Kritik zu Wilde Unschuld

© Concorde Filmverleih

Anderthalb Jahrzehnte nach seinem Debüt »Swoon« inszeniert Tom Kalin in seiner zweiten Regiearbeit wiederum eine Studie transgressiver Erotik, die auf einem wahren Kriminalfall beruht

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Als erstes wird er seines Vornamens beraubt. Der Säugling ist auf den Namen Antony getauft, aber seine Mutter verfügt, dass er fortan nur noch Tony genannt wird. Schon in der Wiege wird er zum Spielball im elterlichen Kampf. Allein seine Erzählstimme aus dem Off scheint sich souverän der eigenen Biografie zu bemächtigen. Einsichtig zieht er Bilanz und benennt präzis die Wegmarken, an denen sich sein Leben entschieden hat.

Aber auch als Erwachsener wird sich Tony (Eddie Redmayne) nie eine echte Selbstbestimmung erstreiten können. Er sei der Dampf, der entsteht, wenn Heiß und Kalt aufeinander treffen, sagt er anfangs über seine Eltern. Schutzlos ist er ungeheuerlichen Übergriffen ausgesetzt. Das Plakatmotiv des Films besiegelt, wer von beiden den Kampf für sich entscheiden wird: Die Konturen der Gesichter von Mutter und Sohn verschwimmen zu einer unauflöslichen, unheimlichen Nähe.

Tom Kalins Regiedebüt »Swoon« verriet bereits vor 15 Jahren seine Faszination an true crime und transgressiver Sexualität. Der Klassiker des Queer Cinema war eine zwischen den Epochen schillernde Variation über den Mordfall Leopold/Loeb; gemeinsam mit Drehbuchautor Howard A. Rodman schürft Kalin nun zum zweiten Mal aus der Skandalchronik der amerikanischen Gesellschaft die Spurenelemente einer griechischen Tragödie.

»Wilde Unschuld« beruht auf dem Tatsachenbericht »Savage Grace« von Natalie Robbins und Steven M. L. Aronson über die Industriellen-Dynastie Baekeland. Leo Baekeland, ein belgischer Einwanderer, verdiente seine erste Million, als er der Firma Kodak ein Patent für Fotopapier verkaufte, und gelangte zu Beginn des 20. Jahrhunderts dank des ersten industriell hergestellten Kunststoffs Bakelit zu unermesslichem Reichtum.

Als die aus einfachen Verhältnissen stammende Barbara Daly (Julianne Moore) Leos Enkel Brooks (Stephen Dillane) heiratet, hat die Familie ihre heroische Epoche bereits hinter sich. Während der Großvater ein Vermögen errungen hatte, fehlte Sohn und Enkel der Impuls, über ihre Verhältnisse hinauszuwachsen; sie litten vielmehr darunter, ihnen nicht genügen zu können.

Es ist eine sehr amerikanische Sehnsucht nach Aristokratie, die Barbara antreibt. Zuvor hatte sie sich als Starlet in Hollywood versucht. Durch die Heirat mit Brooks glaubt sie, ihre Ambitionen erfüllen zu können. Aber ihr Drang, sich mit den Reichen, Berühmten und Talentierten zu umgeben, führt in diesem Stadium des Abglanzes zu heillosen Konflikten. Sie selbst sabotiert ihre gesellschaftlichen Strategien, indem sie ihren Mann und ihre Gäste regelmäßig durch erotische Eskapaden brüskiert.

Kalin und Rodman konzentrieren diese Familiengeschichte in fünf Schlüsselmomenten und entrollen ein intimes Panorama der amerikanischen High Society zwischen 1946 und 1972. Das mondäne Ambiente hat Kalin kunstvoll drapiert, die Kamera vermisst die Dekors mit einer Eleganz, die listig über das knappe Budget triumphiert. Es ist ein hellsichtiges, gestrenges Schwelgen; Spiegel werden im Reigen der narzisstischen Kränkungen zu einem zentralen Motiv.

Als Brooks nach einem Selbstmordversuch seiner Frau an einen Freund scheibt: »Das ist das Problem mit Melodramen – nach dem ersten Akt hören die Höhepunkte auf«, klingt das wie ein Nachhall des berühmten Diktums von F. Scott Fitzgerald, im amerikanischen Leben gebe es keinen zweiten Akt. Die eigene Familiengeschichte soll Brooks jedoch eines Besseren belehren. Die Baekelands werden zu Expatriierten und entdecken in Europa eine Freizügigkeit, die in den puritanischen USA nicht denkbar ist. Ein Anflug von Genugtuung umspielt die Züge Barbaras, als sich die Anzeichen verdichten, dass ihr Sohn homosexuell ist. Sie spürt, dass Brooks, der sich der eigenen Männlichkeit keineswegs gewiss ist, die Familientradition väterlicher Verachtung fortsetzen wird. Nun gehört Tony ganz ihr.

Kalin verfolgt eine merkwürdige Doppelstrategie der Kühnheit und Rücksichtnahme. Sein Film erzählt von sexuellen Abweichungen mit einer bemerkenswerten Unaufgeregtheit. Der Tabubruch folgt einer bezwingenden atmosphärischen Logik. Die Aufhebung der Grenzen vollzieht sich in einem Klima der Verlockung und erscheint nurmehr als ein sanftes Hinübergleiten. Man glaubt, sie in Gesten und Blicken dingfest machen zu können; die exquisiten Darsteller laden Rodmans Dialoge mit einem prunkenden Reichtum der Untertöne und Subtexte auf. Und dennoch bleibt die Grenzüberschreitung in diesem Meisterstück des suggestiven Erzählens ungreifbar und rätselhaft. Wenn Julianne Moore, deren Erotik immer etwas Trauriges anhaftet, Eddie Redmayne verführt, verleiht sie dem Akt eine nüchterne, pragmatische Fürsorglichkeit. Fast erscheint er als einvernehmlicher Sex zwischen Erwachsenen. Aber Kalin lässt nie vergessen, was für ein grausamer Verrat darin liegt.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns