Kritik zu The Tree of Life

© Concorde

Mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet, aber nicht unumstritten: Terrence Malicks neuer Film beschäftigt sich mit den letzten Dingen

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Der Regisseur Terrence Malick gehört zu den rätselhaftesten Figuren der neueren Filmgeschichte. Fünf Filme, inklusive seines neuesten, hat er in den letzten vier Jahrzehnten nur gedreht, das letzte offizielle Bild von ihm stammt aus den neunziger Jahren, und öffentlich tritt er so gut wie nie auf – die Pressekonferenz, obwohl angekündigt, schwänzte er ebenso wie die Preisverleihung in Cannes. Malick gilt als notorisch öffentlichkeitsscheu.

Für andere Festivals hatte man »Tree of Life« schon gehandelt, an dem Malick 2008 zu drehen begann, und bei dessen weiterer Produktion er fünf Cutter verschlissen haben soll. Und dieser Film ist selbst ein einziges Rätsel, eine impressionistische Kindheitserinnerung, eine bombastische Schöpfungsgeschichte, voll mit Philosophie und Religion, und in jedem Fall: eine außergewöhnliche kinematografische Erfahrung.

Vier Teile hat Malicks Film, wie die Sätze einer Symphonie. »Malick, die 5.« hat deshalb auch eine französische Tageszeitung frech getitelt. Der erste setzt die Handlungsfäden des Films zusammen. Wir sehen eine Familie in einer amerikanischen Vorstadt in den fünfziger Jahren, die mit einem Verlust konfrontiert ist: ein Telegramm kommt an, das den Tod des 19- jährigen Sohns anzeigt. Über die Umstände erfahren wir nichts, die Art der Übermittlung legt aber nahe, dass dieser Sohn bei einer militärischen Operation –Koreakrieg? – ums Leben gekommen ist. Ein Schnitt führt ins Hier und Jetzt, in die cool designte Wohnung eines Architekten (Sean Penn, der in diesem Film leider etwas zu kurz kommt) und in den Hochhausturm, in dem er arbeitet. Langsam setzt sich in diesem ersten Teil ohne große Dialoge und nur mit philosophischem Voiceover die Ahnung zusammen: Er ist einer der Söhne dieser Familie, dieser Film so etwas wie seine Erinnerung, sein Trauma, sein Leid. Am Schluss wird er den Figuren seines Lebens in einer Art Erlösungssequenz noch einmal begegnen.

Es folgt eine bildgewaltige, ja, fast vergewaltigende Genesis unseres Planeten und des Universums: da finden Gasmassen zusammen, da brodelt Magma, da schwimmen Quallen so anmutig durchs Meer wie Hammerhaie. Einmal hält Malick in diesem ersten, fast 20-minütigen Bilderstrom inne, um zwei Dinosaurier zu zeigen, ein unfreiwillig komisches Erlebnis; später wird er die eigentliche Geschichte mit seinem Bilderstrom wieder unterbrechen. Malick hat den Fluss der Bilder unterlegt mit klassischer Musik, von Bach über Mahler bis hin zu Berlioz und Gorecki (selbst Smetanas kitschige »Moldau« lässt er nicht aus), die vor allem eins sein muss: erhaben und erhebend. Erinnerungen an Kubricks Lichttunnel in »2001« werden wach – tatsächlich hat Special-Effects Veteran Douglas Trumbull auch bei »Tree of Life« mitgewirkt. Und je länger – insgesamt eine Dreiviertelstunde – dieser Bilderstrom anhält, desto mehr drängt sich das Gefühl auf, dass es sich auch um kinematografischen Schwulst handelt.

Malick hat seinem Film ein Zitat aus der Bibel vorangestellt, aus dem Buch Hiob 38,4: »Wo warst du, als ich die Erde gegründet? / Sag es denn, wenn du Bescheid weißt«. Das Buch erzählt von den Prüfungen eines Menschen durch Schicksalsschläge und den Antworten, die Gott durch die Offenbarung der Wunder seiner Schöpfung gibt. Die Coens haben mit »A Serious Man« übrigens einen viel geerdeteren und gar nicht aufgeblasenen Film über diese Hiobsfigur gedreht. Aber metaphysisch geraunt hat es ja immer schon in den Filmen von Malick. Schon in »In der Glut des Südens« (1978) beschwor er biblische Plagen (Heuschrecken), in »Der schmale Grat« (1998) und »The New World« (2005) war es ein dick aufgetragener Naturmystizismus.

Aber im Zentrum dieses Films (das erst nach ungefähr einer Stunde beginnt) steht das Leiden an der Kindheit, ein autoritärer Vater, eine religiöse, in den Grenzen der Zeit gefangene Mutter. Dieser Teil kommt ganz anders daher als Malicks rauschhafte Genesis: verhalten, andeutend, doppeldeutig. Brad Pitt spielt diesen Mr. O'Brien, einen Army-Veteranen, in seiner ganzen Ambivalenz, schon vom Aussehen her der Inbegriff der fünfziger Jahre, ein Mann, der seine Kinder Härte lehrt und doch fast zärtlich Klavier spielt, ein Ingenieur, der mit Raumfahrtpatenten den american dream träumt und am Ende an den Verhältnissen scheitert, ein Familienoberhaupt voller Liebe und Hass. Ganz plötzlich kann es aus diesem Mann herausbrechen, gegen den der kleine Jack zu rebellieren beginnt. Immer ist die Kamera (Emmanuel Lubezki) in Bewegung in diesem Teil, bis sie kurz zum Stehen kommt, als wolle sie Erinnerungsfetzen festhalten.

Der Mensch müsse sich entscheiden zwischen der Natur und der Gnade, heißt es einmal aus dem Off. Malick geht es in »Tree of Life« um die letzten, wichtigen Fragen, nach dem Sinn von Leiden, dem Sinn der menschlichen Existenz. Aber, das muss man ihm zugute halten, gibt er auch keine allzu einfachen Antworten. Und die Frage nach dem Sinn des Lebens hat ja schon Alanis Morissette in »Dogma« beantwortet. Ganz einfach, übrigens.

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