Kritik zu Die Unbekannte

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Nach Malèna nun Irina: der italienische Regisseur Giuseppe Tornatore erzählt die Leidensgeschichte einer Osteuropäerin

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Was führt die geheimnisvolle Ukrainerin Irena (Xenia Rappoport) in diese norditalienische Stadt? Weshalb sucht sie um jeden Preis die Nähe zur Familie der Goldschmiedin im Haus gegenüber und ist dafür sogar bereit, die Hälfte ihres Lohns als Haushälterin an den korrupten Hausmeister abzugeben? Welche Art von Erlösung oder Vergeltung hofft sie, auf diese Weise zu erlangen?

Und was hat es mit den Bildern auf sich, die sich unauslöschlich in ihre Seele eingebrannt haben, den Erinnerungsfetzen an die Qualen, die sie einst als Prostituierte zu erdulden hatte? Giuseppe Tornatore ist ein sorgsamer Treuhänder der Erwartungen seiner Zuschauer. Er vertraut sie der Gewissheit an, dass jedem der Geheimnisse eine Erklärung eingeschrieben ist. Mit »Cinema Paradiso« hat er sich einst als ein zur Sentimentalität neigender Erbe des Neorealismus vorgestellt. Ein wenig holprig ist seine Karriere seither verlaufen. Nun hat er sich an das Genre des »Giallo« herangewagt, die italienische Spielart des mit fantastischen und Horrorelementen durchsetzten Kriminalfilms. Kundig assembliert er dessen vertraute Motive: die Ankunft an einem fremden Ort, die Obsession des Sehens, der befleckten Zeugenschaft. Die zweifache Faszination, welche die Erotik gemeinhin in diesem Genre gewinnt – als Pathologie des weiblichen Opfers und als Ausbeutung der Sexualität – lotet Tornatore im Verweis auf zwei Meisterwerke aus. Das »Casting« der Prostituierten zu Beginn des Films zitiert die Modenschau in Mario Bavas »Blutige Seide«, das Trauma der sexuellen Gewalt erinnert an Dario Argentos »Tenebrae«.

Die Handlung treibt Tornatore mit kolportagehaftem Elan voran, unbekümmert geht seine Regie über manche Ungereimtheit des Drehbuchs hinweg. Das gern als misogyn gescholtene Genre versucht er zu nobilitieren, indem er es in die Erzählung weiblicher Selbstermächtigung wendet; das Opfer darf die phallische Waffe gegen ihren Peiniger richten. So stellt Tornatore eine komplexe Bindung des Zuschauers zu seiner Heldin her. Mit Identifikation, gar Komplizenschaft ist sie nur unzureichend beschrieben, in ihre Motive und Ziele weiht der Regisseur ihn ja nur zögerlich ein. Gleichwohl eröffnet er ihm die Möglichkeit der Empathie: Der Zuschauer weiß um ihre Verletzung. Die Rücksichtslosigkeit, ja Brutalität, mit der Irena ihren geheimnisvollen Plan verfolgt, weckt keinen unüberwindbaren Abscheu. Was den Zuschauer an sie fesselt, ist eine gleichsam moralische Neugierde: Wie weit ist sie bereit zu gehen, um ihr gestohlenes Leben ein Stück weit zurückzuerobern?

In der Montage von Gegenwart und Erinnerungsfetzen legt Tornatore freilich einen unbegriffenen Zwiespalt an. Es ist ein zunächst verblüffender farbdramaturgischer Kunstgriff, die erste Ebene in winterlich gedeckte und ihre traumatisierende Vergangenheit in lichte, warme Töne zu tauchen. Aber er zeigt, welch weiten Weg der Regisseur von der unschuldigen Schaulust in »Cinema Paradiso« zum entfesselten Voyeurismus von »Der Zauber der Malèna« und »Die Unbekannte« zurückgelegt hat: Es scheint ihm unvorstellbar, schöne Frauenkörper nicht in das vorteilhafteste Licht zu rücken.

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