Kritik zu Parasite

© Koch Films

Nicht von ungefähr spielt der Titel des Cannes-Gewinners auf »The Host«, einen früheren Film von Bong Joon-ho an: Auch hier stellt der Südkoreaner eine erfinderisch-wehrhafte Familie von Außenseitern in den Mittelpunkt einer Gesellschaftsparabel. Aber diesmal könnte sie das Monster sein

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Den menschlichen Körpergeruch begreifen wir gemeinhin als etwas Persönliches: Er ist unverwechselbar und selbstverständlich intim. Herr Park jedoch ist davon überzeugt, dass er sich einer Klasse zuordnen lässt. Der Geruch der Armen geniert ihn. Er riecht ihn auf dem Rücksitz seiner Luxuslimousine und fürchtet, dass seine teuren Anzüge ihn annehmen könnten. Der Großbürger schätzt es, wenn seine Angestellten ihre Grenzen kennen und die unsichtbare Mauer respektieren, die sie von ihren Herrschaften trennt.

Eines Abends, als er und seine Frau sich allein im Wohnzimmer wähnen, nimmt Herr Park überraschenderweise erneut die Witterung der Armut auf. Gewiss, das ist eine Obsession bei ihm. Aber seine Nase täuscht ihn nicht. Denn tatsächlich haben sich die Hausangestellten, kaum einen Meter von ihm entfernt, unter dem Tisch versteckt. Die Umstände, unter denen sie dorthin gelangten, zu erklären, würde zu weit führen. Aber sie sind nun einmal da.

Diese Szene aus »Parasite« ist ein Kabinettstück des vieldeutigen Suspense, zu der es in »The Mother«, den Bong Joon-ho vor zehn Jahren drehte, ein prächtiges Gegenstück gibt. Dort hat sich die Titelheldin in der Wohnung eines schlafenden Verdächtigen versteckt und das Publikum fiebert mit ihr, als sie sich hinausschleicht und dabei eine Wasserflasche umstößt und nun fürchten muss, dass das auslaufende Wasser die Fingerspitzen des Schlafenden erreicht. Der südkoreanische Regisseur besitzt ein einzigartiges Talent, lyrische Suspensemomente zu inszenieren, in denen die Sinneswahrnehmung Grenzen überschreitet, auch die des Erzähltons: In ihrer Mischung aus Slapstick, Anspannung und einem Flair des Irrealen fungiert die Wohnzimmerszene als ein Kondensat von Bong Joon-hos mulmiger Gesellschaftsparabel.

Die Begegnung der Klassen auf engem Raum vollzieht sich nicht als ein gedeihliches Nebeneinander, sondern als verhängnisvolle Heimsuchung. Zwei Familien stehen in »Parasite« einander gegenüber, deren Struktur (Eltern, Sohn und Tochter) zwar spiegelbildlich ist, die sich aber durch Status, Lebensweise und Familiensinn radikal voneinander unterscheiden. Die Kims, angeführt vom Vater (gespielt von Song Kangho, dem Lieblingsdarsteller des Regisseurs), sind erfinderische Habenichtse, die Villa und Leben der reichen Parks infiltrieren. Als Nachhilfelehrer, Chauffeur und Haushälterin machen sie sich bald unentbehrlich und schröpfen ihre Arbeitgeber nach Strich und Faden. Das gelingt nicht zuletzt, da der dünkelhafte Hausherr (Lee Sun-kyun charakterisiert ihn allein schon durch seinen selbstgewissen Gang trefflich) ebenso berechenbar ist wie seine arglose Gattin. »Erstaunlich, wie viel Geld aus diesem Haus in unseres fließt«, frohlockt Vater Ki-taek. Aber sodann treten unvorhersehbare Komplikationen auf den Plan, die die Machtverhältnisse vollends aus den Angeln heben.

Die Erzählkonstellation erinnert an »The Housemaid« von Kim Ki-young, der 1960 als ein Weckruf an das südkoreanische Kino wirkte, endlich sein subversives Potenzial auszuschöpfen. Aber die Zerfleischung der Gesellschaft beschreitet bei Bong Joon-ho andere Wege. »Parasite« kommt ohne moralische Instanz aus, sein Titel ist keineswegs so eindeutig, wie man zunächst vermuten mag. Es gibt keine Sieger in diesem Klassenkampf, vielmehr schockierende Nuancen von Verlust. Bong Joon-ho hat sichtbares Vergnügen daran, der Niedertracht unverhoffte Schattierungen zu verleihen; die Hierarchien von Sympathie und Identifikation sind nicht unumstößlich. Dieses Klima sittlicher und psychologischer Instabilität fußt auf einer Inszenierung, die ungeschützte Lebensräume achtsam und dynamisch erkundet. Der Regisseur nutzt das CinemaScope-Format, um gleichsam vertikale Symmetrien herzustellen. Die steril moderne Villa der Parks ist ebenso wenig gegen Verheerungen gefeit wie die schäbige Souterrainwohnung der Ki-taek. Und sie besitzt Räume, von deren Existenz die Besitzer nichts wissen.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns