Alexandra Seitz

Filmkritiken von Alexandra Seitz

Az macht Jess einen Heiratsantrag, doch die lehnt ab. Was folgt, ist eine RomKom, die angriffslustig um genderspezifische Verhaltens-Klischees und kulturell determinierte Erwartungshaltungen kreist, dabei jedoch immer wieder in sattsam bekannten genretypischen Irrungen und Wirrungen stecken bleibt. Irgendwie couragiert, aber irgendwie auch langweilig.
Eine Rockoper, angesiedelt in Kyoto vor sechshundert Jahren; zwei Außenseiter, jeder für sich von einem Fluch geschlagen, erinnern in ihren Songs an die untergegangenen Krieger der Heike. Während die Flüche gelöst werden, entbrennt ein künstlerischer Konkurrenzkampf, auch um die Deutungshoheit über die Geschichte. Fulminanter Anime eines der innovativsten Vertreter dieser Kunst.
Ein abgehalfterter Schlagersänger, der in einem winterlich melancholischen Rimini ältere Damen beglückt, wird von seiner Vergangenheit eingeholt: Die nicht gekannte Tochter will den nicht geleisteten Unterhalt auf einen Schlag. Es könnte dies auch eine Chance sein und Richie Bravo kämpft um sie mit allen ihm zur Verfügung stehenden unfeinen Mitteln. Dank Hauptdarsteller Michael Thomas fällt das nicht nur trostlos aus, sondern vor allem herzergreifend.
Über fünf Jahre begleitet der selbst aus Rumänien gebürtige Filmemacher eine Gruppe von Roma, die regelmäßig zwischen ihrem Heimatdorf in den Subkarpaten und Hamburg pendelt, um dort zu betteln. Indem sie die Armen in Würde zeigt, richtet die formal unspektakuläre Dokumentation ihre Forderung nach Respekt auch an die Zuschauer. Eine wertvolle und wichtige Blick-Berichtigung.
Peele hat es wieder getan; nach »Get Out« und »Wir« legt er mit dem als Science-Fiction-Horror-Satire im Western-Setting nur unzureichend beschriebenen »Nope« – den er wie die Vorgänger nach eigenem Drehbuch inszenierte – ein wunderbares Beispiel für das vor, was sich gewinnen lässt, wenn einer etwas wagt; nicht zuletzt faszinierende Erkenntnisse über das Wesen des Spektakels.
Eine neue Runde im Franz-Eberhofer-Kreisel von Niederkaltenkirchen. Wie immer sorgen familiäre Verwicklungen und freundschaftliche Verwerfungen für Durcheinander, während zugleich ein Kriminalfall gelöst werden will und der Eberhofer eigentlich bloß in Ruhe sein Bier … Auf dem Weg zum Gipfel der Hochkomik lässt sich die verschworene Chaoten-Truppe auch diesmal nicht bremsen. Sehen Sie, staunen Sie!
Ein Mädchen an der Schwelle zur Pubertät brütet ein Ei aus, aus dem ein böser Zwilling schlüpft, der lang schon schwelende familiäre Konflikte zur Eskalation bringt. Beeindruckendes Spielfilmdebüt, in dem das gute alte Creature-Feature in überraschender Gestalt Wiederauferstehung feiert: als Coming-of-Age-Horrorfilm, der den Begriff des Flüggewerdens wörtlich nimmt.
Ein Biopic über Elvis Presley bekommt es gemeinhin mit der Aufgabe zu tun, Mann und Mythos auseinander zu dividieren und getrennt voneinander zu verhandeln. Man kann auf dergleichen Mühseligkeiten allerdings auch pfeifen und das Leben des Menschen aus Fleisch und Blut im Lichte des King erstrahlen lassen. Eben dies ist hier der Fall, schwungvolle zweieinhalb Stunden lang und mit brennendem Herzen.
Aneinanderreihung von Sketchen, in denen die Geschichte der Menschheit als eine von Fehlleistungen, überspitzt und grotesk, vor allem aber total unkomisch in Szene gesetzt wird. Noch tiefer gelegte Flachwitze feiern fröhliche Urständ, wo die Keule des Zynismus für tabula rasa hätte sorgen sollen.
Fern und Dave treffen beim Gassigehen mit ihren Hunden aufeinander und bald mögen sie sich; doch sind sie nicht schon zu alt für die Liebe? Jedenfalls wird diese mit den Jahren nicht unkomplizierter – wie hier ebenso einleuchtend vor Augen geführt wird wie die jederzeitige Möglichkeit des Glücks.

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