie ging ich bereits ausführlich im letzten Jahr ein, wenngleich nicht so klug, wie es Chris Fujiwara in seinem Essay tut. Der amerikanische Einfluss ist enorm, schon produktionstechnisch: 1956 entstehen 23 % der britischen Filme als Co-Produktionen, im Jahr darauf sind es bereits 42. Die Regisseure, die vor der Black List flohen, reflektieren nachdrücklich das Gefühl der Fremdheit und Heimatlosigkeit, das Fujiwara prägnant "the guilt and shame of having no country" nennt. Ehsan Koshbarakht, der im Iran geboren wurde und nun über das Kino seines adoptierten Landes spricht, ist diese Thematik ungemein wichtig. Seine Überzeugung, fremde Einflüsse seien ein Anzeichen einer kulturellen Lebendigkeit, wird mich in den nächsten Tagen noch leiten, da in dieser Woche »Good Boy« von Jan Komasa herauskommt.

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