Im Schlummer der Befangenheit
Es fällt mir schwer, über das Kino der DDR so zu schreiben wie über irgendeine andere europäische Kinematographie der Nachkriegszeit. Mein Blick auf die französischen, italienischen, polnischen, spanischen oder tschechischen Nachbarn, nur um ein paar Beispiele zu nennen, ist unbefangener. Warum elektrisieren mich die dort entstandenen Filme viel stärker?
Womöglich werde ich hier von einer Art Zwillingsfluch heimgesucht: Auch im bundesdeutschen Nachkriegskino mag ich nur wenig entdecken, das tatsächlich Weltklasse hat. Wohlgemerkt handelt es sich hier um ungleiche Zwillinge. Sie sprechen die gleiche, aber nicht dieselbe Sprache. Dabei verstehe ich wohl schon, was mit dem „Herumsocken“ gemeint ist, von dem die Heldin in „Das Kaninchen bin ich“ spricht. Dennoch, wenn ich einen guten oder gar hervorragenden DEFA-Film sehe, überrascht es mich jedes Mal umso mehr. Aber bevor ich mich jetzt um Kopf und Kragen rede, fange ich lieber am Anfang an.
Die ersten DEFA-Produktionen erscheinen mir noch als ausgesprochen gesamtdeutsch. Ihr Personal – Autoren, Regisseure, Handwerker und Darsteller – bewegt sich vorerst in beiden Sphären. Sie stammen aus einem Land, das in Trümmern liegt. „Die Mörder sind unter uns“, „Ehe im Schatten“ und andere müssen aufarbeiten, was in den vergangenen zwölf Jahren geschah. Bei Wolfgang Staudte steht die Schuldfrage im Zentrum; Kurt Maetzigs Film verhandelt, angelehnt an das Schicksal des Schauspielers Joachim Gottschalk (Christoph Domke hat im aktuellen Heft ein gerade neu erschienenes Buch über ihn rezensiert), Themen wie Opportunismus und Mitläufertum, Gleichschaltung der Kultur und Verantwortung des Künstlers sowie inneres und äußeres Exil – für viele Mitwirkende, die unter den Nazis Karriere machten (etwa Hauptdarsteller Paul Klinger, Komponist Wolfgang Zeller und Kameramann Friedel Behn-Grund) auch eine Chance, Abbitte zu leisten. Indes kein Film der Versöhnung. „Ehe im Schatten“ feiert im Oktober 1947 in den vier Sektoren Berlins gleichzeitig Premiere; laut Wikipedia sehen ihn bei der Erstauswertung 12 Millionen Deutsche.
Das Verbindenden schwindet bald. Die DDR existiert gleichsam in einer abgetrennten Zeit, die allein vergeht, wie Andreas Kilb einmal schgrieb. Es gibt dort rasch erste Filmverbote, die auch auf Geheiß von Moskau ausgesprochen werden. Sie treffen beispielsweise 1951 „Das Beil von Wandsbeck“ von Falk Harnack und sieben Jahre später „Sonnensucher“ von Konrad Wolf. Regisseure wie Harnack arbeiten fortan nie wieder für die DEFA. Ich vermute, dass sie in dieser Zwischenzeit einen genuinen Stil entwickelt, aber dazu sollte man besser ausgewiesene Kenner konsultieren. Ist er schon gleichgeschaltet zum Zweck der Gestaltung eines sozialistischen Menschenbildes? Ein Sinn von Zensur ist ja, dass man nicht weiter denkt (was ich auch in einem Wort hätte schreiben können). Aber gibt es doch Visionen, die nicht von der Partei vorgegeben werden? Dass auf die Vorspannnennung der Drehbuchautoren in Sekundenschnelle die der Dramaturgen folgt, verheißt nichts Gutes. Figuren und Konflikte sind eminent bürokratisch konzipiert. Es herrscht eine enorme Befangenheit..
Als ich vor einigen Wochen über besagte „Im Osten viel Neues“-Reihe im Filmarchiv Austria schreiben sollte, war das eine fabelhafte Gelegenheit, einige meiner Wissenslücken zu schließen.Unter den Verbotsfilmen von 1965/66, die das ZK ideologie- und republikfeindlicher Tendenzen bezichtigte, finden sich echte Perlen. Gewiss geht es vordergründig auch um Politik.
Maetzigs „Das Kaninchen bin ich“ etwa spielt auf Justizwillkür an. Aber ich glaube, größere Sorge bereitete der SED die innere Freiheit, die Filmemacher und Charaktere demonstrieren. Mit einem Mal eröffnen sich Möglichkeitsräume. In ihrem kecken Off-Kommentar erobert sich die Kellnerin in „Kaninchen“ die Deutungshoheit über ihr romantisches und berufliches Schicksal. Am Ende nennt sie sich stolz einen alten Hasen, der sich nicht mehr das Fell über die Ohren ziehen lässt. Wenn sich das Ich selbstbewusst zu Wort meldet, wird das Wir brüchig. Die Protagonisten, meist sind es Frauen wie „Karla“ im Film von Hermann Zschosche und Ulrich Plenzdorf, zeichnet sozusagen ein Verschulden gegen die Normalität des realsozialistischen Alltags aus. Auch die aufmüpfige Tagträumerin in „Fräulein Schmetterling“ taugt nicht dafür, aber letztlich ist sie nicht fehl am Platz in einem DEFA-Film.
Denn diese resoluten Heldinnen sind eingebunden in eine ziemlich aufgeräumte Romantik. Es geht betont sachlich zu in den Liebesgeschichten. Die DarstellerInnen spielen oft erstaunlich trocken. Die großartige Jutta Hoffmann mag man hier ausnehmen als idealistische Lehrerin Karla, die dazu beitragen möchte, dass „das Leben leichter, anmutiger und fröhlicher wird“. Sie erleidet Schiffbruch, natürlich, aber resignieren wird sie nicht. (Ich bin sicher, dass Christian Petzold die Kochszenen mit ihr und Jürgen Hensch im Hinterkopf hatte, als er „Barbara“ mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld drehte.) Die emotionale Verklemmtheit wird in „Das Fahrrad“ von Evelyn Schmidt 1981 direkt zum Thema. Darin werden die Liebes- und Sehnsuchtserklärungen nur in inneren Monologen ausgesprochen. Dies sachliche Zögern kündigt sich schon im Vorspann an, wo die dritte Hauptrolle ungelenk mit „und Anke Friedrich als Kind“ vorgestellt wird. Das geschieht ohne Not: Sie hat einen Namen, Jenny, und ist aufgeweckt.
Bei der Sichtung der Wiener Filmauswahl erfasste mich eine überraschende stadträumliche Nostalgie. Ich sah ein Berlin, das zwar unter anderen Vorzeichen steht – der Gendarmenmarkt liegt in „Fräulein Schmetterling“ fast noch in Trümmern -, von dem sich aber heute noch viel wiederfinden lässt. Der Film von Kurt Barthel und Christa & Gerhard Wolf ist eine wahre Fundgrube lebhafter Straßenimpressionen. Im International lief während der Dreharbeiten 1965 „Boccacio 70“ von De Sica, Monicelli und Visconti. Das Kino war ein veritables Fenster zum Westen, von seiner Eröffnung mit Wickis „Das Wunder des Malachias“ an. Kurz, ich hatte Blut geleckt und wollte mehr von der DEFA sehen, als in Wien lief.
„Sterne“ von Konrad Wolf (1959), angeblich der erste deutsche Film über den Holocaust, war ein vielversprechender Auftakt. Jürgen Frohriep, später langjähriger „Polizeiruf“- Kommissar, verkörpert einen Unteroffizier auf der Etappe in Bulgarien, der lieber malt, als Dienst nach Vorschrift zu tun. Nebenher erweist er den Partisanen riskante Gefälligkeiten und organisiert Medikamente für Juden, die demnächst nach Auschwitz deportiert werden. Er philosophiert, mitunter zu häufig, über den Niedergang der Zivilisation: eigentlich eine Figur der Entlastung, die Wolf aber in der Ambivalenz hält. Seine Liebesgeschichte mit der Jüdin Ruth ist zart und herzzerreißend (die DEFA tat oft einen guten Griff mit DarstellerInnen aus Osteuropa); sie führt ihm die eigene Mitschuld vor Augen. Wolfs zugeneigter Blick auf die jüdische Kultur wird aus dem Off von jiddischen Balladen besiegelt. Seinen „Casablanca“-Schluss kaufe ich dem Film ab. Ich glaube, dieser Regisseur könnte noch eine lohnende Entdeckungsreise für mich werden.
Bei Gottfried Kolditz, dem DEFA-Mann für die populären Genres, bin ich mir da nicht so sicher. Aber wer weiß, er könnte das ostdeutsche Gegenstück zu Harald Reinl sein. Auf seinen Musikfilm „Revue um Mitternacht“ war ich jedenfalls gespannt. Er kommt knallbunt daher, was eine Labsal ist nach so vielen Grautönen, eine kecke Ausstattungsorgie, wobei die Inszenierung der Tanz- und Gesangsnummern meist einfallsreicher ist als die Darbietungen selbst. Die DEFA bietet auf, was sie hat, das eigene Sinfonieorchester, das Ballett der Staatsoper und der Staatsoper sowie fesche SchlagersängerInnen aus dem Hause Amiga. Diese ausgiebige Zeigefreude beschert dem Film ein mächtiges Rhythmusproblem. Das Drehbuch ist dürftig, einige hüftsteife Künstler werden entführt, um einen Revuefilm zu „erstellen“; ihre Arbeitssitzungen verlaufen prosaisch turbulent. Man glaubt, sich in eine Flüsterkneipe voller Abstinenzler verirrt zu haben. Immerhin hat Komponist Karl-Ernst Sasse schon einmal Gershwin gehört. Aber der entscheidende letzte Schwung fehlt dem Ganzen, zumal die Hauptdarsteller das große Problem der DEFA, Charisma auszuschöpfen, vor Augen führen. Christel Bodenstein gebricht es an Temperament und Manfred Krug ist noch längst nicht so spritzig, wie wir ihn kennen. Er sei ein unfertiger Mensch, wirft sie ihm bei ihrem vorletzten Streit vor. So was hört man nur in einem DEFA-Film.
Nun rede ich mich also doch um Kopf und Kragen. Und zu lang werde ich ohnehin schon. Beizeiten mehr Neues aus dem Osten, auch Erfreulicheres.




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