Kritik zu Love Exposure

OmU © Rapid Eye Movies

2008
Original-Titel: 
Ai No Mukidashi
Filmstart in Deutschland: 
13.08.2009
L: 
236 Min
FSK: 
16

»To expose oneself« heißt, sich zu entblößen, einer Gefahr auszusetzen, verletzlich zu fühlen. »Exposure« kann aber auch Entlarvung meinen oder die Belichtungszeit eines Fotos. All dies fließt auf vibrierende Weise in den Film von Sion Sono ein

Bewertung: 4
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Schier ungeheuerlich changierende Seinszustände von Liebe und Kinolust werden in »Love Exposure« gezeigt und in einer filmischen Enthüllung der Extraklasse als untrennbare Melange von Begehren, Mitleid, Empathie und Askese beleuchtet. Vier Stunden lang setzt dieser maßlos sinnliche, maßlos reflektierte Film immer wieder aufs Neue an, um Genres durchzuspielen, die von der Romanze bis zur Komödie, vom Melodram bis zum Experimentalfilm, vom Actionfilm bis zur Martial-Arts-Travestie reichen.

Frech, monströs, vulgär und komisch, spielt sich ein in traditionellen Kung-Fu-Künsten und postmoderner Überdrehung ebenso begabtes Schauspielteam durch unwahrscheinlich wahrscheinliche Verfallsszenarien. Im Mittelpunkt steht der wohlerzogene Yu, dessen Mutter früh stirbt und ihm ans Herz legt, dereinst ein Mädchen zu heiraten, das keusch ist wie Maria. Yus Vater macht seinen christlichen Glauben zur Profession und wird Priester. Nachdem ihn Kaori, eine exzessive Kirchgängerin und Liebhaberin verbotener Männer, verleitet und verlassen hat, entwickelt sich der sanfte Mann zum Großinquisitor. Fortan muss Yu ihm täglich beichten. Seine Sünden sind so lässlich, dass er dazu übergeht, seinem Vater zur Freude ein Bösewicht zu werden.

Das Verhältnis zu einem Meister, der hier nicht martial arts, sondern die Kunst der Upskirt-Fotografie lehrt, wird ebenso köstlich karikiert wie der japanische Schulmädchenfetischismus. Yus Verwegenheit beim Erschleichen der Höschenfotografie macht ihn zum König aller Freaks. Bedauerlicherweise weiß seine als Kampflesbe auftauchende Maria, die obendrein Kaoris Stieftochter ist, nicht, dass Yus vermeintliche Perversion einem bizarren Verständnis von Katholizismus entstammt. Es folgen Abstecher in allerlei Kindheitstraumata. Missbrauch, Inzest und Sadismus reimen sich hier auf die Anfälligkeit für Sekten. Seine Maria, Yoko genannt, wird einer Gehirnwäsche unterzogen.

Wer nie gezwungen war, sich quietschbunte Zeichentrickfilme anzuschauen, in denen die japanische Version von Heidi großäugig Kinderschänderland entdeckt, bevor sie sich von einem Hund zum Orgasmus verhelfen lässt, dem kann »Love Exposure« einen angemessen grotesken Eindruck in die Bandbreite gängiger japanischer Bild- und Glaubensobsessionen vermitteln. Die Patchworkreligiosität der Japaner wird ebenso aufgedeckt wie die Verführung, die als Adept modischer Esoterikkaufräusche darin liegen kann, einem Jesus-Christus-Fan-Club beizutreten. Im Übrigen ein Motiv, das im Moment von vielen asiatischen Filmen aufgenommen wird. Dennoch betont Sion Sono, dass »Love Exposure« nicht von sexueller oder religiöser Aberration handele, sondern von Fehleinschätzungen, denen man selbst oder anderen gegenüber erliegt. Die Liebe ist hier ein einziges Missverständnis und führt doch zu einem Happy End: Man muss sich nur eingestehen, wie wenig man vom freigesetzten, tief gespaltenen Menschen der Moderne weiß.

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