Kritik zu Isle of Dogs – Ataris Reise

© 20th Century Fox

Der Titel klingt nicht von ungefähr nach »I love dogs«: In seinem zweiten Animationsfilm nach »Der fantastische Mr. Fox« lässt Wes Anderson dystopische Science-Fiction mit Anspielungen auf Ausgrenzungsgeschichte und einer Hommage an Japan und seine Kultur verschmelzen

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Irgendwann in naher Zukunft, ungefähr in zwanzig Jahren, steht es schlecht um die besten Freunde des Menschen. Die Hundepopulation ist stark angewachsen, als ein massenhafter Ausbruch der Hundegrippe die japanische Stadt Megasaki erschüttert. Allerorten werden infizierte, niesende und sich schnäuzende Vierbeiner gesichtet, was zunächst behandelbar erscheint, auch wenn die Krankheit die Artengrenzen zu überwinden und auf die Menschen überzugreifen droht. Tatsächlich arbeiten Wissenschaftler bereits erfolgreich an der Herstellung eines Impfserums und an einem Plan zur Reduzierung der Wurfrate. Doch dies liegt keineswegs im Interesse von Kobayashi, dem korrupten Bürgermeister der Präfektur Uni, einem Katzenliebhaber. Er fordert eine sofortige Quarantäne: die Abschiebung und Internierung aller Hunderassen, Streuner wie Haustiere. Per Notverordnung wird »Trash Island«, eine abgeschiedene schwimmende Mülldeponie, zum Verbannungsort für die Tiere: die Insel der Hunde.

Ebenso, nämlich im Original »Isle of Dogs«, ist die neue Regiearbeit von Wes ­Anderson betitelt – ein Animationsfilm. Und wenn eine Kinoarbeit, in dem Hunde eine wesentliche Rolle spielen, zudem noch mit den Worten »Jegliches Bellen wurde ins Englische übersetzt« beginnt, kann das eigentlich nur Wohlgefallen auslösen bei entsprechend affinen Zuschauern. Wer eine leichte Komödie erwartet, wird indes enttäuscht werden. Gewiss eignet auch diesem Film der sagenhaft wunderliche Humor des US-Amerikaners (u. a. »Grand Budapest Hotel«). Dass Anderson mit »Isle of Dogs« allerdings wohl auch auf eine ambitionierte allegorische Erzählung aus war, ist nicht allein den vielen politischen wie kulturellen Bezügen zu entnehmen, sondern auch der Ästhetik. Zuallererst ist dieser Film eine Hommage an das japanische Filmschaffen, vorzugsweise an dessen großen Meister Akira Kurosawa.

Dessen Verehrer, der Autorenfilmer Wes Anderson, stellt all seine Kunstfertigkeit in den Dienst der dystopischen Geschichte, die sein neunter Spielfilm und – nach »Der fantastische Mr. Fox«, 2009 – zweiter Animationsfilm erzählt. Heute in zwanzig Jahren verläuft der Alltag komplett freudlos und streng reglementiert im japanischen Archipel. Die Folgen von Wahlfälschung und Umweltkatastrophen (Fukushima ist präsent) prägen das Land; die Bevölkerung wird mit Hilfe von gezielter Fehlinformation und Militanz unterdrückt; eine Anti-Hunde-Massenhysterie setzt ein. Doch es gibt auch eine kleine Widerstandsbewegung: Dass diese von einer Austauschschülerin aus Cincinnati, Ohio, angeführt wird, bezeugt den nicht geringen Humor des Regisseurs! In Megasaki wird indes die hundefeindliche Propaganda verschärft; und der Forscher, der tatsächlich ein Heilmittel für die Tierseuche entwickelt hat, wird vergiftet.

Wes Anderson zeichnet das Bild einer totalitären Gesellschaft, deren Machthaber per Dekret über Zugehörigkeit oder Ausschluss von Mitgliedern bestimmt. Nicht wenige Zuschauer werden sich dabei an den Umgang mit Geflüchteten oder mehr noch an die Judenverfolgung in Nazideutschland erinnert fühlen. Tatsächlich bleibt Letzteres nicht nur eine Assoziation, wenn irgendwann ein Hunde-KZ ins Bild gerät, das in der Gestaltung seines Eingangstors und in Kobayashis lokalen Plänen an das Vernichtungslager Auschwitz gemahnt.

Das ist starker Tobak; vielleicht hätte diese Überdeutlichkeit nicht unbedingt sein müssen. Dennoch überzeugt »Isle of Dogs« – und zwar vor allem durch die perfekte ästhetische Stilisierung, die allein schon durch den Rahmen des japanischen Kulturraums gegeben ist, aber durch das Ausstellen der Erzählmittel noch weitergetrieben wird. Die Struktur des Films orientiert sich in Kapiteln an Comics, und Inserts definieren für den Zuschauer verschiedene zeitliche Ebenen: etwa »Rückblende« und »Ende der Rückblende«. Die Hunde­ bellen, wie erwähnt, auf Englisch, während nicht übersetzt, sondern schriftlich eingeblendet ist, was auf Japanisch gesprochen wird. Nicht allein die in Stop-Motion-Technik animierten Figuren, sondern auch Scherenschnitte oder sogar collagenartige Bilder bezeugen den Reichtum des Genres. Zwei japanische Meister des Farbholzschnitts aus dem 19. Jahrhundert, Hiroshige und Hokusa, inspirierten das Drehbuchteam, darunter neben Anderson noch Roman Coppola, Jason Schwartzman und Kunichi Nomura. Stark synkopierte Rhythmen für den Soundtrack (Alexandre Desplat, aber auch japanische Trommeln und Auszüge aus Prokofjews »Leutnant Kishe«-Suite), teils grafische Lebenswelten und synchrone bis oft ruckartige Bewegungen tun ein Übriges, um den Eindruck einer hochstilisierten Welt zu erwecken.

Eines steht jedenfalls fest: Niedlich sind die Angehörigen der im Überlebenskampf zusammengeschweißten Hundebande keineswegs. Sie soll ja im Groben auch die Menschengesellschaft nachbilden in den unterschiedlichsten Typen und in einem Film, der wohl eher für Erwachsene gedacht ist. Fragen nach dem Anführer (»Alpha-Dog«) und den Hierarchien stellen sich mehr als einmal. Auf »Trash Island« gibt es neben dem attraktiven Showhund, der alle möglichen Tricks kennt, natürlich auch den Schoßhund, aber ebenso den ehemaligen Wachhund – und natürlich den Straßenköter: »Ich mache nicht ›Sitz‹. Ich beiße«, sagt Chief. Die Prophezeiung seines Namens darf sich am Ende sogar erfüllen.

Zu dieser Bande der Verbannten stößt dann der elternlose Pflegesohn von Bürgermeister Kobayashi. Auf der Suche nach Spot, seinem geliebten Leibwächterhund, legt der 12-jährige Atari mit einem winzigen einmotorigen Flugzeug eine Bruchlandung auf der Müllhalde hin; er gewinnt schnell die Unterstützung der geächteten Tiere. Und so erzählt dieser Film letztlich eine Geschichte über Freundschaft, Treue und Unerschrockenheit, wenn er grundsätzlich danach fragt, wer wir Menschen sind und wie wir als Gesellschaft sein wollen. »Isle of Dogs« ist eine Verbeugung vor dem ermutigenden Heldentum der Kleinen und Schwachen. Vor allem aber ist Andersons neuer Film eine Absage an die Intoleranz.

Meinung zum Thema

Kommentare

Ja, sehr viel Politik in dem Film. Das wertvolle finde ich die Wirkung der Stilistik - sie wirkt metaphysische und surreal und überragt aus meiner Sicht die Politik die aktuell überschätzt wird. Für weist der Film darauf, wie Ruch Kombination verschiedener Perlen der Kultur neue Impulse gesetzt werden können. Da ich finde, das die Zeit der Linken vorbei ist, werden hier Zeichen für eine Neudefinition von Persönlichkeit und Kultur gesetzt.

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