Kritik zu Scarlet
Der japanische Animationsregisseur Mamoru Hosoda hat Shakespeares »Hamlet« adaptiert – und zentriert seinen Film um eine weibliche Hauptfigur.
»Sein oder nicht sein . . .« Die berühmte Frage stellt sich dem Dänenprinzen Hamlet in William Shakespeares gleichnamigem Drama, nachdem ihm der Geist des vom Onkel ermordeten Vaters erschienen ist und den Auftrag erteilt hat, den Mord zu rächen. Den Rest der Tragödie wird der Prinz zagen und zaudern und mit dem Schicksal hadern, und am Ende werden alle tot und der Rest Schweigen sein.
Nicht so, wenn es nach Mamoru Hosoda geht, der sich für »Scarlet« Personal und Grundgerüst – Giftmord und Racheauftrag – von »Hamlet« aneignet, um die Figur endlich zu erlösen. Und den Rest der Menschheit gleich mit. Im Zuge dessen nimmt sich der japanische Animationsfilmemacher einiges an Freiheiten mit dem Stoff heraus. Bei Hosoda ist der im Erbe der patriarchalen Gewalt gefangene Mensch eine Prinzessin, die titelgebende Scarlet, und ihren Auftrag erfüllt sie mit Begeisterung. Nachdem der Onkel und sie einander gegenseitig vergiftet haben, sind beide unterwegs in einem Zwischenreich, in dem in der Sagenwelt Japans die Yūrei zu Hause sind. Dabei handelt es sich, verkürzt gesagt, um die zornigen Geister von Menschen, die auf ungerechte Weise zu Tode kamen. Scarlet trifft im Reich der Yūrei auf buchstäbliche Heerscharen von unerlösten Seelen, Soldaten aus allen Zeiten und Ländern dieser Erde, zivile Opfer von Kriegen in endloser Zahl, gefangen in einem ewigen Kampf, dessen Ursache und Zweck keiner mehr kennt. Außerdem trifft sie den Rettungssanitäter Hijiri, der in der Welt der Lebenden in einen Amoklauf geraten ist. Hijiris Beruf ist seine Berufung, also fackelt er nicht lange und macht sich ans Helfen und Heilen; und freilich würde er gern Scarlets Seele aus ihrem Rachegefängnis befreien. Während diese wiederum, fest entschlossen, die Geister ins Nirwana zu führen, die Verfolgung des Onkels aufnimmt.
Unschwer zu erkennen: Hosoda hat mit »Scarlet« einen großen Wurf im Sinne. Auch besteht kein Mangel an spektakulären Szenen in wuchtigen Tableaus. Ebenso wenig allerdings an machtvollen Pathosgesten und extremen Gefühlsausbrüchen. Nun mag man einwenden, dass das Überproportionierte ohnehin typisch sei für die Kunstform des Anime, und das stimmt ja auch. Doch gelang es Hosoda bislang selbst in breit angelegten Werken wie »Belle« (2021) und »Summer Wars« (2009) stets, auf emotionaler Ebene menschliches Maß einzuhalten. Nicht so dieses Mal. Hosoda hat sehr bedauerlicherweise seinen Film hoffnungslos überfrachtet, offenbar in der Überzeugung, dass das Elend der Welt nach dem groben Besteck verlangt. Vielleicht auch weil seine Verzweiflung über dieses Elend derart tief ist. Am Ende geht es jedenfalls nicht mehr »nur« um den Weltfrieden, der mit dem Verzicht auf Rache in greifbare Nähe rückt, sondern außerdem um die ewige Liebe, weil eben nur die Liebe uns retten kann, und so weiter. Das ist alles sehr ehrenwert und schaut überdies gut aus. In seiner Banalität aber beweist der an seinem eigenen Anspruch und also auf hohem Niveau vor sich hin scheiternde Film, dass sogar ein Meister mal danebenliegen kann.




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