Patrick Heidmann

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Filmkritiken von Patrick Heidmann

Im Regiedebüt von Carmen Emmi spielt Tom Blyth einen jungen Zivilpolizisten in den 90er Jahren, dessen Job es ist, schwule Männer auf öffentlichen Toiletten zu verhaften, während er sich noch mit seiner eigenen sexuellen Orientierung arrangieren muss. Was die Erzählstruktur oder visuelle Einfälle wie endlose VHS-Schnipsel angeht, ist »Plainclothes« ein wenig überinszeniert und auch nicht ganz frei von einigen in die Jahre gekommenen Klischees. Durch das in Sundance mit einem Preis bedachte starke Ensemble entwickelt der Film aber durchaus emotionale Wucht.
Dass Musik-Biopics auch ohne prominente Protagonist*innen funktionieren können, beweist Craig Brewster mit Song Sung Blue. Er erzählt die auf wahren Begebenheiten basierende Lebens- und Liebesgeschichte von Mike (Hugh Jackman) und Claire (Kate Hudson), die es als Neil-Diamond-Coverband mit Name »Lightning & Thunder« zumindest in Wisconsin zu einer gewissen Bekanntheit brachten, bevor das Schicksal mehrfach zuschlug. Der Film ist dabei immer wieder so sentimental wie viele Diamond-Songs, funktioniert auf emotionaler Ebene aber auch ähnlich gut. Was nicht zuletzt an Hudson in auch stimmlicher Hochform liegt.
Durch Zufall gerät Matthew in den Dunstkreis des aufstrebenden Popstars Oliver. Doch je höher er in dessen Gunst aufsteigt, desto mehr dominieren Neid, Eifersucht und Manipulation diese aus einem unüberbrückbaren Ungleichgewicht gestartete Freundschaft. Das Regiedebüt von Alex Russell ist mindestens so sehr Thriller wie ein Drama über Aufstiegsträume, aber in jedem Fall ein clever geschriebenes Vehikel für Théodore Pellerin und Archie Madekwe, zwei der aktuell spannendsten Schauspieler ihrer Generation.
Für das Regiedebüt seines Sohnes Ronan kehrt Daniel Day-Lewis entgegen allen Erwartungen vor die Kamera zurück. Als traumatisierter Ex-Soldat, der vor Jahren mit seiner Familie gebrochen und sich aus der Zivilisation zurückgezogen hat, läuft der Oscargewinner zu verlässlich großer Form auf. Dies kann allerdings nicht gänzlich darüber hinwegtäuschen, dass dem jungen Regisseur die Umsetzung der Geschichte auf visueller Ebene überzeugender gelingt als auf der dramaturgischen.
Kathryn Bigelow zeigt aus verschiedenen Perspektiven, wie Verantwortliche des US-Militärs und Politbetriebs damit umzugehen versuchen, dass sich ein atomarer Sprengkörper dem amerikanischen Festland nähert. Nie zu reißerisch und immer mit genug Blick auf die menschlichen Emotionen hinter der politischen Professionalität. Ein handwerklich wie schauspielerisch erstklassiger Thriller, der in Sachen Spannung dieses Jahr seinesgleichen sucht.
Die Geschichte über bewaffneten Widerstand, rechtsextreme Hintermänner und ein Vater-Tochter-Gespann besticht mit außergewöhnlichen Action-Sequenzen und bemerkenswert viel Humor, einem exzellenten Ensemble rund um Leonardo DiCaprio in Bestform sowie famoser Kameraarbeit samt Ausnahme-Score. Vor allem aber ist der Film ein Plädoyer für die Liebe.
So berührend diese Geschichte über eine Studentin, ihre kleine Halbschwester, die Alkoholiker-Mutter und komplexe Zukunftsentscheidungen ist, so überfrachtet und wenig originell erzählt kommt sie daher. Getragen wird die Adaption des gleichnamigen Sensations-Bestsellers von Caroline Wahl deswegen vor allem von ihren drei exzellenten Hauptdarstellerinnen: Luna Wedler, Laura Tonke und die kleine Zoë Baier machen die meisten Schwächen von »22 Bahnen« fast wett.
Trotz viel Humor und seinen drei höchst attraktiven Stars ist Celine Songs zweiter Film weniger eine romantische Komödie im klassischen Sinn als eine kluge, facettenreiche und bittersüße Abhandlung darüber, welchen komplexen Überlegungen sich beziehungssuchende Großstadtsingles heutzutage stellen müssen.
Die Frage ist inzwischen weniger, welcher 80er-Kinohit noch zurückkehrt, sondern eher, welcher bereits zum wiederholten Male wiederbelebt wird. »Karate Kid: Legends« vereint Elemente und Personal aus gleich mehreren Abschnitten der Franchise-Geschichte und mit Ralph Macchio und Jackie Chan ein Mentoren-Doppelpack.
Spielerische Fingerübung nach dem Riesenprojekt »Captain Marvel«: Anna Boden und Ryan Fleck reihen vier unterschiedliche Geschichten aneinander, die erst zum Finale miteinander verknüpft werden und insgesamt eine durchaus blutige Mischung aus Action und Komödie ergeben. Das macht durch ein prominentes Ensemble und vielen 80er-Jahre-Referenzen durchaus Spaß.

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