HBO Max: »Proud«

»Proud« (Serie, 2026). © HBO

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Filip ist schwul, arbeitet als Model und lebt in den Tag hinein. Als er unerwartet Verantwortung für ein Kleinkind übernehmen muss, ändert sich sein Leben

Serien, die queere Menschen in den Fokus nehmen und dezidiert deren Lebenserfahrungen verhandeln, sind zuletzt rarer geworden. Eine rühmliche Ausnahme kommt allerdings ausgerechnet aus einem Land, in dem es zuletzt nicht allzu weit her war mit LGBTQ-Rechten. Und nicht nur das: Die polnische Produktion »Proud« dürfte sogar eine der besten Serien des ersten Halbjahrs 2026 überhaupt sein.

Im Zentrum der acht Episoden (von denen lediglich drei vorab für die Presse zu sehen waren) steht Filip (Ignacy Liss). Halb der Unbedarftheit der Jugend, halb einer verkorksten Kindheit und Jugend geschuldet lebt der schwule Mittzwanziger sein Leben in vollen Zügen, ganz so, als gäbe es weder Verantwortungen noch Konsequenzen. Zwangloser Sex und Partys, Drogen und zu viel Alkohol dominieren seine Tage und vor allem Nächte; die gelegentlichen Jobs als Model spielen da eine eher untergeordnete Rolle. Nicht nur seine Auftraggeber*innen stellt er damit zusehends auf die Geduldsprobe. Auch seine Schwester Anna (Sylwia Boron), alleinerziehende Mutter der einjährigen Tosia (Alicja Lewczuk), ist am Ende ihrer Nachsicht angekommen: Dass er mietfrei bei ihr wohnen kann, ohne auch nur den Müll runterzubringen, geschweige denn mit der Kleinen zu helfen, soll ein Ende haben.

Doch es kommt alles anders, als Anna unerwartet infolge eines angeborenen Herzfehlers stirbt. Nicht nur verliert Filip seinen Lebensanker, dessen Bedeutung er offenbar gar nicht richtig zu schätzen wusste. Sondern er hat plötzlich – weil der Kindsvater mit Tosia nichts zu tun haben möchte – auch ein Kleinkind in seiner Obhut. Die Überforderung ist enorm und die Einsicht, dass sein bisheriger Lebensstil mit einem Alltag als Vater praktisch nicht vereinbar ist, stellt sich nur sehr langsam ein. Und doch wächst in ihm bald die Gewissheit, dass er seine Nichte nicht in die Hände der staatlichen Fürsorge geben will. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, als lediger, noch dazu schwuler Mann in Polen ein Kind adoptieren zu dürfen, gen null geht.

Selbstfindung dank unverhofftem Nachwuchs? So kitschig und schlicht, wie ihre Prämisse auf den ersten Blick wirkt, ist diese von Karol Klementewicz inszenierte und gemeinsam mit Monika Pecikiewicz auch geschriebene Serie nie auch nur für einen Moment. Mit Anflügen von Humor und vor allem einer großen Portion Empathie und Verständnis gelingt »Proud« viel mehr das Kunststück, auf komplexe Weise die verschiedenen Facetten dieser Geschichte stimmig zu verschmelzen. Denn es geht hier eben nicht nur um einen jungen Mann, der sich endlich seinen eigenen Fehlern und Unsicherheiten stellt und so bei sich selbst ankommt. Sondern auch um gesellschaftliche Vorurteile und institutionelle Diskriminierung genauso wie um queere Wahl- und Ersatzfamilien oder Trauer.

Ob Filip sich nicht traut, seine Nichte richtig im Schritt zu waschen, weil er Angst hat, man könnte ihn der Pädophilie bezichtigen, oder er die Gefühle von Olek (Kamil Studnicki), dem Assistenten seines Agenten, ausnutzt, um sich seine Hilfe als Babysitter zu sichern – die Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit, mit der nicht nur der Protagonist in »Proud« gezeichnet wird, macht die beim Festival Series Mania in Lille doppelt ausgezeichnete Serie so berührend wie sehenswert.

Zum Ereignis wird »Proud«, weil obendrein Liss in der Hauptrolle exzellent und der Rest des Ensembles (allen voran Maria Sobocińska als Annas beste Freundin Kiki) überzeugend sind, während gleichzeitig Klementewicz und Kamerafrau Weronika Bilska auch in der visuellen Umsetzung das übliche Serien-Einerlei weit hinter sich lassen. Am Ende der dritten Folge, herzzerreißend unterlegt von »Hold Your Own«, bleibt nicht nur die Hoffnung, dass Filip seinen Weg vom betrunkenen Onkel zum wirklichen Vater, wie es an einer Stelle heißt, allen Widerständen zum Trotz gehen wird. Sondern auch, dass »Proud« in den übrigen Episoden nichts von seiner eindrucksvollen Qualität einbüßt.

OmU-Trailer

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