Alexandra Seitz

Filmkritiken von Alexandra Seitz

Alltag an einer Grundschule in Grenoble; ohne es zu bemerken steuert die überaus engagierte Lehrerin Florence Mautret, in deren Berufs- wie Privatleben es drunter und drüber geht, auf einen Erschöpfungszusammenbruch zu. Der quirlige und dabei doch konzentriert verdichtete Film »Die Grundschullehrerin« bietet Einblicke in einen schulischen Alltag ohne oberlehrerhaft aufzutrumpfen. Ein ungeschöntes Porträt einer schönen Profession
Nicht, wie in Hongs Werken sonst üblich, geschwätzige Männer in künstlerischer Schaffenskrise stehen diesmal im Mittelpunkt, sondern eine Schauspielerin, die sich von einer gescheiterten Affäre erholt. Geredet wird natürlich trotzdem viel und auch dem Alkohol wird zugesprochen. Hauptdarstellerin Kim Min-hee aber gelingt ein erstaunlich authentisches Porträt der Schreckensemotion Liebeskummer, nicht zuletzt wohl, weil es ihr eigener ist
Ein kleiner Junge mit schweren Gesichtsfehlbildungen geht das Wagnis der Einschulung ein und hat es unter den »Normalen« nicht leicht. »Wunder« erzählt die Geschichte einer letztlich geglückten Inte­gration aus der Perspektive des zu Inte­grierenden und verdeutlicht dabei die zahlreichen Faktoren, die im Spiel sind. Trotz gelegentlicher Ausreißer in die Selbstbeweihräucherung ein erbaulicher Jahreswendefilm
Eine schüchterne junge Frau gerät in einen wohlhabenden konservativen Haushalt und fällt dem Familienoberhaupt zum Opfer. Seine Ehefrau beschreibt ihre Mitschuld. Mit Marlen Haushofers knackig-kalter Novelle verfilmt Julian Roman Pölsler einen zweiten bedeutenden Text der Schriftstellerin: »Wir töten Stella«
In einem Urlaubsresort absolvieren SoldatInnen ein »Dekompressions-Camp«. Eine hässliche Eskalation, die die strukturelle Gewalt der Institution Militär bloß legt: »Die Welt sehen«
Die Kinofassung der vieldiskutierten Videoinstallation »Manifesto« von Julian Rosefeldt aus dem Jahr 2015: Mini-Narrative, die ein Dutzend Mal Cate Blanchett als unvermutetes Sprachrohr des Aufruhrs in je überraschendem Kontext zeigen. Konzeptkunst als spielerische Auseinandersetzung mit tiefernsten Motiven. Riskant, geglückt
Zwei Halbbrüder, die einander eigentlich gar nicht kennen, unternehmen eine Bootsfahrt flussaufwärts, um an jenen Ort zu gelangen, an dem der gemeinsame Vater unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen ist. Unterwegs vollzieht sich eine Annäherung der beiden eher verschlossenen, ein wenig misstrauischen, tatsächlich vom Vater verwundeten Männer. »Stromaufwärts« ist ein ruhiger, karger Film, der die narrative Ellipse mit ergreifendem Schauspiel füllt
Eine junge Frau, die Audiodeskriptionen für Blinde verfasst, und ein Fotograf, der das Augenlicht verliert, helfen sich gegenseitig. »Radiance« ist ein eintöniges, hart am Rande zum sentimentalen Kitsch entlang schrammendes Drama über Trauer und Verlust
Als Einstieg in das elaborierte Universum rund um den Dunklen Turm und jene, die ihn zerstören respektive bewahren wollen, fällt diese Adaption des Zentralwerkes von Stephen King recht ansehnlich aus. Für sich allein genommen, kann Nikolaj Arcels Film, der einer eineinhalbstüdigen Exposition gleich, jedoch kaum bestehen. Immerhin die Schauspielerei macht Spaß
»The Promise« ist eine schlimme Kostümschinken-Schmonzette, die den Völkermord an den Armeniern als Hintergrund einer melodramatischen Liebesgeschichte missbraucht und mit großer Geste am Versuch scheitert, an die Historienepen vergangener Zeiten anzuknüpfen

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