Mubi: Afrikanische Filme

»Rafiki« (2018). © Salzgeber

»Rafiki« (2018). © Salzgeber

Der Nabel der Welt

MUBI zeigt afrikanische Filme, die in Cannes ihren Durchbruch erlebten: kämpferisch, auch in den leisen Tönen

Der Kinobesuch im Tschad kostete 2002 nicht mehr als eine Cola. Fürwahr, ein geringer Preis, damit sich das Fenster zur Welt öffnet. Das ist jedenfalls in »Abouna – der Vater« so, und es gibt keinen Grund, Regisseur Mahamat-Saleh Haroun zu misstrauen. Bei den Brüdern Tahir und Anime löst der Blick auf die Leinwand ein besonderes Fernweh aus: Sie glauben, dort ihren schmerzlich vermissten Vater zu entdecken, der die Familie vor Jahren verließ. Nun wollen sie alles daran setzen, ihn zu finden. Eine wehmütige Schnitzeljagd beginnt, ein lyrischer Roadtrip durch die Heimat, die der Film in der atemraubenden Weite der Landschaften und der Beengtheit der Wohnverhältnisse erkundet. Eingangs, vielleicht ist es nur ein Traum, blickt der Vater direkt in die Kamera. Bald durchbrechen auch seine Söhne die vierte Wand und adressieren das Publikum mit erwartungsvoller Schaulust.

Ein ganzer Kontinent blickt uns an in der Sammlung, die MUBI derzeit präsentiert, ein Panorama von afrikanischen Filmen, die in Cannes uraufgeführt wurden: lauter Klassiker – oder auf dem Weg dorthin. Die Auswahl entrollt ein breites Spektrum, das 1954 in Ägypten einsetzt. »Tödliche Rache« zeigt, dass Youssef Chahine bereits mit allen Genrewassern gewaschen war und seine Liebe zu Landschaften und Alltagskultur so inbrünstig ist wie die von Haroun. Omar Sharif, in dessen Augen schon romantische Zuversicht glüht, spielt in seinem Debüt einen jungen Agraringenieur, der die Zuckerrohrplantagen seines Heimatdorfs schützen will gegen die Machenschaften eines doppelzüngigen Großgrundbesitzers, dessen Tochter er liebt. Dieses heftige Melodram der Unversöhnlichkeit übt scharfe Kritik am Kapitalismus, der noch feudale Züge trägt. Auch in »Rafiki« (2018) entspinnt sich eine Liebesgeschichte, diesmal eine tabustürzend lesbische, in verfeindeten politischen Lagern. In Kenia, wo Homosexualität unter Strafe steht, war Wanuri Kahius Porträt einer zärtlichen Leidenschaft, die vorsichtig sein muss, zunächst verboten: eine farbenfrohe Etüde in Rosa und eine zauberhafte Anstiftung, größere Träume zu wagen.

Sarah Maldorors Kurzfilm »Monangabééé« (1968) ist eine Perle aus Angola, eine Allegorie auf die kulturelle Ignoranz der portugiesischen Kolonialherren, lautstark unterstützt vom anarchischen Jazz des »Art Ensemble of Chicago«. In »Chronik der Jahre der Glut« rüttelt Mohammed Lakhdar-Hamina hingegen mit epischem Atem an den Gittern des Kolonialismus. Der Regisseur und sein Team mussten 1975 an der Croisette unter Polizeischutz gestellt werden, nachdem die Untergrundorganisation der Algerienveteranen mit Bombenattentaten drohte. Gleichwohl wurde sein in sechs Kapitel gegliederter Countdown zum Aufstand in Algier als bisher einziger afrikanischer Film mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. »O Soleil / Oh, Sun«, das Regiedebüt des Schauspielers und Synchronsprechers Med Hondo, gewann 1970 immerhin den Kritikerpreis. Es demonstriert die explosive Formenvielfalt des afrikanischen Kinos, bricht eingangs ebenfalls das Tabu der Zuschaueradressierung und beginnt als fulminante Performance, in der Kreuze zu Schwertern werden, um dann die Spielarten der Diskriminierung durchzudeklinieren, denen ein Migrant aus Mauretanien bei der Arbeitssuche in Paris ausgesetzt ist.

Mit »Touki Bouki« des Senegalesen Djibril Diop Mambéty läuft ein veritabler Gamechanger. Der erste unabhängig von europäischem Geld produzierte afrikanische Spielfilm mag von den Stilbrüchen der Nouvelle Vague beeinflusst sein, entfesselt aber 1973 eine ganz eigene Bildsprache. Das mit einem Stierschädel verzierte Motorrad wurde zur Ikone, der man in der Reihe mehrfach begegnen wird. Das Roadmovie hebt dokumentarisch an, legt Zeugnis ab vom turbulenten Alltag, um derlei Impressionen endgültig vom westlichen Blick zurückzuerobern. Die Abenteuer eines Paars, das sich den Traum von Anderswo (Paris!) erfüllen will, sind brüsk montiert, prunken mit satirischem Witz und surrealen Einsprengseln. Nach dieser munteren Ermächtigungsgeste ist im afrikanischen Kino alles möglich. In dem magistralen »Das Weltgericht von Bamako« von Abderrahmane Sissako kann gar ein Hinterhof in Mali zum Nabel des Planeten werden, wo die Zivilgesellschaft den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank zur Rechenschaft zieht.

Afrikanisches Kino in Cannes: Ein Panorama

My Father's Shadow (Großbritannien, 2025) | Kritik
Rafiki (Kenia, 2018)  | Kritik
Monangambeee (Angola, 1969)
Chronik der Jahre der Glut (Algerien, 1975)
Tödliche Rache (Ägypten, 1954)
Touki Bouki (Senegal, 1973)
Oh, Sun (Mauretanien, 1970)
Das Weltgericht von Bamako (Mali, 2006)
Abouna – Der Vater (Frankreich, 2002)

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt