Kritik zu Plainclothes
Im Regiedebüt von Carmen Emmi spielt Tom Blyth einen jungen Zivilpolizisten in den 90er Jahren, dessen Job es ist, schwule Männer auf der Suche nach Sex in öffentlichen Toiletten zu verhaften
Nach langen Jahren des Fortschritts ist in der LGBTQ-Community seit geraumer Zeit spürbar, dass wieder ein schärferer Wind weht, was gesellschaftliche Akzeptanz und juristische Gleichstellung angeht. Vielleicht auch deswegen verschiebt sich die Themensetzung in queeren Geschichten auf Leinwand und Bildschirm aktuell wieder. Statt erbaulich von Selbstbestimmung und Selbstverständlichkeit zu erzählen, geht es wieder häufiger – und wohlgemerkt in sehr unterschiedlichen Tonfällen – um Menschen, die ihre sexuelle Identität verstecken, heimlich ausleben oder unterdrücken, sei es in Serien wie »Boots« (Netflix) und »Heated Rivalry« (bei uns noch nicht gestartet) oder nun im Film »Plainclothes«.
Lucas Brennan (Tom Blyth) ist ein solcher Mann, der es absolut verinnerlicht hat, seine wahren Gefühle und Begierden nicht zu zeigen. Mitte der 90er Jahre lebt er als Sohn einer typischen Arbeiterklasse-Familie in Syracuse im Bundesstaat New York, arbeitet wie schon der Opa als Polizist und ist scheinbar glücklich liiert mit Emily (Amy Forsyth). Doch dann sorgt ein Undercover-Einsatz dafür, dass seine sorgsam aufgebaute Fassade einer heterosexuellen »Normalität« zusehends zum Einsturz kommt.
In einem Einkaufszentrum soll Lucas in Zivil nach Sex suchende Männer dazu bringen, ihm auf die Toilette zu folgen, wo sie verhaftet werden, sobald sie buchstäblich die Hosen fallen lassen. Um die Legalität dieser Einsätze zu wahren, darf Lucas mit den Zielpersonen nicht sprechen, sie nicht anfassen und ihnen nicht in die Klokabinen folgen. Als er auf diesem Weg allerdings auf den etwas älteren Andrew Waters (Russell Tovey) trifft, bricht Lucas nicht nur diese Regeln, sondern verhindert auch dessen Verhaftung. Nachdem Andrew ihm seine Nummer zusteckt, nimmt Lucas schließlich Kontakt auf zu dem Mann, den er nicht aus dem Kopf bekommt. Doch der entpuppt sich als verheirateter Familienvater.
Ungeoutete Männer, die nur bei anonymen Begegnungen auf öffentlichen Toiletten ihr wahres Ich zeigen können und dabei stets das Risiko einer Festnahme eingehen, wirken als Thema für einen Film auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen. Doch der Stoff des Debütfilms von Carmen Emmi spiegelt traurige Aktualität: Allein am Bahnhof Penn Station in New York City wurden 2025 bei gezielten Polizeiaktionen über 200 cruisende Männer verhaftet.
Frisch und neu ist die fraglos eindringliche Geschichte von Selbsthass und dem Ringen mit einem homophoben Umfeld (sowohl in der Familie wie auch im Job), die Plainclothes erzählt, trotzdem nicht unbedingt. Vielleicht auch deswegen trägt Emmi in der Inszenierung und visuellen Gestaltung dick auf. Atemlose Schnitte und Zeitsprünge, Heimvideo- und Wackel-Optik oder eine auf Irritation setzende Tonspur – all das ist nicht nur Ausdruck von Lucas’ innerer Beklemmung und Unruhe, sondern auch Ablenkung von einer mangelnden Fokussierung im Drehbuch. Dabei hätten die Chemie zwischen den Hauptdarstellern und vor allem Toveys nuanciertes, intensives Spiel mehr Ruhe gut vertragen können.





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