Buch-Tipp: Muster der Propaganda

Militarisierung durchs Kino

Für die Bildungsarbeit konzipiert, aber auch so eminent lesbar: Rainer Rothers ­Analyse von vier Nazifilmen, die exemplarisch für die ­ideologischen Strategien des Regimes stehen

Die Auseinandersetzung mit den Filmen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland produziert wurden, ist ein fortlaufender Prozess. Die Tatsache, dass diese Filme ideologisch problematisch sind, macht es umso notwendiger, sich mit ihnen zu befassen. Das aktuelle Buch von Rainer Rother, »Muster der Propaganda: Filme des Nationalsozialismus«, leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Der Autor hat sich während seiner beruflichen Laufbahn als künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek und in seiner filmhistorischen Forschung intensiv mit diesem Kapitel der deutschen Filmgeschichte befasst. Sein neues Buch konzentriert sich auf vier prägende NS-Filme: »Hitlerjunge Quex« (1933), »Triumph des Willens« (1935), »Der Herrscher« (1937), »Urlaub auf Ehrenwort« (1938). Alle vier Filme entstanden zwischen 1933 und 1938, als sich die nationalsozialistisch kontrollierte Filmproduktion herausbildete und etablierte. Sie wurden ausgewählt, weil sie in ihrer Konzeption der nationalsozialistischen Propaganda entsprechen. An ihnen werden spezifische »Muster der Propaganda« erkennbar. Anhand dieser Produktionen lässt sich erkennen, wie es mit geschickt eingesetzten filmischen Mitteln gelang, die in den Filmen enthaltenen Botschaften publikumswirksam zu vermitteln.

Jedem der Filme ist ein Kapitel gewidmet, in dem die Produktionsgeschichte und die ästhetischen Strategien der Inszenierung dargestellt werden. »Hitlerjunge Quex« gilt als erster nationalsozialistischer Film. Rother kommt aufgrund der Produktionsgeschichte zu der Einschätzung, dass der Film mit seinem parteipolitischen Stoff über einen Jungen aus proletarischem Milieu, der für die »Bewegung« gewonnen wird, eine Anpassungsleistung der Ufa an das neue politische System darstellt, dass der Konzern damit seine Reputation gegenüber der NS-Führung steigern wollte. »Triumph des Willens«, das filmische Großprojekt über den Reichsparteitag der NSDAP 1934 in Nürnberg, analysiert der Autor als den ultimativen Film des Führermythos. Rother schildert die Vorgeschichte und Realisierung des Films von Leni Riefenstahl, erschließt den historischen Kontext und zeigt, mit welchen filmischen Mitteln der Führerkult inszeniert wird.

Im Mittelpunkt von Veit Harlans »Der Herrscher« steht ein Stahlunternehmer, gespielt vom Starschauspieler Emil Jannings. Rother analysiert den Film als paradigmatische Erzählung eines Patriarchen, der sich in den Dienst der Volksgemeinschaft stellt. Er zeigt, wie Harlan in diesem ehrgeizigen Film einen Typus schuf, von dem Variationen in anderen Filmen des Nationalsozialismus auftauchten. Die Premiere fand im März 1937 zu einem Zeitpunkt statt, als Propagandaminister Goebbels die Umgestaltung der Filmindustrie durch das NS-Regime vorantrieb, indem er die großen Filmfirmen verstaatlichen ließ und die Filmkritik abschaffte.

Vor diesem Hintergrund entstand auch der 1938 erschienene »Urlaub auf Ehrenwort« von Karl Ritter, ein Renommierfilm der NS-Produktion. Er behandelt einen zeitgenössischen Stoff im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie. Der an Originalschauplätzen in Berlin und Umgebung gedrehte Film spielt im Oktober 1918. Zu dem Zeitpunkt war der Erste Weltkrieg für Deutschland verloren, doch davon erfährt man im Film nichts. Vielmehr verherrlicht der publikumswirksame Unterhaltungsfilm soldatische Verlässlichkeit, die auch während des Heimaturlaubs allen Verlockungen zum Trotz nicht weicht. Rother hebt hervor, dass der Film, indem er die Fakten über den verlorenen Krieg leugnete, an die »Dolchstoßlegende« anknüpfte, die von der NSDAP-Propaganda in der Weimarer Republik instrumentalisiert wurde, während er zugleich Bezugspunkte zur kollektiv erinnerten Lebensrealität der Zeit des Ersten Weltkriegs bot.

Nicht nur inhaltlich, sondern auch in seiner Gestaltung ist das mit zahlreichen Abbildungen und Quellenmaterial ausgestattete großformatige Buch eine Glanzleistung. Die Bundeszentrale für politische Bildung, in deren Reihe »Zeitzeichen« es erscheint, hat damit Geschick bewiesen. Es eignet sich auch vorzüglich für die Bildungsarbeit. Das ursprünglich vorgesehene digitale Begleitmaterial ist bislang nicht erschienen. Dabei wäre es für die Bildungsarbeit essentiell, dass das Filmmaterial zugänglich gemacht würde.



Rainer Rother, Muster der Propaganda. Filme des Nationalsozialismus, (Reihe: Zeitbilder), Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2026. 366 S., 7,50 €.

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