Kritik zu The French Dispatch

© 20th Century Studios

Wes Anderson setzt dem Magazinjournalismus von einst ein filmisches Denkmal. Sein Film handelt weniger von den Redakteuren und Autoren als von ihren Geschichten, die er pastiche-artig nachbildet

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Im Spannungsfeld von Nostalgie und Zeitlosigkeit war bislang noch praktisch jeder Film von Wes Anderson angesiedelt, doch mit »The French Dispatch« treibt er die Sache nun auf die Spitze. Was vermutlich kein Wunder ist, schließlich erzählt er dieses Mal aus einer Welt, die noch viel mehr einer vergangenen Zeit zu entstammen scheint als Pfadfinderlager oder europäische Grand Hotels. Nämlich der des Printjournalismus.

»The French Dispatch (of the Liberty Kansas Evening Sun)« ist die fiktive Magazinbeilage einer fiktiven Zeitung, herausgegeben und geschrieben von amerikanischen Auslandsjournalist:innen im – natürlich ebenfalls fiktiven und augenzwinkernd benannten – französischen Städtchen Ennui-sur-Blasé irgendwann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nun ist der Gründer und Chefredakteur Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray) gestorben: Eine letzte Ausgabe des Blattes wird noch fertiggestellt, danach wird es – so hat er testamentarisch verfügt – für immer eingestellt.

Wovon nun Anderson in seinem zehnten Spielfilm erzählt, ist nicht etwa die Arbeit an eben dieser letzten Ausgabe, sondern vielmehr ihr Inhalt. »The French Dispatch« ist also unterteilt in vier Kapitel, Verzeihung: Reportagen, plus Vorwort und Nachruf, jeweils erzählt von den Autor:innen, die sich natürlich – wie man es vom amerikanischen Magazinjournalismus gewohnt ist – auch selbst zum Bestandteil ihrer Geschichten machen.

Los geht es mit der Reisekolumne von Herbsaint Sazerac (Owen Wilson), der auf dem Rennrad und mit Baskenmütze auf dem Kopf die schönen und auch nicht so schönen Ecken von Ennui erkundet. Ein Idyll ist der Ort nämlich keineswegs, werden doch durchschnittlich »8,25 Tote pro Woche aus dem Flüsschen Blasé gefischt«. 

Es folgt ein Porträt von Kunstkritikerin J. K. L. Berensen (Tilda Swinton), das sich dem genialen Maler Moses Rosenthaler (Benicio Del Toro) widmet, dessen Künstlerkarriere im örtlichen Gefängnis beginnt, wo er wegen Mordes einsitzt, seine Aufseherin (Léa Seydoux) zur Geliebten und Muse auserkoren hat und vom Kunsthändler Cadazio (Adrien Brody) entdeckt wird.

Die nüchtern-pragmatische Essayistin Lucinda Krementz (Frances McDormand) widmet sich wiederum der Geschichte des studentischen Revolutionärs Zeffirelli (Timothée Chalamet) und seiner Mitstreiterin und Freundin Juliette (Lyna Khoudri), während Gastro-Journalist Roebuck Wright (Jeffrey Wright) eine abenteuerliche Nacherzählung davon liefert, wie der berühmte Polizeikoch Nescaffier einmal den Fall der Entführung des Sohnes des Kommissars (Mathieu Amalric) zu lösen vermochte.

Inspiriert von Zeitschriften wie »The Paris Review« und nicht zuletzt dem »New Yorker« spielen Worte in »The French Dispatch« natürlich eine entscheidende Rolle. Bei Anderson sind sie noch geschliffener als sonst, smart und amüsant, voller Wortspiele, kleiner Albernheiten und intellektueller Referenzen an postmoderne Kunst, Jacques Tati oder verqualmt-verquatsche Talkshows, wie sie dereinst im Fernsehen zu sehen waren. 

Besonders viel Freude findet der (übrigens selbst in Frankreich lebende) Filmemacher dabei am Spiel mit Intertextualität und verschiedenen Narrationsebenen und -medien: Die Vorgeschichte eines Studenten wird zum Beispiel mittels einer Vorausblende erzählt, zu einem Theaterstück, ­das über ihn erst noch geschrieben wird. Und Wrights Kidnapping-Episode beinhaltet auch eine Animationspassage, da der Fall auch in Cartoon-Form abgedruckt wurde.

Derart detailverliebt, skurril und einfallsreich sind aber auch, was niemanden überraschen dürfte, die Bilder des Films, an denen mit Kameramann Robert Yeoman, Produktionsdesigner Adam Stockhausen und Kostümbildnerin Milena Canonero viele langjährige Anderson-Mitstreiter:innen mitwirkten. Mal in Farbe, mal in Schwarz-Weiß ist jede einzelne Einstellung bis ins Kleinste durchkomponiert, als Bestandteil der längst unverwechselbaren ästhetischen Handschrift Andersons.

Den Vorwurf, dass Stil in dieser amüsanten Verneigung vor einem längst vergangenen Frankreich, das in dieser Form wohl selbst im Kino nie existiert hat, mehr zählt als Substanz, muss sich »The French Dispatch« durchaus gefallen lassen. Gerade weil eine übergreifende Handlung oder eine Hauptfigur fehlt, fällt besonders auf, dass der Regisseur weniger auf Herz und zwischenmenschliche Emotionen setzt als in der Vergangenheit (wo er, siehe »Moonrise Kingdom«, sogar richtig anrührend wurde). Doch nicht zuletzt das blendend aufgelegte und verschwenderisch hochkarätige Ensemble, zu dem in winzigen Rollen auch Liev Schreiber, Elisabeth Moss, Willem Dafoe, Christoph Waltz oder Saoirse Ronan gehören, lässt einen solche Einwände die meiste Zeit über vergessen.

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