Anatomie eines Prozesses
Das Jahrhundert hatte zwar noch ein Viertel vor sich, aber für viele Beobachter in Frankreich, zumindest für eine Fraktion von ihnen, stand fest, dass dies sein herausragender Prozess sei. Den Vergleich mit der Dreyfus-Affäre scheuten sie nicht. Tatsächlich gelang es dem Beschuldigten und seinem Verteidiger, den Antisemitismus auf die Anklagebank zu stellen.
Was ab November 1975 vor dem Schwurgericht in Amiens verhandelt wurde, können Sie morgen Abend (20., danach für vier Wochen in der Mediathek) auf arte in »Der Goldman-Prozess« verfolgen. Nun, streng genommen handelt es sich um die Version, die Cédric Kahn und seine Drehbuchautorin Nathalie Hertzberg erzählen. Aber ich kann auch nach wiederholtem Sehen des Films keinen Grund erkennen, ihr zu misstrauen. Tatsächlich hält sich der Film bemerkenswert eng an den Wortlaut der Verhandlung und erfindet wenig hinzu, da diese dramatisch genug war. Selten war die Wahrheitsfindung in einem Gerichtsfilm so diffizil - sie endet im Zweifel-, aber nachrangig ist sie nicht. Kahn befindet sich in bester Gesellschaft: mit »Anatomie eines Mordes« sowie »Anatomie eines Falls« . mit diesem ist er sogar unmittelbar verwandt, da der Co-Szenarist Arthur Harari hier als Darsteller des Verteidigers Georges Kiejman (siehe „Ideen und Personen“ vom 22. 5. 2023) auftritt.
Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, die uns in diesem Monat bereits beschäftigten, hätten zweifellos eher ein Anrecht auf den Titel Prozess des Jahrhunderts. Aber es ist nicht nur ein gewisser französischer Hang zur Grandiosität, der ihn für den Fall Goldman reklamiert. Die Berufungsverhandlung in Amiens war ungemein bezeichnend, ein Treibhaus, ein Mikrokosmos seiner Zeit. Das Personal war hochkarätig. Der chronisch klamme Anarchist Pierre Goldman muss eine unvergleichlich schillernde Gestalt gewesen sein, ein „bandit de charme“ Als vom Mai 1968 desillusionierter Kommunist verbrachte er einige Jahre in Lateinamerika und kehrte mit der Idee zurück, in Paris eine Stadtguerilla zu installieren. Angeblich plante er zeitweilig, Jacques Lacan zu kidnappen. Im Dezember 1969 überfiel er mehreren Geschäfte in Paris, was er zugab, bestritt aber hartnäckig, während seines Raubzugs zwei Apothekerinnen erschossen zu haben, In erster Instanz wurde er 1974 zu lebenslanger Haft verurteilt; das Urteil, wurde in der zweiten vom Kassationsgericht aufgehoben. Zum Zeitpunkt der Berufungsverhandlung in Amiens war er eine Berühmtheit, hatte in der Haft seine „Souvenirs obscurs dùn juif polonais né en France“ (Dunkle Erinnerungen eines polnischen Juden, der in Frankreich geboren wurde) geschrieben, die zu einem veritablen Bestseller avancierten. Simone Signoret und andere Ikonen der Linken (angeblich auch der spätere Präsident Francois Mitterand) wohnten dem Prozess bei. Im Publikum saß auch sein Halbbruder Jean-Jacques, der damals bereits große Erfolge als Chansonnier feierte und heute regelmäßig in Umfragen zum beliebtesten Landsmann der Franzosen gekürt wird. Ihr Vater Alter Goldman, ein Held der Résistance, wurde als Leumundszeuge gehört.
Im Verlauf des Prozesses muss es so turbulent zugegangen sein, wie Kahn in seinem Film zeigt. Lautstarke Unschuldserklärungen wechselten sich mit Rufen der Gegenseite ab. Pierre Goldman bezichtigte die Pariser Polizei des Rassismus'. In seinen „Souvenirs“, die Kahn aus der Bibliothek seiner Eltern kannte, hatte er den unglaublichen Satz formuliert, es sei wie alle Opfer der Shoah unschuldig. Er argumentierte mit seiner Familiengeschichte und der eigenen Biographie. Der charismatische Vertreter der Anklage, Maitre Garaud, nutzt den Prozess zu einer wortgewaltigen Generalabrechnung mit der linken Elite. Bestimmt ein Mann ganz nach dem Herzen des Industriemagnaten Vincent Bolloré, der gerade sinistre Schatten über das französische Kino wirft.
Kahns Film setzt mit einer Krise ein, die ein smarter Hollywoodautor sich zweifellos für den dritten Akt aufgespart hätte: Goldman (Arieh Worthaler) kündigt seinem Verteidiger Kiejman, der hier seinen ersten Strafrechtsprozess führt, das Vertrauen auf. Er zeiht ihn der Doppelzüngigkeit. Das gibt sich, aber sie werden fortan nie am gleichen Strang ziehen. Die Arroganz und Beredsamkeit des Angeklagten sind wirklich ungeheuerlich. Er akzeptiert keine Regeln, eine tickende Zeitbombe, unruhig, fragil und verloren. Die Indizien sprechen gegen ihn, aber Goldman plädiert tollkühn mit seiner Person - in all ihrer Widersprüchlichkeit und ihrem ideologischen Irrlichtern. Dass Kiejman ihn als einen dostojewskihaften Charakter schildert, muss ihm schmeicheln. Aber nahe kommen sich die Zwei nie. Ein Tauziehen in viele Richtungen! „Der Goldman Prozess“ gelingt es einerseits, ganz konzentriert zu sein – im Zentrum steht eigentlich die Entfremdung zwischen dem brillanten Beschuldigten und seinem wachsamem Anwalt -, und zugleich der Vielstimmigkeit des theatralen Geschehens gerecht zu werden. Yann Dedet muss im Schneideraum wahre Wunder vollbracht haben, kein Detail entgeht ihm in diesem rasanten Wechselspiel zwischen Rede und Gegenrede, zwischen Sprechen und Zuhören, jeder Schnitt eröffnet eine andere Perspektive.
Man erfährt viel über das französische Justizsystem, Kahn und Hertzberg sind fasziniert von den Abläufen, dem akribischen Vorgang weniger der Wahrheitsfindung, als vielmehr ihrer eloquenten Herstellung. Gute Gerichtsfilme sind immer schwindelerregend, aber dieser ist es in besonderem Maße. Man darf sich auf eine geballte Ladung französischer Rabulistik gefasst machen, wenn beispielsweise die Anklage dem Beschuldigten im Schlussplädoyer zugesteht: „Sie sind kein Mörder, aber sie haben gemordet.“ Die Rolle des Vorsitzenden Richters hätten Kahn/Hertzberg übrigens gern mit einer Frau besetzt, fanden bei ihren Recherchen jedoch heraus, dass es seinerzeit in Frankreich noch keine Richterinnen gab. Stéphan Guérin-Tillié ist als souverän abwägender Gerichtspräsident zwar nicht ganz so elektrisierend wie die beiden Hauptdarsteller, aber ein zuverlässiges Energiezentrum. In diesem Schauspielerfilm allererster Güte sitzt das Publikum auf der Geschworenenbank. Es befindet sich in einem toten Winkel, denn die endgültige Wahrheit entzieht sich ihm.




Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns