Patrick Heidmann

Mehr von Patrick Heidmann auf Twitter: @patrickheidmann

Filmkritiken von Patrick Heidmann

In der Jugendliteratur boomen Geschichten über queere Teenager schon seit längerem, nun schwappen sie auch zusehends auf Leinwände und Bildschirme. Diese in den 1980ern angesiedelte Romanverfilmung von Aitch Alberto setzt längst nicht so sehr auf Feelgood-Utopie wie »Heartstopper«, erweist sich aber trotzdem als charmant und rührend. Weswegen man ihr auch nachsieht, dass Inszenierung, Schnitt und Drehbuch in nicht wenigen Szenen ein wenig unbeholfen oder schlicht wirken.
Ein verheirateter Mann verliebt sich in eine Transfrau – aus dieser Prämisse macht der pakistanische Regisseur Saim Sadiq nicht nur einen berührenden Beziehungsfilm, sondern auch ein komplexes Familiendrama und ein facettenreiches Porträt der muslimisch geprägten Gesellschaft seiner Heimatstadt Lahore. Ein exzellent gespieltes und eindrucksvoll umgesetztes Regiedebüt, das von Identität, Begierde und Selbstfindung erzählt und nebenbei jede Menge bestehende Strukturen hinterfragt.
Halb SciFi-Action, halb (Anti-)Kriegsepos erzählt Gareth Edwards von Menschlichkeit im Konflikt zwischen humanoiden Robotern und ihren Schöpfern. Am Ende steht zu viel Kitsch im Raum, doch nicht zuletzt die Kameraarbeit sowie die Spezialeffekte machen aus spannender Unterhaltung hier ein echtes Kino-Erlebnis.
So wirklich gelungen war noch keiner von Kenneth Branaghs Auftritten als Meisterdetektive Hercule Poirot, und auch »A Haunting in Venice« kehrt diesen Trend nicht um. Dass er sich dieses Mal gegenüber der Vorlage einige Freiheiten herausnimmt, ist zwar begrüßenswert. Doch der Versuch, über Grusel-Atmosphäre mit Mystery-Einschlag zusätzliche Spannung zu gewinnen, gelingt nur höchst bedingt. Viel eigentlicher Agatha Christie-Charme bleibt da nicht übrig – und die hochkarätigen Nebendarsteller*innen haben einmal mehr zu wenig zu tun.
Ein typischer Kaurismäki – und trotzdem etwas ganz Besonderes. Ansa (Alma Pöysti) und Holappa (Jussi Vatanen), beide einsam, wortkarg und aus der Arbeiterklasse, lernen sich in einer Karaoke-Bar kennen und finden dann nur sehr zaghaft und über Umwege zueinander. Von den Figuren über den Humor bis hin zum unverwechselbaren Look ist alles am 20. Spielfilm des Finnen so, wie Fans es erwarten. Und doch begeistert »Fallende Blätter« nicht nur mit tragikomischem Charme und einem tollen Darsteller*innen-Duo in den Hauptrollen, sondern auch mit vielen kleinen Momenten unerwarteter Frische, die aufs Wundervollste beweisen, dass Kaurismäki noch längst nicht auf Altherren-Autopilot geschaltet hat.
Elegance Bratton erzählt von einem jungen Schwulen, der als Soldat bei der Marine hofft, seinem Alltag zwischen Obdachlosenheimen und einer homophoben Mutter zu entkommen. Dabei gelingt im ein bemerkenswert starkes und berührendes Debüt frei von Kitsch und Klischees.
Drei Geschwister, die als Erwachsene der Nähe nachspüren, die sie einst verband, stehen im Zentrum des neuen Films von US-Independent Regisseur Dustin Guy Defa, dessen Arbeit in Deutschland bislang noch kaum Wellen schlug. Hier gelingt ihm ein feines, kleines Familiendrama mit einer guten Portion verspielten Witzes, das nicht zuletzt davon lebt, wie überzeugend Michael Cera, Hannah Gross und Sophia Lillis nicht nur die geschwisterlichen Bande spürbar machen, sondern auch die Leerstellen des Drehbuchs mit Leben füllen.
Weder was Schwiegereltern-Komödien noch das unter Comedians übliche Ausschlachten der eigenen Biografie als Gag-Material weiß Sebastian Maniscalcos erster eigener Kinofilm wirklich zu überzeugen. Entweder hätte sein Spiel mit kulturellen Unterschieden und althergebrachten Vorurteilen mehr Wahrhaftigkeit gebraucht oder im Gegenteil den Mut zu noch mehr Absurdität. Immerhin: Robert De Niro als Italo-Papa mit peinlichem Klingelton und Vorliebe für penetrante Düfte sorgt für die besten Momente.
Angesiedelt zwischen niedlicher Romcom und tragischem Beziehungsdrama erzählt Michael Showalter die Liebesgeschichte zweier letztlich sehr unterschiedlicher Männer (Jim Parsons & Ben Aldridge), die nach vielen gemeinsamen Jahren durch eine Krebserkrankung erschüttert wird.
Die Geschichte, die Regiedebütantin A.V. Rockwell hier mit großer Empathie, nie reißerisch, aber doch emotional wuchtig erzählt, ist gleichermaßen Charakterstudie, Bild einer Stadt im Wandel und Reflexion über den Familienbegriff. Hauptdarstellerin Teyana Taylor, sonst eher als Sängerin bekannt, ist großartig in der facettenreichen Rolle der jungen Inez, die nach der Entlassung aus dem Gefängnis den kleinen Terry unbefugt aus dem Pflegesystem in ihr eigenes, wenig stabiles Leben holt. Zu Recht einer der großen Gewinner beim diesjährigen Sundance Film Festival.

Weitere Inhalte zu Patrick Heidmann

Tipp
In »Matlock« spielt Kathy Bates eine Anwältin, die mit Ü70 den erneuten Berufseinstieg wagt und nebenbei eine ganz eigene Agenda verfolgt.
Tipp
Wer auf der Bühne improvisieren kann, macht doch sicher auch als Agent keine schlechte Figur? In »Deep Cover« rekrutiert die Polizei eine Gruppe von Schauspielern, die dann tatsächlich sehr spontan handeln muss.
Thema
Die Karriere von Kerry Condon verlief bisher eher unaufgeregt: Serienrollen, ein eindrucksvoller Part  in »The Banshees of Inisherin«, die Stimme von Tony Starks KI »F.R.I.D.A.Y.« in den »Avengers«-Filmen. Jetzt steuert die Irin Brad Pitt durch die Autorennen im Blockbuster »F1«.
Tipp
Der britische Thriller »MobLand« stellt eine Londoner Mafiafamilie ins Zentrum, aber in Wahrheit duellieren sich hier die Schauspielstars Pierce Brosnan, Helen Mirren und Tom Hardy.
Tipp
In »Überkompensation« stolpert der überangepasste Collegestudent Benny durch die Turbulenzen des Campuslebens und natürlich immer wieder über die eigenen verdrängten Gefühle.
Meldung
Mit der Serie »Mad Men« gelang ihm 2007 der große Durchbruch. Sieben Staffeln lang spielte Hamm den Werbe- und Lebemann Don Draper, wofür er mit dem Emmy und dem Golden Globe ausgezeichnet wurde. Nach Nebenrollen in Filmen wie »The Town«, »Baby Driver« oder »Top Gun: Maverick« konzentriert sich der 54-Jährige zuletzt wieder mehr auf Serien und trat in »The Morning Show«, »Fargo« und »Landman« als Charakterdarsteller auf. In »Your Friends and Neighbors« spielt er einen Hedgefondsmanager, der beginnt, seine Nachbarn auszurauben.
Tipp
Scheitern auf hohem Niveau: In »Your Friends and Neighbors« spielt Jon Hamm zum ersten Mal seit »Mad Men« wieder eine Serienhauptrolle.
Tipp
Aus der Vorbildfunktion der legendären »Golden Girls« macht die neue Sitcom »Mid-Century Modern« kein Geheimnis. An sie heranzukommen, hat diese erste Staffel trotz starker Besetzung noch etwas Mühe.
Thema
Bodenhaftung und kluger Witz zeichnen Himesh Patel aus. Als Schauspieler mit südasiatischer Herkunft hatte er es allerdings nicht immer leicht in der Filmbranche.
Tipp
Seth Rogen hat mit »The Studio« zusammen mit Evan Goldberg für AppleTV+ eine Serie kreiert, die sich einmal mehr satirisch mit Hollywood auseinandersetzt. Er konnte dafür derart viele Stars zu Cameos überreden, dass die Serie zum selbstironischen Gagfeuerwerk wird.