Interview: Kristen Stewart über »The Chronology of Water«

»Die flüchtigen Blicke sind entscheidend«
Kristen Stewart am Set von »The Chronology of Water« (2025). © eksystent Filmverleih

Kristen Stewart am Set von »The Chronology of Water« (2025). © eksystent Filmverleih

Kristen Stewart ist 1990 in Los Angeles geboren. Eine erste größere Rolle spielte sie 2002 in »Panic Room« an der Seite von Jodie Foster. Ihren internationalen Durchbruch hatte sie mit der Rolle der Bella Swan in den »Twilight«-Filmen (2008–2012). Sie spielte in »Die Wolken von Sils Maria« (2014) und »Personal Shopper« (2016) von Olivier Assayas mit. Für ihre Darstellung der Lady Di in »Spencer« war sie 2022 für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert. Zuletzt war sie unter anderem in »Love Lies Bleeding« zu sehen

Ms. Stewart, was war es, das Sie in Lidia Yuknavitchs Roman »The Chronology of Water« ansprach?

Kristen Stewart: Lidia erzählt davon, wie schwer es als Frau ist, die eigene Stimme zu finden, wenn eigentlich qua Geschlecht wenig Interesse daran besteht, dir zuzuhören. Dieses Gefühl, meine Meinung in voller Lautstärke von den Dächern zu schreien, ohne dass sie irgendwo ankommt, kannte ich nur zu gut. Ich weiß, wie man infolgedessen immer weiter sich selbst und den eigenen Instinkten misstraut. Lidias Motto lautet: »make art in the face of fuck«. Ihr Buch wurde für mich, wie wahrscheinlich für alle, die es lesen, zu einer Art Rettungsweste. Weil es einem sagt: Du existierst! Du selbst bist die Autorin deiner eigenen Geschichte. Ganz gleich, wie dunkel und zerstört alles um dich herum sein mag, kannst und musst du weiterhin nach deiner ganz persönlichen Wahrheit suchen.

Spricht aus Ihnen ein Frust, der sich als Schauspielerin im Rampenlicht Hollywoods angestaut hat?

Ich würde nie pauschal meine Erfahrungen als Schauspielerin schlechtreden. Ich habe in all den Jahren viele wunderbare Begegnungen mit Menschen gehabt, sei es am Set oder in der Pressearbeit, die ich nie missen wollen würde. Aber insgesamt habe ich – aus den unterschiedlichsten Richtungen – permanent das Gefühl vermittelt bekommen, nicht ernst genommen zu werden. Weil man als Schauspielerin keine eigenständige künstlerische Leistung erbringen würde und sich entsprechend glücklich zu schätzen habe, überhaupt Teil dieses Betriebs sein zu dürfen. Immer steht die Unterstellung im Raum, es ginge einem in diesem Beruf in erster Linie darum, von möglichst vielen Menschen angeschaut zu werden. All das führt dazu, dass selbst die größten Schauspielerinnen immer wieder wie Scheiße behandelt werden.

Das klingt nicht unbedingt danach, als seien Sie sehr daran interessiert, vor die Kamera zurückzukehren.

Doch, auf jeden Fall. Ich liebe die Schauspielerei und ich werde alles dafür tun, auch in Zukunft großartige Erfahrungen als Schauspielerin zu haben. Aber ich bin froh, dass ich als Regisseurin nun auch noch eine ganz andere Perspektive bekommen habe. Der Moment, als »The Chronology of Water« endlich fertig war und ich den Film mit der Premiere in Cannes in die Welt entlassen konnte, war das erste Mal, dass ich wirklich das Gefühl hatte, einen Raum zu betreten, in dem mich jeder so behandelt, als hätte ich ein verdammtes Gehirn!

Sie haben im Laufe Ihrer Karriere mit David Fincher und Kelly Reichardt ebenso gearbeitet wie mit Olivier Assayas, Ang Lee und David Cronenberg. Haben Sie sich von dem einen oder der anderen besonders viel abgeguckt?

Ich habe sie alle beobachtet und so viel wie möglich absorbiert, wie sie arbeiten. Mein Werkzeuggürtel ist entsprechend gefüllt. Ich kann nicht sagen, dass ich Angst davor gehabt hätte, meinen ersten eigenen Spielfilm zu inszenieren. Ich habe mein ganzes Leben an Filmsets verbracht und weiß, worauf es dort ankommt.

Nämlich?

Das ist schwer in Worte zu fassen. Die entscheidendsten Interaktionen zwischen Regie und Schauspieler*innen sind zum Beispiel nicht die Gespräche vor und nach einer Szene, sondern die flüchtigen Blicke und Emotionen, die man währenddessen austauscht. Kommunikation im Team ist das A und O, auch jenseits der Worte. Man teilt den Raum, die Gefühle und wird dadurch zu einer Einheit. Im Grunde erlebt man an einem Filmset, wie etwas zum Leben erwacht, und das Kunststück ist, diesen Prozess voranzutreiben, ohne ihm in die Quere zu kommen. Als Regieperson muss man sich bewusst machen, dass man nicht alles allein machen kann und doch die treibende Kraft ist. Wenn man zu zögerlich ist, sich nicht traut oder verunsichert ist, entwickelt sich keine Sogkraft, die die anderen mitreißt.

Haben Sie je erwogen, die Hauptrolle in »The Chronology of Water« selbst zu spielen?

Hätte ich das getan, hätte ich den Hauptgrund, warum ich überhaupt Regie führen wollte, zunichtegemacht. Mein Wunsch, selbst einen Film zu inszenieren, erwuchs aus der Sehnsucht nach Reflexion und nach neuen Erfahrungen. Ich wollte nicht in einen Spiegel starren, sondern in die Augen von jemand anderem. Ich hoffte, dass aus dem, was ich vor mir sehe, und dem, was ich in meinem Herzen trage, aus der Verbindung zwischen mir und einer anderen Person, also aus unserer Kongruenz, etwas Größeres wird.

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