Kritik zu Der Geschmack von Rost und Knochen

© Wild Bunch

Jacques Audiard ist ein Meister der amoralischen Erzählung. Er konfrontiert den Zuschauer mit Helden, die die juristischen und sozialen Codes brechen. Aber auch sein neues Melodram ist eine Reise ins Licht

Bewertung: 5
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Weshalb Menschen sich tätowieren lassen, wird mir wahrscheinlich zeitlebens ein Rätsel bleiben. Ist die Bereitschaft, dem eigenen Körper solche Gewalt anzutun, nicht verstörend? Vielleicht verlangt das Rätsel aber gar nicht nach einer Lösung, sind Tätowierungen womöglich keine Botschaft an die Welt, sondern an den Träger selbst.

So ist es zunächst nicht einsichtig, weshalb Stéphanie (Marion Cotillard) ihre Oberschenkel tätowieren lässt, den einen mit dem Wort »Links«, den anderen mit »Rechts«. Sie geben eine Orientierung, deren Verstand und Motorik nicht bedürfen. Dennoch ist es eine Entscheidung, die dieser Film uns verstehen und gutheißen lehrt: als Ausdruck eines neuen Selbstgefühls. Denn Stéphanies Beine sind furchtbar versehrt. Nach dem Biss eines der Orcawale, die sie für Shows im Marineland in Antibes dressiert, wurden ihre Unterschenkel amputiert. Wenn sie die Stümpfe nun verzieren lässt, demonstriert sie: Über sie verfüge ich noch!

Ali (Matthias Schoenaerts), der gelegentlich mit ihr Sex hat, fallen die Schriftzeichen offenbar nicht auf. Er nimmt ohnehin nur von wenigen Dingen Notiz. Wie schön Stéphanies Beine vor dem Unfall waren, fiel ihm damals allerdings sofort auf. Dass sie nun versehrt sind, nimmt er hin. Einfach so. Als sie ihn nach ihrem Unfall anrief, war er für einen Moment ratlos. Aber instinktiv kam ihm die Idee, sie aus ihrem dunklen Apartment auf die Straße, ins grelle Tageslicht mitzunehmen. Es kam ihm nicht in den Sinn, sich umzuschauen, ob sie in ihrem Rollstuhl auch mit seinen Schritten mithalten könne. Und dass es sie genierte, sich vor aller Welt zu entkleiden und im Meer baden zu gehen, wird ihn verblüfft haben. Sein Mangel an Empathie war vielleicht das beste Angebot, das ihr das Leben machen konnte. Sie ließ sich tatsächlich von ihm ins Wasser tragen. Es bereitete ihr Vergnügen, sich wieder in dem Element bewegen zu können, das ihr vor einigen Monaten so großes Unheil brachte. Früher hat sie es genossen, die Blicke der Männer auf sich zu ziehen und ihr Begehren zu wecken. Als die Badegäste sie nun entsetzt anstarrten, stört es sie nicht. Wäre Jacques Audiards neuer Film ein reinrassiges Märchen (was er in Ansätzen tatsächlich ist), läge es nahe, ihn »Die Schöne und das Biest« zu nennen. Der ungeschlachte Ali gebärdet sich wie ein Tier, das seinen Instinkten folgt. Was in ihm vorgeht, drückt sich in Akten namenloser Gewalt aus. Als Stéphanie ihn kennenlernt, ist er Türsteher in einer Diskothek, danach heuert er in einer Wachschutzfirma an. Erst als Free-Fight-Boxer ist er endgültig in seinem Element. Er ist die heilsame Wiederkehr der animalischen Kraft, die Stéphanies Leben verheert hat. Er trägt sie auf seinen Schultern, wie er es auch mit seinem Sohn Sam (Armand Verdure) tut, dem er ein ruppig liebevoller, oft verantwortungsloser Vater ist. Sein massiger Körper besitzt ungeheure erotische Anziehungskraft.

Der Geschmack von Rost und Knochen ist fasziniert vom Anblick menschlicher Gliedmaßen. Stéphane Fontaines Kamera kann sich nicht sattsehen an Füßen und Beinen, an Alis breiten Schultern und seinem anschwellenden Bizeps. Das ist keine Taktlosigkeit angesichts Stéphanies Versehrtheit. Darin manifestiert sich nicht einmal bittere Ironie. Die Gesten, die die Körper vollführen, kommen denen der Seelen zuvor. Für Ali ist der Sex mit Stéphanie zunächst eine fühllose, unkomplizierte Angelegenheit. Sie besteht darauf, dass darin auch Platz ist für Manieren und Feingefühl. Bei Jacques Audiard, der es dem Publikum in seinen bislang sechs Regiearbeiten immer wieder zugemutet hat, Empathie mit amoralischen Helden zu entwickeln, hat auch die Liebe ein Gewissen. Sein neuer Film handelt von einem umfassenden, mithin auch sozialen Lernprozess. Obwohl das Ambiente stets zu verschwinden droht – selten sah die CÔte d’Azur so schmucklos aus –, erzählt Audiard davon, wie es sich heute mit Armut leben lässt. Er tut es in der radikalen Konzentration auf die Figuren: Anfangs muss Ali im Zug die Essensreste der anderen Fahrgäste für sich und seinen Sohn zusammenklauben; später trägt er Mitschuld daran, dass seine Schwester aus ihrem Job als Kassiererin gefeuert wird. Ein böses Märchen also. Aber eines, in dem Einsicht und Erlösung nicht ausgeschlossen sind.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns