Kritik zu Gott, du kannst ein Arsch sein!

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Krebs, gestreut, inoperabel, unheilbar, unfassbar. Statt deprimierender Chemo setzt die 16-jährige Steffi in André Erkaus Verfilmung einer realen Geschichte erst mal auf neue Lebenserfahrungen

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Man hat es schon hundertmal gesehen und hofft, es niemals selbst erleben zu müssen: Diesen Moment in einem nüchternen Praxisraum, in dem ein Arzt, eine Ärztin mit ernstem Gesicht eine furchtbare Diagnose ausspricht. In Andreas Dresens »Halt auf freier Strecke« begann danach ein schonungslos wahrhaftiges Krebsdrama. Bei »Gott, du kannst ein Arsch sein!« deutet schon der ruppig flachsende Titel an, dass es hier auf etwas anderes rausläuft. Die schlimmstmögliche Nachricht trifft da ein 16-jähriges Mädchen (Sinje Irslinger) und ihre Eltern. Nach dem Schulabschluss ist Steffi voller Pläne. Nach dem Gesundheitstest für den Polizeidienst kommt jedoch eine Nachricht vom Arzt, »Onkologie, was ist das?«, fragt Steffi ihre Mutter. Krebs, gestreut, inoperabel, unheilbar, unfassbar. Die Eltern wollen mit Chemo wenigstens noch ein bisschen Zeit gewinnen, die Tochter will instinktiv etwas anderes. 

Warum sollte sie die bevorstehende Schulabschlussfahrt nach Paris canceln? Sie hat natürlich recht. Nachdem die Eltern ihr Pass und Geld abnehmen, reißt sie mit einer Zufallsbegegnung, dem Zirkusartisten Steve (Max Hubacher), aus. Statt deprimierender Therapien im Krankenhaus gibt es erst mal das satte Leben auf einem Roadtrip nach Paris, im extrakinocoolen Ford Vintage Pick-up Truck. Und plötzlich macht Steffi vieles, von dem sie gar nicht wusste, dass es auf ihrer bucket list stehen könnte, ein Tattoo stechen lassen, Tequila trinken, eine Zigarette rauchen, eine Tankstelle ausrauben, auf einer alten Bunkerruine am Meer wie im Bug der Titanic dem Wind und dem Schicksal trotzen, auf einer Sommerrodelbahn snowboarden, auf Kühen reiten, in einer sehr teuren Hotelsuite baden . . .

Die Geschichte basiert auf realen Ereignissen, und auf dem Buch, das der Vater Frank Pape über die letzten 296 Tage seiner Tochter Steffi geschrieben hat, das sich auf die therapeutisch innige Freundschaft mit einem Pferd konzentrierte. Der Radiomoderator und Komiker Tommy Wosch hat die tröstliche und lebensbejahende Essenz zusammen mit Katja Kittendorf zu einer kinoträchtigen Geschichte umgedeutet, mit viel Gefühl und Lebenslust, mit Abenteuer und einigem Humor. André Erkau, der schon in »Das Leben ist nichts für Feiglinge« und »Happy Burnout« ernste Lebensfragen auf unterhaltsam lockere und komische Weise umkreist hat, geht an den Stoff auf eine Weise heran, wie es in Amerika vielleicht Adam Sandler tun würde. Ganz so lässig kriegt er das nicht hin wie die amerikanischen Kollegen, schafft aber doch eine Menge sinnlicher Momente von Freiheit und Abenteuer, die im deutschen Kino noch immer kostbar sind. Dazu gehört auch die Besetzung, mit frischen jungen Talenten und ein paar erdigen Haudegen der älteren Garde, wie Jürgen Vogel und Benno Fürmann. Den Pfarrer nimmt man Til Schweiger zwar nicht unbedingt ab, aber dafür schafft es der Schweizer Max Hubacher, der schon in »Der Hauptmann« aufgefallen ist, in manchen Momenten, wie eine deutsche Version von Ryan Gosling zu wirken, gewürzt mit ein paar Nuancen James Dean.

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Vor 10 Jahren kam noch mit so einer Ausdrucksweise vor den Kadi, der Respekt schwindet.

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