Kritik zu Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

© Prokino

2020
Original-Titel: 
Minari
Filmstart in Deutschland: 
15.07.2021
L: 
115 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Eine koreanische Einwandererfamilie versucht in den frühen 80er Jahren ihr Glück als Gemüsebauern im ländlichen Arkansas. Lee Isaac Chungs stimmungsvoller Film ist ein Favorit für die Oscars 

Bewertung: 4
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Der »amerikanische Traum« ist eines der am meisten missbrauchten Sprachbilder, so oft herbeizitiert, dass man sich eigentlich schon kaum mehr etwas darunter vorstellen kann. Lee Isaac Chung reichen in seinem autobiografisch inspirierten Film »Minari« keine fünf Minuten, um ihn lebendig werden zu lassen und selbst dem ureuropäischen Zuschauer zu vermitteln, was er bedeutet: Da ist der Stolz und die Hoffnung, mit der Jacob (Steven Yeun) sein neu erworbenes Anwesen betrachtet. Er sieht hier eine Zukunft, eine Entfaltungsmöglichkeit, völlig selbstbestimmt und deshalb verheißungsvoll. Es handelt sich nur um ein Stück Land im flachen Arkansas, umgeben von Hecken, einigermaßen grün, mitnichten besonders schön. Der lang gezogene Trailer, der auf dem Land steht und Jacob und seiner kleinen Familie, bestehend aus Ehefrau Monica (Yeri Han), Tochter Anne (Noel Cho) und dem kleinen Sohn David (Alan S. Kim), als Zuhause dienen soll, ist sogar richtig hässlich. Man kann Monica den Schrecken darüber, es hier aushalten zu müssen, nachempfinden. Wenn sie leicht trotzig der Begeisterung ihres Mannes einen Dämpfer versetzt, blitzt sowohl die Vorgeschichte dieser Familie als auch einer der sich durch den Film ziehenden Konflikte auf. 

Der Film spielt in den frühen 80er Jahren. Jacob und Monica haben bislang ihren Lebensunterhalt in der kalifornischen Agrarindustrie verdient – mit dem anstrengenden und einfältigen Job der Geschlechtsbestimmung frisch geschlüpfter Küken. Nach Arkansas zu ziehen, ein Stück Land zu kaufen und es zu beackern, das ist die Idee von Jacob. An einer späteren Stelle im Film rechnet er es einem Nachbarn vor: 30 - 50 000 koreanische Immigranten würden jährlich in die USA auswandern, und fast alle würden gerne weiter Gemüse »korean-style« kaufen. Diesen Markt möchte er bedienen.

Monica möchte den Traum nicht mitträumen, weil sie sich für realistischer hält. Sie macht sich Sorgen darum, dass das Krankenhaus, auf das ihr kleiner Sohn mit seiner Herz-Rhythmus-Störung angewiesen sein könnte, so weit entfernt liegt. Und dass Jacob die mühselig erworbenen Familien­ersparnisse in den Sand setzen könnte. Ist ihm am Ende der Geschäftserfolg wichtiger als ihr Familienleben? Besänftigen lässt sie sich schließlich damit, dass sie ihre Mutter aus Korea zu sich holt. Mit der Ankunft von Soonja (Youn Yuh-jung) erhält die Familiendynamik eine neue Richtung. Der kleine David lehnt die fremd riechende und sich aus seiner Sicht seltsam benehmende alte Frau zuerst ab. Sie verhalte sich nicht wie eine richtige Großmutter, wirft er ihr vor, sie könne zum Beispiel gar keine Kekse backen!

Lee Isaac Chung ist selbst als Kind koreanischer Einwanderer im ländlichen Arkansas aufgewachsen; die Fülle der sprechenden Details in seinem Film bezeugen das. Trotzdem ist es nicht ausschließlich die Perspektive des kleinen David, aus der erzählt wird, auch wenn ihm dank des ausdrucksstarken kleinen Schauspielers Alan S. Kim der emotionale Schwerpunkt gehört. Ihm und der großartigen Youn Yuh-jung, muss man sagen, die als Großmutter Soonja einen wunderbaren Kontrast in den Film hineinbringt. Im Unterschied zu Tochter und Schwiegersohn, die ihre Gefühle meist so diszipliniert im Zaun halten, verhält Soonja sich überraschend frei und gegen die Konventionen. Die Vorwürfe ihres Enkels lacht sie weg, genauso dessen manchmal recht bösartigen Streiche. Nur langsam lernt der Enkel seine Oma schätzen, gerade mit ihren Schrullen. Aber bevor daraus Versöhnungskitsch wird, fügt Chung wieder eine neue Wendung ein. Auch daran meint man die echte Erfahrung zu spüren, die hier eingeflossen ist: Es kommt oft anders, als man denkt.

»Minari« gehört zu jenen Filmen, die ungeheuer bewegen, ohne ins Sentimentale oder Emotionale zu verfallen, so dass man am Ende gar nicht genau sagen kann, weshalb man so ergriffen ist. Aber man möchte unbedingt mehr über das titelgebende Kraut, den »Wasserfenchel« erfahren.

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