Paramount+: »Predators«

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Keine Doku über Aliens, sondern über eine populäre US-Reality-TV-Sendung, die »Jagd« auf Pädophile machte

Als »Predator«, Raubtier, bezeichnet man im Englischen häufig einen Sexualstraftäter – und von 2004 bis 2007 gab es auf dem amerikanischen TV-Kanal NBC eine Sendung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, solche »Raubtiere« zu fangen: In »To Catch A Predator« wurden Männer, die Sex mit Minderjährigen suchten, gezielt von Lockvögeln in Chatrooms aufgespürt. Die vermeintlichen Teenager bauten ein Vertrauensverhältnis zu den Männern auf, stellten Sex in Aussicht und luden sie schließlich zu sich nach Hause ein. Tatsächlich handelte es sich um eigens angemietete Häuser, wo nach wenigen Augenblicken der Journalist Chris Hansen mit seinem Kamerateam auftauchte. Nachdem die geschockten Männer ihm Rede und Antwort gestanden hatten, kam die »Catchphrase« der Show: »You're free to go«, sagte Hansen im Tonfall eines Richters – was allerdings nicht wirklich stimmte, denn draußen wartete stets ein Polizeiaufgebot, um die eingeschüchterten Männer mit vorgehaltener Waffe und viel Geschrei festzunehmen.

»To Catch A Predator« war ein überragender Erfolg, von Publikum, Presse und Politik gleichermaßen gefeiert – aber warum eigentlich? Nicht zuletzt dieser Frage geht David Osit in seinem ebenso faszinierenden wie beklemmenden Dokumentarfilm »Predators« nach. Es geht ihm dabei nicht um eine vorschnelle Verurteilung der Sendung. Vielmehr versucht er, ihren Reiz nachvollziehbar zu machen, der in dem befriedigenden Gefühl liegt, »böse Menschen« entlarvt und überführt zu sehen. Zugleich zeigt er auf, wie wenig die Sendung zum Verstehen des Problems beitrug und wie sehr sie auf Nervenkitzel im Gewand eines vermeintlich investigativen Journalismus aus war. Mit dem gezielten In-die-Falle-locken, der öffentlichen Demütigung und Entmenschlichung der Verdächtigen und dem Vermischen von Journalismus und Strafverfolgung überschritt die Sendung regelmäßig ethische und moralische Grenzen – auch in den eigenen Reihen: In neuen Interviews mit den damals kaum volljährigen Lockvögeln wird deutlich, dass auch hier eine Form von »Missbrauch« stattfand, allerdings von den TV-Machern.

Osit selbst offenbart irgendwann, welch große Bedeutung die Sendung für ihn selbst hatte, dass sie ihm die erhofften Antworten aber nicht geben konnte. Diese berührende persönliche Motivation machte seinen Film zu einer Autorendokumentation par excellence. In seinem Film sucht er noch immer Antworten, realisiert aber, dass »To Catch A Predator« nicht einer höheren Gerechtigkeit diente, sondern lediglich niedere Instinkte des Publikums bediente. Dass es dabei um Pädophile ging, gab der Sache nur einen hehren Anstrich. Der krude Selbstjustizcharakter des Formats wird bei den Nachahmern auf YouTube deutlich, die Osit begleitet; auch Chris Hansen macht in einer YouTube-Show weiterhin »Jagd«, ohne Rücksicht auf Verluste, wie ein besonders unguter Fall zeigt. Am Ende des Films ist klar, dass der Titel »Predators« sich nicht unbedingt nur auf die gezeigten Sexualstraftäter bezieht.

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