Kritik zu Couscous mit Fisch

© Arsenal Filmverleih

In Venedig wurde Abdellatif Kechiches Film im letzten Jahr um den Hauptpreis betrogen, dafür hat er daheim in Frankreich zahlreiche Césars gewonnen und rund eine Million Zuschauer in die Kinos gelockt

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Das Geschenk ruft wenig Begeisterung hervor. Seine geschiedene Frau will den frisch gefangenen Fisch nicht, den er ihr mitbringt. Ihr wäre es lieber, er würde die noch ausstehenden Unterhaltszahlungen leisten. Auch seine Kinder stimmt er nicht versöhnlicher durch das Mitbringsel. In seiner eigenen Familie fühlt er sich überzählig und fremd.

Der Fischfang hat ohnehin keine große Zukunft mehr im südfranzösischen Sète. Bei der Hafenrundfahrt mag es noch hinreichend pittoresk wirken; dem touristischen Blick genügt es allemal. Aber es gibt nur noch halb so viel Fischerboote wie früher. Bald wird es vielleicht nur noch einen Yachthafen für die Reichen geben, argwöhnen Slimanes Freunde.

Slimane (Habib Boufares) ist nach Jahrzehnten in der Werft entlassen worden, weil er zu langsam arbeitete. Der stolze, hagere Mann ist schon fast im Rentenalter, aber er will nicht zurückkehren in seine Heimat im Maghreb, sondern sich hier ein besseres Leben erstreiten. Es genügt ihm auch nicht, fortan im Hotel seiner Lebensgefährtin Karima (Faridah Benkhetache) auszuhelfen. Denn er hat einen Traum: Er will ein ausrangiertes Schiff zu einem Restaurant umbauen, dessen Spezialität Couscous mit Fisch ist. Der Plan ist allein schon deshalb heikel, weil er dabei auf die Kochkünste seiner Exfrau Souad (Bouraouïa Marzouk) angewiesen ist und riskiert, seine in dieser Hinsicht ganz unbegabte Freundin zu brüskieren. Seine Familie ist zunächst skeptisch, seine Freunde finden den Plan verrückt, die erforderlichen Behördengänge schüchtern Slimane ein. Mit Hilfe von Karimas resoluter Tochter Rym (Hafsia Herzi) nimmt er Anlauf für die ersten Hürden. Die Sachbearbeiter bei der Bank und der Stadtverwaltung weichen seiner Anfrage mit einer Höflichkeit aus, die nicht nur gönnerhaft ist: Ist dieser Mann wirklich eine vielversprechende Investition? Er scheint viel zu verschlossen, um ein warmherziger Gastgeber zu sein.

Es ist ein hübscher Kunstgriff von Abdellatif Kechiche, als Protagonist seines neuen Films keinen gewinnenden Optimisten auszuwählen. Der Regisseur stellt einen schweigsamen Mann – aus Müdigkeit, aus Schüchternheit – in das Zentrum eines Figurenensembles von beeindruckender Schwatzhaftigkeit. Das verleiht ihm ein Geheimnis in einem Film, in dem das Wort eine geradezu physische Wucht besitzt.

»Couscous mit Fisch« ist ein langgehegtes Projekt des 1960 in Tunis geborenen Regisseurs. Die Entwicklung des Drehbuchs reicht in die neunziger Jahre zurück; bereits in seiner ersten Regiearbeit »Voltaire ist schuld« erzählt eine Hauptfigur einmal die Geschichte. Obwohl sämtliche Produzenten und Fördergremien den Stoff ablehnten (bis der Erfolg von »L’esquive« seinen Status im französischen Kino schlagartig änderte), hielt er daran fest. Kechiche versteht seine Hauptfigur genau.

Slimanes Parcours, der schillert zwischen Realismus und Metapher, ist das Rückgrat des Films; sein Ereignis ist er nicht. Die Szenen, in denen die Entscheidungen fallen, spart Kechiche aus; die Wendepunkte liegen zwischen den Schnitten verborgen. »Couscous mit Fisch« ist ein Drama, in dem der Chor die tragende Rolle spielt. Sein Regisseur liebt die Abschweifungen, allein ein sonntägliches Couscousessen im Familien- und Freundeskreis dauert geschlagene zwanzig Minuten. Im Wechselrhythmus aus Ellipse und Dauer, aus Suspense und Parenthese wird das vermeintlich Nebensächliche zum Hauptläufigen.

Es liegt eine gewisse Willkür in dem ungebundenen Erzählen dieses Regisseurs, der sich gern sämtlicher Konventionen entledigt wüsste. Die erste Schnittfassung von »Couscous mit Fisch« dauerte fast drei Stunden. Die Dialogkaskaden scheinen auch in der endgültigen Fassung ungezügelt. Man muss sich nicht gleich undankbar vorkommen, wenn man ein wenig die Geduld verliert, als die nicht enden wollende Diskussion über Babywindeln vor dem Auftragen des Sonntags-couscous noch mal aufgegriffen wird. Auch der Schlusssequenz, der vielfach vereitelten Eröffnung des Restaurants mit dem allerdings hinreißenden Bauchtanz, mit dem Rym die Gäste hinhält, hätte eine dezente Straffung gewiss nichts von ihrer Wucht geraubt.

Aber diese Filmminuten sind nur überschüssig, vergeudete Zeit sind sie nicht. Das  Sonntagsessen ist ein babylonisches Festmahl, bei dem die schmutzige Wäsche der Familie gewaschen und munter darüber spekuliert wird, welche Koseworte die Anwesenden wohl beim Liebesspiel benutzen. Kechiches Inszenierung wird getragen von einer liebevollen Vertrautheit mit den Lebenswelten seiner Charaktere. Er muss die Kamera nicht viel bewegen, um den Eindruck ausgelassener Lebendigkeit zu erwecken. Die Sequenz ist fast nur in Nahaufnahmen gedreht, bei aller Konzentration des Blicks hat man das Gefühl, sie sei aus lauter großzügig kadrierten Tableaus montiert. Slimane würde verstehen, weshalb sein Regisseur so oft abschweift von seiner Geschichte. Denn gerade deshalb hält er unverdrossen an seinem Plan fest: eine Bühne zu schaffen für das Schauspiel einer genussvollen Gemeinschaft.

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