Kritik zu Everything Everywhere All At Once

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Das Regieduo Daniel Kwan und Daniel Scheinert (Swiss Army Man) setzt Michelle Yeoh ins Zentrum eines Actiondramas um ein Multiverse, in dem es von Ideen, Andeutungen und Pointen nur so wimmelt

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Endlich: ein Action-Fantasy-Spektakel, das das Steuerzahlen ernst nimmt. Nicht unbedingt in seinem realistischen Ablauf im 21. Jahrhundert, aber doch darin, was die Pflicht zur Steuerklärung jährlich auslösen kann: tiefste existenzielle Verunsicherung, Depression und die nagende Frage, ob man nicht ein besseres Leben hätte führen können. Genauso jedenfalls geht es Evelyn (Michelle Yeoh), die mit ihren Belegstapeln vor dem Schreibtisch von IRS-Mitarbeiterin Deirdre (Jamie Lee Curtis) sitzt und sich wegträumt. Was, wenn sie damals in Shanghai nicht auf ihren Mann Raymond (Ke Huy Quan) und sein Werben mit dem gemeinsamen Ausreisen nach Amerika gehört hätte? Wäre sie vielleicht glücklicher geworden als in ihrem jetzigen Leben mit scheiterndem Waschsalon, unfähigem Ehemann, grantigem Vater und undankbarer Tochter an der Backe?

Wenige Momente später, Deirdre hat ihr eine letzte Frist eingeräumt, ihren »Shit« in Ordnung zu bringen, meldet sich ein Raymond aus einem Paralleluniversum bei ihr. Oh Wunder, dieser Raymond ist kein jungenhafter Träumer, der als Erwachsener nichts auf die Reihe kriegt, sondern ein smarter Actionheld, der Evelyn davon überzeugen muss, dass sie beim Retten der Welt mitmacht. Warum er nicht eine der anderen Evelyns bitte, fragt die von ihrer Steuererklärung geplagte Evelyn, als sie das mit den Paralleluniversen kapiert hat. Nun, die seien alle schon tot, meint Raymond. Und auch wenn das erst mal erschreckend klingt, ist Evelyn dann doch angetan vom Gedanken, mal in Parallelleben hineinzuschnuppern. Auch wenn sie das in den nächsten zwei Stunden Film immer nur unter den Stressbedingungen des Actionkinos machen darf.

»Everything Everywhere All At Once« ist ein Film wie eine Kirmesfahrt. Ständig wechseln das Setting, die Welten, in einem schwindelerregenden Tempo, das einen bald die Orientierung verlieren lässt: Da ist die Welt, in der Evelyn ein Kung-Fu-Star ist (wie die »echte« Michelle Yeoh), die, in der sie als Opernstar oder als Chefköchin keine besonders gute Figur macht, oder die, in der den Menschen anstelle von Fingern eine Art Wiener Würste gewachsen sind. Gleichzeitig bleibt auch vieles gleich: Wo immer auch Evelyn hingeht, stets taucht irgendwann Raymond auf – oder auch Deirde oder ihre Tochter Joy (Stephanie Hsu), die manchmal alles andere als eine Freude ist.

Die Ideen des Regie- und Autorenduos Daniel Kwan und Daniel Scheinert – sie lassen sich gern die »Daniels« nennen – scheinen schier unerschöpflich, und man muss außerdem über einiges Nerdwissen verfügen, um alles entschlüsseln können. Wirre Filmzitate von »Ratatouille« bis Wong Kar-Wai wechseln sich ab mit klamaukigen Sequenzen, in denen Sexspielzeuge zum Universumspringen benutzt werden. Und zwischendurch reflektiert Evelyn über ihr Leben, das, so bestätigt man ihr an einer Stelle, das schlechteste aller ihrer Leben darstelle. In keinem anderen habe sie so wenig zustande gebracht. Für die Rettung der Welt aber ist sie gerade deshalb genau die Richtige. Kinologik!

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