Patrick Heidmann

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Filmkritiken von Patrick Heidmann

Von den frühen, nicht nur emotional schwierigen Tagen als Kinderstar an der Seite seiner Brüder über die Emanzipation als Solo-Künstler bis hin zum Dasein als größter Popstar aller Zeiten folgt »Michael« der Biografie Michael Jacksons und feiert dabei nicht zuletzt sein künstlerisches Talent. Die dunklen Seiten seines Lebens werden dabei recht simpel abgehandelt oder – wie die zahllosen, bis heute im Raum stehenden Missbrauchsvorwürfe – einfach ausgeblendet. Fans, die damit kein Problem haben, kommen hier voll auf ihre Kosten, denn als konventionelles Biopic ist der Film von Antoine Fuqua mitreißender als die meisten anderen. Alle anderen werden sich am gänzlich unkritischen Ansatz fraglos stören.
Bill Condons Adaption des erfolgreichen Broadway-Musicals thematisiert den Gegensatz zwischen der Brutalität des echten Lebens und der vergeblichen Hoffnung, im Eskapismus ein Heilmittel zu finden. Ein bisschen zu unversöhnlich stehen hier die bittere Gefängnisrealität und die glitzernde Musical-Welt nebeneinander, aber mit Newcomer Tonatiuh ist ein neuer Star geboren.
Filme, in denen es der Oberschicht an den Kragen geht, haben Hochkonjunktur. Doch dieser lose inspirierten Neuverfilmung von »Adel verpflichtet« gehen nicht nur das Spezifische des Settings und der beißende Witz des Originals ab. Es fehlt auch an erhellenden Erkenntnissen und vor allem ein Protagonist, der mehr zu bieten hat, als Herzlosigkeit und Verdorbenheit noch mit Charme zu verbinden.
Mit seiner dritten Regiearbeit setzt Bradley Cooper statt auf Pathos und große Gesten auf fein beobachtete Zwischenmenschlichkeit in Form einer bescheidenen tragikomischen Beziehungsgeschichte. Dass er selbst dieses Mal nur eine Nebenrolle übernommen hat, erweist sich als Vorteil, doch Co-Autor Will Arnett als vom Ehe-Ende überforderter Vater, der plötzlich Stand-up-Comedy zur Krisenbewältigung für sich entdeckt, ist nicht der einnehmendste Protagonist.
Wie schon zuletzt mit seinem Welterfolg »Das Lehrerzimmer« beweist İlker Çatak auch mit »Gelbe Briefe«, dass er es auf überzeugende Weise versteht, sich anspruchsvolle Arthouse-Themen so vorzunehmen, dass sie auch als Unterhaltung für ein breites Publikum funktionieren. Seine Geschichte eines Künstlerehepaares, das angesichts staatlicher Repressionen erst seine Existenz und dann sich selbst zu verlieren droht, ist dabei nicht nur eine dezidiert türkische und gleichzeitig universell erzählte Geschichte, sondern auch klug inszeniert und hervorragend gespielt.
Josh Safdie gelingt mit seiner ersten Solo-Regie ein Film, der die Stärken früherer Arbeiten aufgreift und auf ein ganz neues Niveau hebt. Die fiktive, aber in realen Begebenheiten verwurzelte Geschichte des überambitionierten Marty Mauser, der im New York der frühen 50er Jahre davon träumt, Tischtennis-Weltmeister zu werden, vibriert vor rastloser Energie, bietet emotionale Achterbahnfahrten, die trotz Überlänge nie langweilen, und besticht durch einen überragenden Timothée Chalamet in der Hauptrolle.
Im Regiedebüt von Carmen Emmi spielt Tom Blyth einen jungen Zivilpolizisten in den 90er Jahren, dessen Job es ist, schwule Männer auf öffentlichen Toiletten zu verhaften, während er sich noch mit seiner eigenen sexuellen Orientierung arrangieren muss. Was die Erzählstruktur oder visuelle Einfälle wie endlose VHS-Schnipsel angeht, ist »Plainclothes« ein wenig überinszeniert und auch nicht ganz frei von einigen in die Jahre gekommenen Klischees. Durch das in Sundance mit einem Preis bedachte starke Ensemble entwickelt der Film aber durchaus emotionale Wucht.
Dass Musik-Biopics auch ohne prominente Protagonist*innen funktionieren können, beweist Craig Brewster mit Song Sung Blue. Er erzählt die auf wahren Begebenheiten basierende Lebens- und Liebesgeschichte von Mike (Hugh Jackman) und Claire (Kate Hudson), die es als Neil-Diamond-Coverband mit Name »Lightning & Thunder« zumindest in Wisconsin zu einer gewissen Bekanntheit brachten, bevor das Schicksal mehrfach zuschlug. Der Film ist dabei immer wieder so sentimental wie viele Diamond-Songs, funktioniert auf emotionaler Ebene aber auch ähnlich gut. Was nicht zuletzt an Hudson in auch stimmlicher Hochform liegt.
Durch Zufall gerät Matthew in den Dunstkreis des aufstrebenden Popstars Oliver. Doch je höher er in dessen Gunst aufsteigt, desto mehr dominieren Neid, Eifersucht und Manipulation diese aus einem unüberbrückbaren Ungleichgewicht gestartete Freundschaft. Das Regiedebüt von Alex Russell ist mindestens so sehr Thriller wie ein Drama über Aufstiegsträume, aber in jedem Fall ein clever geschriebenes Vehikel für Théodore Pellerin und Archie Madekwe, zwei der aktuell spannendsten Schauspieler ihrer Generation.
Für das Regiedebüt seines Sohnes Ronan kehrt Daniel Day-Lewis entgegen allen Erwartungen vor die Kamera zurück. Als traumatisierter Ex-Soldat, der vor Jahren mit seiner Familie gebrochen und sich aus der Zivilisation zurückgezogen hat, läuft der Oscargewinner zu verlässlich großer Form auf. Dies kann allerdings nicht gänzlich darüber hinwegtäuschen, dass dem jungen Regisseur die Umsetzung der Geschichte auf visueller Ebene überzeugender gelingt als auf der dramaturgischen.

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