Nahaufnahme von Kevin Feige

Sie haben einen Kevin!
Kevin Feige (2019) © Gage Skidmore from Peoria, AZ, United States of America (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kevin_Feige_(48462887397).jpg), „Kevin Feige (48462887397)“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/legalcode

Kevin Feige (2019) © Gage Skidmore from Peoria, AZ, United States of America

(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kevin_Feige_(48462887397).jpg), „Kevin Feige (48462887397)“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/legalcode

Das Marvel Cinematic Universe wächst und wächst. In diesem Jahr stehen vier Kinofilme und der Launch eines neuen Serien­segments an. Der Mann, der die Idee zum Superfranchise hatte und im Heldengewimmel den Überblick behält, ist der Produzent Kevin Feige

Seit 2008 dominieren die »Avengers«-Filme von Marvel Studios um Iron Man und Co. die Kinokassen. Weniger bekannt ist der Mann, der hinter ihrem Erfolg steht: Kevin Feige. Der 47-jährige Präsident von Marvel Studios ist der Architekt des Marvel Cinematic Universe (MCU), jenes weit verzweigten Filmkosmos, der von »Iron Man« bis »Spider-Man: Far From Home« (2019) bisher 23 Filme umfasst. Sein Konzept ist einfach: Man nehme eine Handvoll Helden, statte sie mit eigenen Filmreihen aus und verbinde diese durch das Crossover von Figuren und Handlungselementen zu einem großen gemeinsamen Erzähluniversum. In nur elf Jahren wuchs das in drei Phasen aufgeteilte MCU zum weltweit erfolgreichsten Film-Franchise aller Zeiten an, Gesamteinspielergebnis: 22,5 Milliarden Dollar. Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte es mit »Avengers: Endgame« (2019), in dem alle Handlungsbögen zusammenliefen. Der Film brach sämtliche Rekorde und entthronte »Avatar« als umsatzstärksten Film aller Zeiten. Andere Studios haben versucht, Feiges shared universe-Strategie zu kopieren, darunter Warner Bros. mit ihrem erweiterten DC-Comics-Universum. Doch kam bisher niemand an den Erfolg der Marvel-Studios-Filme heran. Warum? »Einfach«, antwortete »Avengers: Endgame«-Co-Regisseur Joe Russo der Zeitschrift »Vanity Fair«: »Sie haben keinen Kevin.« 

Der Aufstieg von Kevin Feige markiert eine Wende im Filmgeschäft, das sich in den letzten Jahren zunehmend auf Franchises und transmediale Storywelten mit vertrauten Inhalten versteift hat. Intellectual Property (IP), deutsch: geistiges Eigentum, lautet das Zauberwort. Medienunternehmen wie Marvels Mutterkonzern Disney geben Milliardenbeträge aus, um lukrative IPs wie das »Star Wars«-Universum oder eben die Superhelden des Marvel-Comicverlags unter ihre Kontrolle zu bekommen. Kritiker sehen darin den Untergang des Qualitätskinos. Statt in innovative Originalstoffe zu investieren, verfilmt Hollywood das gleiche Sommer-Effektspektakel wieder und wieder. »Das Kino wird zum Vergnügungspark«, schimpfte ­Regielegende Martin Scorsese in Hinblick auf die Flut an MCU-Filmen. Er sieht die Avengers als Endgame des klassischen Erzählkinos: »Es ist nicht das Kino von Menschen, die versuchen, emotionale, psychologische Erfahrungen einander zu vermitteln.« 

»Iron Man« (2008). © Concorde Filmverleih

Kevin Feige ist anderer Auffassung. Seine Filme sind weniger beeinflusst von Auteurs wie Scorsese als vielmehr vom Blockbuster-Kino seiner Kollegen George Lucas und Steven Spielberg. Seit seiner Kindheit haben Franchise-Filme Feiges Fantasie nicht blockiert, sondern entfacht. »Ich war nie zynisch gegenüber Sequels eingestellt«, sagte er im Interview. »Ich war gespannt darauf, wie sich die von mir geliebten Figuren weiterentwickeln würden. Wenn mich mal ein Film enttäuschte, malte ich mir im Kopf aus, was ich anders gemacht hätte. In vielfacher Weise ist das nicht so verschieden von dem, was ich heute mache.« Aufgewachsen als passionierter Film- und Comic-Nerd in den Kinosälen New Jerseys, ist Feige in der Mythologie populärer Texte zu Hause. Sein lexikalisches Wissen über die Marvel-Comics-Welt bescherte ihm nach dem Studium an der USC School of Cinematic Arts den ersten Produzentenjob im Filmgeschäft: Der damalige Assistent von Produzentin Lauren Schuler Donner wurde für Bryan Singers »X-Men« (2000) zum Associate Producer befördert. Als Anwalt der Comics schrieb Feige den Produzenten nützliche Notizen und versorgte Hugh Jackman entgegen Singers Comic-Verbot am Set mit Wolverine-Heften, um ihm bei seiner Charakterfindung zu helfen. 

Das erregte die Aufmerksamkeit von Marvel-Produzent Avi Arad, der Feige für Marvel Studios abwarb. Das junge Studio verfolgte zunächst die Strategie, die Filmrechte seiner Helden an andere Studios zu lizenzieren. Als bei Marvel der Wunsch aufkam, eigene Filme zu produzieren, pitchte Feige seine Vision eines gemeinsamen Marvel-Leinwand-Universums nach dem Vorbild der Comics. Zwar waren die lukrativsten Helden bereits an andere Studios vergeben, doch glaubte Feige an das Potenzial von »B-Ware« wie Iron Man, Captain America, Ant-Man oder Thor, deren Rechte verfügbar waren und die zufällig zur Kernbelegschaft der Avengers-Heldentruppe zählten. 

Kritiker, die das Marvel Cinematic Universe als kalkuliertes Geschäftsmodell abtun, unterschätzen, welches Risiko Marvel Studios bei seiner Entstehung eingegangen war. Das Studio nahm einen Kredit über 525 Millionen Dollar bei der Investmentbank Merrill Lynch auf, mit den Rechten ihrer Figuren als Pfand. Scheiterten auch nur einer oder zwei der geplanten zehn Filme, war alles verloren. Ein immenser Druck lastete auf Feige, der mit 33 Jahren zum Produktionschef von Marvel Studios ernannt wurde. Doch er lieferte ab: Von »Iron Man« bis »Marvel’s the Avengers« war die erste Phase des MCU ein durchschlagender Erfolg. Maßgeblich hierfür dürfte die Arbeitsweise sein, die Feige bei Marvel Studios etablierte. Diese ist vor allem vom Gedanken der kreativen Kollaboration geprägt: In unzähligen Story-Konferenzen legt er mit einem Autorenteam die grundlegenden Züge der Filmhandlungen und Charakterentwicklungen fest, die dann in der Detailarbeit mit den Regisseuren für die jeweilige Produktion ausgestaltet werden. Dadurch gewinnt jeder Film seinen eigenen Ton, bleibt aber über eine Brotkrumenspur an Querverweisen mit dem Gesamtkonstrukt verbunden. 

Damit sich das Konzept nicht abnutzt, setzt Feige vor allem auf Abwechslung. Die eingespielte Marvel-Familie wird stetig durch neues Talent erweitert, bevorzugt aus dem Independent-Bereich. Ryan Coogler (»Black Panther«), James Gunn (»Guardians of the Galaxy«), Taika Waititi (»Thor: Tag der Entscheidung«), Anna Boden und Ryan Fleck (»Captain Marvel«) – sie alle konnten im MCU künstlerisch ihre eigenen Akzente setzen, vorausgesetzt, sie hielten sich an die Spielregeln. Auch hinsichtlich ihrer Genresettings unterscheiden sich die Filme gravierend. Während der erste »Captain America« als Zweiter-Weltkrieg-Film umgesetzt wurde, war seine Fortsetzung an die paranoiden Politthriller der 70er Jahre angelehnt. »Ant-Man« ist ein cooles Heist-Movie, »Black Panther« führt in die Sci-Fi-Subkultur des ­Afrofuturismus ein. Immer wieder zeigt sich Feige beweglich und experimentierfreudig. Mit »Guardians of the Galaxy« etwa kramte er die kurioseren Randfiguren aus der Marvel-Kiste, darunter eine grünhäutige Killerin, ein sprechender Waschbär und ein wandelnder Baum. »Zu nerdig!«, war die Befürchtung bei Disney. Heute zählen die Guardians zu den beliebtesten Figuren des MCU. 

Feige vertraut der Sogkraft der Marvel-Figuren, als deren Kurator er sich sieht. Er ist Vertreter einer neuen Generation von Filmemachern, die nicht mehr eigene Welten erschaffen, sondern das geistige Eigentum anderer verwalten, neuinterpretieren und einem größeren Publikum zugänglich machen: Superfans, die mit der ihnen anvertrauten Marke ebenso vertraut sind wie mit den Bedürfnissen ihres Zielpublikums, zu dem sie selbst zählen. Sie sind Produzenten und zugleich Mittler zwischen Filmindustrie und Rezipient. Dies wird deutlich, wenn Feige auf der Bühne von Halle H der San Diego Comic-Con die neuesten Marvel-Filme ankündigt. Mit Jeans, Turnschuhen und der zum Markenzeichen gewordenen Marvel-Kappe erinnert sein Auftreten an die legendären Keynotes von Steve Jobs. Wie der verstorbene Apple-CEO weiß Feige, wie man einen Hype baut. Promo-Events, Teaser-Trailer und Filmplakat – die Spekulationswut, die sie generieren, ist Bestandteil der Filmerfahrung.

Teamwork, Risikobereitschaft, Markenverständnis und ein Gespür für Marketing zeichnen Feige als Produzenten aus. Dazu kommt sein Perfektionismus. Für ihn ist die Filmproduktion eine langwierige Optimierungsschleife aus Drehbuchüberarbeitungen, Test-Screenings und Re-Shoots. Manchmal sind es eben nur Details, die am Ende über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Getreu dem Motto von Produzentenlegende Irving Thalberg: »Der Unterschied zwischen etwas Gutem und etwas Überragendem ist oft sehr klein.« Mit dem Wunderkind von MGM verbindet Feige eine unheimliche Konzentrationsfähigkeit, die ihn mehrere Filmprojekte gleichzeitig jonglieren lässt. Denn selbst nach »Avengers: Endgame« ist nicht an Pause zu denken. Im Gegenteil: 2019 wurde Feige zum Chief Creative Officer von Marvel Entertainment befördert, was ihm zusätzlich die kreative Leitung über Marvel Comics, Marvel Animation und Marvel Television verschafft. So steht 2021 nicht nur der Beginn von Phase vier des MCU mit vier neuen Kinofilmen an, sondern auch der Launch von insgesamt 11 Marvel-Serien, die Marvel Studios für den Streamingdienst Disney+ produziert und narrativ eng mit den Filmen verknüpft. Dass durch den Kauf von Fox durch Disney 2019 die Rechte an den X-Men, Fantastic Four und Deadpool an Marvel Studios zurückwanderten, gibt Feige eine zusätzliche Möglichkeit, Marvels popkulturelle Dominanz auszubauen. 

Ob nun Feige der Prototyp eines neuen Hollywoodproduzenten ist, der sich auf das kreative Rearrangement bekannter Filmstoffe versteht, oder aber den kalten, grausamen Triumph der Kulturindustrie verkörpert, eins steht fest: Man wird im kommenden Jahrzehnt kaum an ihm vorbeikommen.

Am 15. Januar ist die Miniserie »WandaVision« mit Elizabeth Olsen und Paul Bettany auf Disney+ angelaufen. Im Mai soll »Loki« folgen. 

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