VoD: »Twinless« (2025)

englisch © Lionsgate Movies

Ein junger Mann muss den Tod seines Zwillingsbruders verkraften und trifft auf einen unerwarteten Begleiter

Nur eine einzige der zehn Produktionen, die im US-Spielfilmwettbewerb beim Sundance Film Festival 2025 vertreten waren, war kein Regiedebüt. Und ausgerechnet dieser Film – der »Twinless« betitelte Zweitling von James Sweeney – erwies sich letztlich als stärkster aller Beiträge. Was am Ende auch das Publikum befand, wurde der Film doch mit dem begehrten Audience Award ausgezeichnet (den in der Vergangenheit auch schon Oscargewinner wie »CODA« oder »Whiplash« erhalten hatten).

Sweeney, der wie schon bei seinem Erstling »Straight Up« auch als Drehbuchautor und Mitproduzent verantwortlich zeichnet, spielt eine der beiden Hauptrollen gleich selbst. Die andere – wohlgemerkt als Doppelrolle – hat Dylan O'Brien übernommen, dank der Serie »Teen Wolf« und den »Maze Runner«-Filmen lange als Teeniestar abgestempelt und in Sundance von der Jury mit einem Schauspiel-Spezialpreis bedacht.

Nach dem Unfalltod seines Zwillingsbruders Rocky kommt der zurückhaltende Roman (O'Brien) aus der Provinz nach New York, um dort die Wohnung des Verstorbenen aufzulösen, aber vielleicht auch ein wenig auf den Spuren eines Lebens zu wandeln, von dem er nicht mehr viel wusste, seit die Unzertrennlichkeit der Kindheit abhandengekommen war. In einer Selbsthilfegruppe für Menschen, die den Verlust eines Zwillings betrauern, lernt er dann den nerdig-romantischen Dennis (Sweeney) kennen.

Vereint in der Trauer freunden die beiden sich an, nicht obwohl, sondern gerade weil sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Dennis ist selbstbewusst, nicht auf den Mund gefallen und schwul, worin der schüchterne, wenig intellektuelle und heterosexuelle Roman auch seinen Bruder wiedererkennt. Doch anders als bald die Zuschauer*innen weiß er nicht, dass diese neue Freundschaft, die ihn aufblühen lässt, auf einer falschen Prämisse basiert.

Nicht erst ab dieser Enthüllung, die gegen Ende des ersten Filmdrittels kommt, erweist sich »Twinless« als tonaler Balanceakt, wie ihn selbst die erfahrensten Filmemacher nicht oft hinbekommen. Was zunächst als spleenige Indiekomödie über eine eigenwillige Freundschaft beginnt, wird erst zu einer erstaunlich einfühlsamen Auseinandersetzung mit Trauer und Einsamkeit und schließlich zu einer unerwartet abgründig-bitteren, überraschenden Angelegenheit, über die man nicht allzu viel wissen sollte, bevor man sich ihr aussetzt.

Eines aber darf man verraten: Wie Sweeney diesen Balanceakt erzählerisch meistert und »Twinless« zu einem der witzigsten, berührendsten und oft unangenehmsten Filme macht, die das US-Independentkino in jüngster Zeit zu bieten hatte, ist bemerkenswert. Der stark aufspielende O'Brien, ein allgemein starkes Ensemble sowie ein paar erfrischend freizügige Sexszenen tun ihr Übriges. Schade, dass diesem ebenso komischen wie cleveren Film kein deutscher Kinostart vergönnt war. Aber als Video-on-Demand sollte man ihn sich nicht entgehen lassen.

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