Animation: Visuelle Fusionsküche
»KPop Demon Hunters« (2025). © Netflix
K-Pop-Stars im Anime-Look auf Dämonenjagd? Ja! Die Oscarnominierung für den Überraschungshit 2025 bestätigt: Pop-Idiome aus Fernost verkaufen sich nicht nur gut, sie erweitern den Horizont
»HUNTR/X show this, how it's done, done, done« – die Jägerinnen führen vor, wie's gemacht wird. An dem Song aus »KPop Demon Hunters« ist was dran. Der Animationsfilm aus dem Hause Sony war einer der Überraschungshits des letzten Jahres. Es begann vergleichsweise unauffällig im Sommer mit einem Netflix-Start und einer limitierten Kinotour, um die sich eine Fangemeinde aufbaute. Ein paar Monate später waren die Huntr/x mit über 500 Millionen Zuschauer:innen der stärkste Originaltitel in der Geschichte von Netflix, dann holten sie Preise bei den Critics' Choice Awards und den Globes. Schließlich die Oscarnominierungen: als bester animierter Film und mit dem Ohrwurm »Golden« für den besten Song. Der aktuelle zweite Teil der »Wicked«-Kinoadaption, die Darling der Oscarsaison 2024 war und als Musikfilm durchaus vergleichbar ist – ermächtigende Frauenfreundschaft in magischem Setting, Sing-along-Appeal, Ausgehfilm mit der Lizenz zum Aufbrezeln –, ist dagegen auf null Nominierungen gesunken. Und die Huntr/x konkurrieren in ihrer Sparte mit Disneys »Zootopia 2«, dem einspielstärksten Animationsfilm der Hollywoodgeschichte.
Okay, und wie haben sie's genau gemacht? Was ist so toll an der Sache? Vielleicht das: Der koreanisch-kanadischen Regisseurin Maggie Kang und ihrem amerikanischen Kollegen Chris Appelhans ist eine perfekte »transnationale« Fusion gelungen, ein Film, der einerseits die Fangruppen beglückt, die in den letzten Jahrzehnten den Kulturexport von Ost nach West, vom asiatischen zum westlichen Markt befeuert haben, der aber andererseits noch amerikanisch genug aussieht, um im heimischen Mainstream zu funktionieren. Und das Beste ist: Man spürt, anders als in den mit ethnisch austariertem Cast auf globale Vermarktung gewirkten Studio-Prestigeproduktionen, keinerlei Anstrengung. Es sei »etwas Widerständiges an einem Animationsfilm, der sich nicht um seine Aussichten beim Publikum schert«, schreibt Carlos Aguilera in der »Los Angeles Times«.
Die Geschichte um die drei K-Pop-Stars, denen matrilinear die mythische Fähigkeit zugefallen ist, mit ihren Stimmen eine dämonische Unterwelt in Schach zu halten, ist charmant, aber nicht revolutionär. Der Kampf der Protagonistinnen spielt sich auf zwei Ebenen ab: Im hier recht weichgezeichneten Idol-Business konkurrieren sie mit einer hinreißend klischeeisierten Boyband, die aus maskierten Dämonen besteht, im Hintergrund liefern sie sich Martial-Arts-Gefechte mit den ghoulischen Schergen eines dunklen Herrschers; es geht um Authentizität und Selbstwert, immer ein großes Thema im K-Pop, um die Angst, nicht dazuzugehören, um Körperscham.
Das Interessanteste an dieser urban-fantasy-action-musical-comedy ist aber die Technik. Der Film braucht keinen diversen »Cast« – Diversität ist in seine visuelle Struktur, seinen Look, seine Ikonografie eingebaut. Anders als in Sonys ebenfalls innovativen »Spiderverse«-Filmen, die 2D- und 3D-Animation mixen, erzeugt hier die fette, plastische, an US-Mainstreamproduktionen »gelernte« 3D-Animation selbst schwindelerregende 2D-Effekte, die Manga- und Anime-Idiome zitieren – in super distortion entgleisende Gesichter zum Beispiel, besonders erfrischend und befreiend als Gegengift zum üblicherweise beängstigend perfekten koreanischen Idol-Look. Dazu kommt, dass das Ganze sehr bewusst in zwei unterschiedlichen Framerates animiert ist: Die Dämonen bewegen sich geschmeidiger als die menschlichen Figuren, bei denen sich gelegentlich ein animetypischer Ruckeleffekt einstellt. Der koreanischen Folklore entlehnt ist die Bevölkerung der dämonischen Unterwelt, gestaltwandelnde Gnome und Sensenmänner mit den schwarzen Hüten der Joseon-Ära. Der K-Pop-Sound schließlich ist ohnehin ein Amalgam aus EDM, Hip-Hop, R&B, koreanischen Lyrics, aus Rhythmus, Schmelz und Pathos. Dass dieser Mix aus kulturellen Codes selbst authentisch wirkt, verdankt sich der Tatsache, dass die Macher den hyperkommerziellen Stoff, mit dem sie umgehen, handwerklich ernst nehmen, von der Lichtsetzung bis zum Voice Acting. Das hat schon bei »Barbie« funktioniert, und es macht die Huntr/x zu zeitgemäßen Role Models: Nehmt das, Disney-Prinzessinnen!
Transnationale Bewegungen von Filmen, Verfahren, Regisseuren und Stars gab es schon immer, das Hongkong- oder Bollywoodkino etwa. Aber seit die Geschwister Wachowski in den Nullerjahren mit »Sense 8« die perfekte global kompatible Serie erträumten – einen mild futuristischen, sexy Mix aus verschiedenen Kino- und Fernsehsprachen, von der Telenovela übers K-Drama bis zur Spy-Story –, hat sich das Tempo des Austauschs und der Verschmelzung beschleunigt. Ostasien hat sich zu einem stabilen Filmwirtschaftsraum entwickelt, in dem munter Konzepte, Formate, Personal ausgetauscht werden. China, dessen Großproduktionen sich bereits auf dem heimischen Markt amortisieren können, ist in der Pandemie als very big player auf den Plan getreten, mit Kriegsepen und Science-Fiction-Filmen. Südkorea hat die amerikanische Unterhaltungsindustrie auf ihren home turfs, bei den American Music Awards (die Boyband BTS) und den Oscars (»Parasite«), geschlagen; mit den Oscars für »Everything Everywhere All at Once« und »Minari« ist die koreanische Diaspora sichtbar geworden. Und Netflix bringt unbeirrt die Animes und K-Dramen ans große Publikum, die früher von Spezialanbietern vertrieben wurden.
In der Animationssparte herrscht derzeit der schönste Wildwuchs. Der lettische Film »Flow« hat im letzten Jahr bei den Oscars »Inside Out 2« und »Der wilde Roboter« ausgestochen. China macht weltweit mit den »Ne-Zha«-Filmen Kasse. Und bei den Golden Globes war mit »Demon Slayer: Kimetsu no Yaiba – Infinity Castle« ein Überraschungsgast aus Japan aufgetaucht: kein Autorenfilm, sondern ein Battle-Anime, ein Shonen, Teil eines florierenden Serienfranchise, das sich bereits in der Pandemie mit einer Kinoauskopplung in die internationalen Charts geschoben hatte; »Infinity Castle« gilt als kassenstärkster japanischer Animefilm.
Das Verrückte daran ist: Die »Demon Slayer«-Filme sind keine anschlussfähigen Stand-alones wie die Hits von Hayao Miyazaki oder Makoto Shinkai (»Your Name«); sie fügen sich vielmehr nahtlos in den Lauf der Serie, und für Nichtinitiierte dürfte die Folge von Duellen und charaktergetriebenen Rückblenden ziemlich undurchschaubar sein. Ähnliches gilt für die Kino-Spin-offs der Hitserien »Jujutsu Kaisen« und »Chainsaw Man«. Wie bei »KPop Demon Hunters« steckt auch hinter diesem Phänomen ein gigantischer Technikschub, eine Explosion der Bilder. In Japan liefern sich seit einigen Jahren Animationsstudios wie Mappa (»Jujutsu Kaisen«, »Chainsaw Man«) und Ufotable (»Demon Slayer«) eine regelrechte digitale Innovationsschlacht. Und tatsächlich sind diese Filme, wenn man sie auf der Leinwand sieht, möglicherweise in einem IMAX-Kino, visuell eine Erfahrung: Räume, die sich ins Unendliche dehnen und in sich zusammenstürzen, komplexeste »Kamerafahrten«, atmosphärisches Licht. Das ist nicht mehr Anime, wie wir es kannten, aber es hat sich eine malerische, abstrakte Qualität bewahrt: Nicht umsonst fusionieren Fans die Wasser-Kampftechnik des Demon Slayers Tanjiro mit Hokusais klassischem Gemälde »Große Welle vor Kanagawa« … Reisen bildet, stimmt schon. Und das Kino der Zukunft ist multipolar.



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