Nahaufnahme von David Lowery

Aus ungewohnter Perspektive
David Lowery. Foto: Benedict Jones

David Lowery. Foto: Benedict Jones

Mit so unterschiedlichen Filmen wie »Elliot, der Drache« und »A Ghost Story« hat der Regisseur David Lowery sich als feste Größe etabliert – und arbeitet doch irgendwie unter dem Radar. Der Start seines neuen Films »Ein Gauner & Gentleman« mit Robert Redford bietet willkommenen Anlass für einen näheren Blick auf sein Werk

Der Regisseur, Autor und Cutter David Lowery ist ein eigentümlicher Fall. Mit fünf Langfilmen hat er sich als großes Talent des amerikanischen Kinos etabliert. Aber ein bekannter Name ist er sogar bei vielen Cinephilen nicht. Es mag an seinem eigenwilligen Pendeln zwischen Low-Budget- und Starkino liegen oder an seinen Geschichten, deren Qualität gerade darin liegt, sich nicht so griffig einordnen zu lassen; oder an seinem Inszenierungsstil, der einerseits vor zu viel Kunstsinnigkeit zurückweicht, andererseits aber auch nicht den Mainstreamregeln folgt. Das trifft sogar auf die Disney-Produktion »Elliot, der Drache« (2016) zu, die Lowery bei allen Schauwerten mit einer Feingliedrigkeit und einem Blick für das Randständige weit jenseits des üblichen Sommerkinos inszenierte. »Elliot, der Drache« dürfte auch sein bekanntester Film sein, denn trotz hervorragender Kritiken und diverser Auszeichnungen verschwanden seine anderen Arbeiten – die Gangsterballade »The Saints – Sie kannten kein Gesetz« (2013) und das Gespensterpoem »A Ghost Story« (2017) – recht schnell aus den Kinos.

»A Ghost Story« (2017). © Univrsal Pictures

David Lowery wurde 1980 in Milwaukee geboren und wuchs als ältestes von neun Geschwistern in Dallas auf. Eine Filmschule hat er nie besucht, aber bereits mit sieben Jahren drehte er seinen ersten Film »Poltergeist«. Er dauert zwei Minuten und ist altersgemäß dilettantisch, doch bei dem weißen Bettlakengeist zieht man heute unwillkürlich eine Linie zu »A Ghost Story«. Sämtliche Kurzfilme Lowerys sind auf Vimeo abrufbar, und es ist faszinierend zu sehen, wie sie Aspekte etablieren, die er auch in seinen späteren Arbeiten aufgreift. Sehenswert ist der dokumentarische Essay »Some Analog Lines« (2006), in dem er sein Verhältnis zum »handgemachten« Film reflektiert. Formate und Oberflächen sind in seinem Werk von zentraler Bedeutsamkeit. »Ein Gauner & Gentleman« drehte er auf körnigem 16-Millimeter-Film, »A Ghost Story« im 4:3-Format, als würde man durch ein Fenster schauen; »Elliot, der Drache« mutet so glasklar wie ein Traum an, während die Bilder von »The Saints« einem »alten Stück Holz« gleichen sollten. Jeder seiner Geschichten gibt er eine eigene Textur.

Sein Langfilmdebüt »St. Nick« (2009) drehte David Lowery auf Video und mit einem Budget von 12 000 Dollar. Der nahezu wortlose Film handelt von einem jungen Geschwisterpaar, das scheinbar ohne Familie und ohne Zuhause ist. Sie streifen durch die Natur, lassen sich in einem verlassenen Farmhaus nieder und meistern mit kindlichem Erfindungsreichtum die Widrigkeiten ihres Alltags. Mit dem ruhigen Erzählfluss und den poetischen Bildern des ländlichen Texas scheint »St. Nick« von den frühen Filmen David Gordon Greens beeinflusst, der wie Lowery aus Texas kommt. Und wie Green scharte er schon früh eine kleine Mitarbeiterclique um sich, zu der unter anderem der Komponist Daniel Hart und die Szenenbildnerin Jade Healy gehören, aber auch die Schauspieler Will Oldham und Casey Affleck.

»Elliot, der Drache« (2016). © Walt Disney

»The Saints – Sie kannten kein Gesetz«, sein erster größerer Film, erinnert an Terrence Malicks »Badlands«, mit einem jungen Verbrecherpaar (Casey Affleck und Rooney Mara) in der texanischen Provinz der 70er Jahre. Wobei die Ära, wie immer bei Lowery, bewusst vage bleibt. Wo es Malick um Transzendenz ging, wirkt »The Saints« realistischer, finsterer und härter, eine Gangsterballade erzählt im Stil eines Folk Songs – wie überhaupt das Geschichtenerzählen an sich in Lowerys Werk immer wieder zum Thema wird, von der düsteren Gute-Nacht-Geschichte in dem Kurzfilm »Pioneer« bis zu Robert Redfords Erinnerungen in »Elliot, der Drache«. Mit »Ein Gauner & Gentleman« knüpft er an diese Motive an: Ein von Folksongs rhythmisierter Neowestern über einen beredten Bankräuber im amerikanischen Mittelwesten, der für seine späte Liebe (Sissy Spacek) sein Ganovenleben zu Protokoll gibt.

Gangster und Gespenster, Drachen und moderne Cowboys sind also die Figuren und Themen in David Lowerys Filmen – mythische Wesen und amerikanische Folklore, der er sich ganz behutsam und von unerwarteten Seiten nähert. »A Ghost Story« etwa erzählt eine Spukhausgeschichte nicht aus der Perspektive der Bewohner, sondern aus der Sicht des Geistes (Casey Affleck). Keine Gespenstergeschichte, sondern die Geschichte eines trauernden Gespensts; kein Mystery­drama, sondern ein Poem über magische Lebenskreisläufe, eine bescheidenere Version von Malicks »Tree of Life«, ästhetisch angelehnt an japanische Animes. Bei »The Saints« setzt die Erzählung erst nach den Raubzügen ein, und auch in »Ein Gauner & Gentleman« spielen die Banküberfälle nur eine Nebenrolle; dass das reale Vorbild des Films vor allem als Ausbrecherkönig zu Ruhm kam, findet nur am Rande Erwähnung.

»Ein Gauner & Gentleman« (2018). © DCM

Lowery spart also fast immer das aus, was in konventionelleren Filmen die Dramatik speisen würde. Ihn interessiert, was zwischen dem passiert, was den »Mythos« vom Outlaw oder dem vom Geisterhaus nährt. Selbst in »Elliot, der Drache« wirken die »großen« Abenteuerszenen bei all ihrer an Steven Spielberg erinnernden Meisterschaft eher wie Pflichtprogramm. Viel mehr Zeit und Freude verwendet der Film auf das Staunen der Menschen angesichts eines leibhaftigen Fabelwesens und auf die Art und Weise, wie es sich in einer sehr real wirkenden Umgebung bewegt. Die Sinnlichkeit dieser Szenen, vor allem in den Wäldern, erinnert erneut an Terrence Malick, wenn etwa Elliots schuppiger Bauch über den Waldboden reibt, oder wenn die Kamera sich die Zeit nimmt für lange Blicke auf Gesichter, Baumkronen und Sonnenuntergänge.

In »A Ghost Story« und »Ein Gauner & ­Gentleman« betreibt Lowery dieses Vom-Rand-her-Erzählen noch radikaler. Die Filme sind voll ruhiger, beobachtender Szenen, die sie ungeheuer konzentriert wirken lassen; introspektive Filme, die ihre Geschichten ernstnehmen und zwischen melancholischer Romantik und reifem Modernismus eine unaufdringliche Poesie entwickeln. Womöglich sind sie einfach zu leise, um einen Regiestar aus David Lowery zu machen. Als nächstes soll er »Peter Pan« verfilmen. »Ich habe da so ein paar Ideen«, sagte er dem Branchenblatt »Variety«. Das klingt wie ein Versprechen.

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