Das Studio A24

Mythos des Small Players
»Ex Machina« (2015). © Universal Pictures

»Ex Machina« (2015). © Universal Pictures

Was vor 15 Jahren als Verleih mit einem Gespür für ungewöhnliche Filme und Talente begann, ist heute ein Milliardenunternehmen. Thomas Abeltshauser rekapituliert, wie viel Indie-Bude noch in A24 steckt

Anfang September ist Robert Pattinson in Venedig. In »Primetime« spielt er Chris Hansen, jenen amerikanischen Fernsehjournalisten, der in den Nullerjahren mit »To Catch a Predator« Männer vor versteckter Kamera in die Falle lockte und daraus Unterhaltung zur besten Sendezeit machte. Das Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmers Lance Oppenheim läuft im Wettbewerb der Filmfestspiele und kommt kurz darauf, am 24.9., in die deutschen Kinos. Pattinson spielt nicht nur die Hauptrolle, er produziert auch; A24 finanziert und produziert den Film.

Es ist ein ziemlich perfekter A24-Film für das Jahr 2026: ein großer Star in einer riskanten Rolle, ein junger Regisseur mit dokumentarischem Hintergrund, ein Stoff an der Grenze zwischen True Crime, Medienkritik und Thriller, Venedig als Startrampe. Dass diese Kombination heute beinahe wie eine Formel klingt, ist bemerkenswert. Denn als A24 vor vierzehn Jahren gegründet wurde, hatte die Firma weder Stars unter Vertrag noch eigene Produktionen oder eine Vorstellung davon, einmal ein Milliardenunternehmen zu sein. Sie hatte vor allem ein Gespür für Filme, die auffielen.

»Spring Breakers« (2012). © Wild Bunch

Einer der ersten begann mit Körpern. Junge Menschen in Badehosen und Bikinis, Bier aus Plastikbechern, nackte Haut, Wasserpistolen, Zeitlupe. Skrillex hämmert auf der Tonspur, als wäre die amerikanische College-Kultur in einem einzigen grellen Werbeclip explodiert. Harmony Korines »Spring Breakers« war Anfang 2013 nicht der erste Film, den der gerade gegründete New Yorker Verleih herausbrachte. Aber es war der Film, mit dem er sichtbar wurde. Und in ihm steckt schon erstaunlich viel von dem, was A24 in den folgenden Jahren ausmachen sollte: Exzess und Kunstwillen, Pop und Provokation, Stars gegen den Strich besetzt, Bilder, die sich aus dem Film lösen und im Internet weiterleben können.

A24 hatte »Spring Breakers« nicht produziert, sondern die amerikanischen Verleihrechte gekauft. Das Unternehmen war 2012 von Daniel Katz, David Fenkel und John Hodges gegründet worden und zunächst genau das: ein kleiner Distributor. Der Name soll Katz auf einer Fahrt über die italienische Autostrada A24 gekommen sein. Der erste A24-Kinostart, Roman Coppolas »Charlies Welt – Wirklich nichts ist wirklich«, ging unter. »Spring Breakers« machte die Firma kurz darauf bekannt. A24 hatte keine Superhelden, keine Themenparks, keine Fernsehsender. Was es hatte, war Geschmack – und die Fähigkeit, diesen selbst zur Marke zu machen. 2013 folgte Sofia Coppolas »The Bling Ring«, 2014 Denis Villeneuves »Enemy« und Jonathan Glazers »Under the Skin«. Das Logo sammelte cinephiles Kapital. Und trat entsprechend selbstbewusst auf: Da ist jemand mit dem richtigen Gespür und Gusto, der diesen Film für euch gefunden hat.

2015 wurde daraus ein Geschäftsmodell. Für »Ex Machina« ließ A24 beim SXSW-Festival die künstliche Ava auf Tinder mit echten Nutzern flirten – typisch für ein Marketing, das den Film selbst zum Ereignis machte. Zugleich lernte der junge Verleih das traditionellere Geschäft der Oscar-Kampagne: »Raum«, »Amy« und »Ex Machina« gewannen 2016 jeweils einen Academy Award.

»Moonlight« (2016). © DCM

Der eigentliche Wendepunkt hieß dann »Moonlight«. Barry Jenkins' Film über das Aufwachsen eines schwarzen schwulen Jungen in Miami kostete nur rund 1,5 Millionen Dollar. Diesmal war A24 nicht mehr bloß der Käufer am Ende der Produktionskette, sondern beteiligte sich an Finanzierung und Produktion. Als »Moonlight« 2017 nach dem peinlichen Umschlag-Fiasko bei der Oscar-Verleihung doch noch zum besten Film erklärt wurde, war aus einem geschmackssicheren Verleih etwas anderes geworden: ein Studio.

Das ist für die Unternehmensgeschichte wichtiger als die gern beschworene »A24-Ästhetik«. Denn die gibt es streng genommen kaum. Was haben Sean Bakers sozialrealistischer »The Florida Project«, Greta Gerwigs federleichter »Lady Bird«, der fiebrige New Yorker Thriller »Der schwarze Diamant« der Safdie-Brüder und Robert Eggers' archaisches Schwarz-Weiß-Kammerspiel »Der Leuchtturm« formal miteinander zu tun? Sehr wenig. Gerade die Tatsache, dass man sie trotzdem alle sofort unter »A24« sortiert, ist eine der erstaunlichsten Marketingleistungen der jüngeren Filmgeschichte.

Eggers' »The Witch« wurde dann zum frühen Musterfall: langsames, historisch akribisches Autorenkino, das sich trotzdem als Horror verkaufen ließ. Ari Asters »Hereditary – Das Vermächtnis« machte A24 endgültig zur Horrormarke, der Nachfolger »Midsommar« mit Florence Pugh und Grauen im grellen Sonnenlicht entwickelte sich zur Meme-Maschine für soziale Medien. »A24-Horror« wurde zur eigenen Kategorie, obwohl Eggers, Aster oder später Danny und Michael Philippou sehr unterschiedliche Filme drehen. Der etwas zweifelhafte Begriff Elevated Horror tat sein Übriges: Horror für Menschen, die sich eigentlich für zu anspruchsvoll dafür halten. Für A24 ist das ökonomisch ideal. Das Genre funktioniert international, lässt sich mit überschaubaren Budgets produzieren und liefert starke, sofort identifizierbare Bilder.

»Midsommar« (2019). © Weltkino

Zugleich verwandelte A24 Filme zunehmend in Objekte der Begierde. Die Firma verkauft Drehbuch- und Making-of-Bücher, Kleidung, Schallplatten und Sammlerstücke, betreibt mit AAA24 einen Mitgliederclub und besitzt einen eigenen Podcast. Das Logo wurde vom Herkunftshinweis zum Lifestyle-Siegel mit den entsprechenden Erwartungen.

Der größte Beweis kam 2022 mit »Everything Everywhere All at Once«. Das Multiversums-Abenteuer der Daniels kostete rund 25 Millionen Dollar, überschritt weltweit die 100-Millionen-Grenze und gewann sieben Oscars, darunter Film, Regie und drei Darstellerpreise – nach einer Kampagne, die den fast ein Jahr alten Kinofilm bis zur Oscar-Nacht im Gespräch hielt. Die vermeintliche Nische war Mainstream geworden.

Mit dem Erfolg änderte sich auch die Eigentümerstruktur. Das romantische Bild der kleinen Independent-Schmiede war ohnehin nie die ganze Geschichte: Mitgründer Daniel Katz kam aus der Filmfinanzierung. 2022 nahm A24 dann 225 Millionen Dollar neues Eigenkapital über Investoren auf. Damit sollten ausdrücklich Produktion und Distribution ausgebaut werden. A24 wurde plötzlich mit rund 2,5 Milliarden Dollar bewertet. Zwei Jahre später folgte die nächste Runde. Thrive Capital führte 2024 mit 75 Millionen Dollar ein Investment an, das die Bewertung auf 3,5 Milliarden Dollar steigen ließ. Firmengründer Joshua Kushner zog in den A24-Verwaltungsrat ein. Kushners Name kratzt am Mythos: Joshua ist der jüngere Bruder von Jared Kushner, Donald Trumps Schwiegersohn und früherem Berater. Eine politische Trump-Nähe A24s lässt sich daraus nicht ableiten. Dass die Verbindung dennoch irritiert, zeigt, wie sehr A24 nicht nur als Firma, sondern als Haltung wahrgenommen wird.

Das Logo steht für viele Fans für künstlerische Freiheit, Diversität, queeres Kino, unangepasste Filmemacher und das Gegenmodell zum Franchise-Hollywood. Ökonomisch stecken hinter diesem Gegenmodell inzwischen Venture Capital und eine Milliardenbewertung. Investoren wie Stripes oder Thrive finanzieren keinen cinephilen Wohltätigkeitsverein. Sie erwarten Wachstum. Wie profitabel A24 selbst dabei ist, bleibt erstaunlich undurchsichtig. Als privat gehaltenes Unternehmen veröffentlicht die Firma keine konsolidierten Gewinnzahlen. Die Investitionen verändern jedenfalls die Filme. Alex Garlands »Civil War« hatte ein Budget von etwa 50 Millionen Dollar und einen breiten Start mit großer Eventkampagne. Weltweit spielte der Film rund 127 Millionen Dollar ein und bewies, dass das A24-Logo auch einen Film in einer Größenordnung tragen kann, die früher traditionellen Studios vorbehalten war. Celine Songs Romcom »Was ist Liebe wert – Materialists« kombinierte 2025 die Regisseurin des feinen Beziehungsfilms »Past Lives« mit Dakota Johnson, Pedro Pascal und Chris Evans. Josh Safdies Tischtennisdrama »Marty Supreme« verschob die Grenze noch weiter. Der Timothée-Chalamet-Film kostete nach Branchenberichten 60 bis 70 Millionen Dollar und wurde mit gut 190 Millionen weltweit zeitweise zum größten A24-Kinoerfolg. Statt Indie-Filme mit Stars zu adeln, begann A24, selbst Starvehikel zu produzieren.

Das globale Wachstum vollzieht sich dabei auf eigentümliche Weise. A24 ist eine weltweite Marke, ohne wie Warner, Disney oder Universal über ein weltweites eigenes Verleihnetz zu verfügen. Deutschland zeigt diesen Widerspruch besonders schön. Einen deutschen A24-Verleih gibt es nicht, die Auswertungen verteilen sich auf erstaunlich viele Unternehmen. »Spring Breakers« kam über Wild Bunch, »Ex Machina«, »Raum« und »The Witch« über Universal, »Moonlight« über DCM, »Hereditary« über Splendid, »Midsommar« über Weltkino. »Everything Everywhere All at Once« brachte Leonine heraus, »X« und »Pearl« Capelight, »Past Lives« Studiocanal, »Civil War« wieder DCM, »The Brutalist« Universal und »Materialists« Sony.

In den kommenden Monaten setzt sich das Patchwork fort. Adam Wingards Actionthriller »Onslaught« startet bei Plaion Pictures/Studiocanal, »Primetime« bei Leonine. Jesse Eisenbergs »The Debut« läuft diesen Monat in San Sebastián und startet im Januar bei Tobis, Jordan Firstmans »Club Kid« bei DCM. Gerade der letzte Film zeigt zugleich, wie sich A24 selbst verändert hat: In Cannes setzte sich die Firma in einem heftigen Bieterwettstreit durch und zahlte rund 17 Millionen Dollar für die weltweiten Rechte. Aus dem kleinen Distributor, der einst günstig ungewöhnliche Filme aufspürte, ist selbst einer der aggressivsten Käufer des Independent-Marktes geworden.

Das heißt nicht, dass A24 bei jedem Film zentral entscheidet, welcher deutsche Verleih »am besten passt«. Doch während die Hollywood-Majors Distribution, Marketing und Kinoauswertung in großen Märkten weitgehend über eigene Strukturen kontrollieren, kann A24 mit wechselnden lokalen Partnern arbeiten. Das spart eigene Infrastruktur und einen Teil des Risikos. Die Marke selbst bleibt trotzdem meist erkennbar. Und während A24 für seine Filme weltweit auf wechselnde Partner setzt, sucht die Firma auch ihre Stoffe längst weit außerhalb der klassischen Hollywood-Strukturen.

Kane Parsons war sechzehn, als er 2022 auf YouTube seinen ersten Kurzfilm über jene endlosen gelblichen Büroräume veröffentlichte, die als Backrooms längst ein Internetmythos waren. Aus dem Video entstand eine Serie, aus Kane Pixels ein Kultphänomen und schließlich ein A24-Spielfilm mit Chiwetel Ejiofor und Renate Reinsve. Das erinnert an »Talk to Me«: Auch Danny und Michael Philippou hatten sich vor ihrem Horrorhit über den YouTube-Kanal RackaRacka ein Millionenpublikum aufgebaut.

Nur ist »Backrooms« eine andere Größenordnung. Der Film eröffnete in Nordamerika Ende Mai 2026 mit 81,4 Millionen Dollar und steht inzwischen bei knapp 394 Millionen Dollar weltweit – davon fast 197 Millionen außerhalb Nordamerikas. In Deutschland nahm er bislang weit über sechs Millionen Euro ein. Er ist damit nicht bloß A24s größter Hit, sondern der bisher überzeugendste Beweis dafür, dass das Unternehmen ein globales Phänomen erzeugen kann, ohne auf ein klassisches Hollywood-Franchise zurückgreifen zu müssen.

A24 besitzt keine Marvel-Helden, keine Minions, kein »Star Wars«. Also muss es geistiges Eigentum anders finden. Ti Wests »X« wurde mit »Pearl« und »MaXXXine« zur Trilogie. »Talk to Me« soll fortgesetzt werden. »Backrooms« bringt einen bereits online existierenden Mythos samt Fanbasis mit. Parallel arbeitet A24 an Videospieladaptionen; Alex Garland soll »Elden Ring« verfilmen, ein Projekt, dessen Budget nach aktuellen Branchenberichten rund 175 Millionen Dollar erreichen könnte. Das Unternehmen, das groß wurde, weil es scheinbar das Gegenteil von Fließband-Hollywood verkörperte, baut sich also seine eigenen Franchises.

Wo aus Internetkultur plötzlich wertvolles geistiges Eigentum wird, entstehen allerdings neue Konflikte. Im Juli trafen Copyright-Claims im Namen A24s ausgerechnet Fan-Kunst und Indie-Games aus der Backrooms-Community. Regisseur Kane Parsons schaltete sich ein; A24 zog die Ansprüche zurück und erklärte, das ursprüngliche Meme und die daraus entstandenen Community-Werke gehörten nicht dem Studio. Auch bei »Mother Mary« gibt es Ärger: Das Electropop-Duo Mothermary wirft dem Film vor, neben seinem Namen auffällige Elemente seiner Ästhetik übernommen zu haben. Belegt ist ein Plagiat nicht. A24 schweigt dazu. Beide Fälle berühren aber denselben empfindlichen Punkt: Was passiert, wenn eine Firma, die von der Aura unabhängiger Kreativität lebt, aus subkulturellen Ideen kommerzielles Eigentum macht?

Und ausgerechnet jetzt wird die Frage nach dem A24-Mythos noch heikler. Im Juni 2026 stieg Google mit rund 75 Millionen Dollar bei der Firma ein, das erste direkte Investment des Technologiekonzerns in ein Filmstudio. Gleichzeitig vereinbarten A24 und Google DeepMind eine mehrjährige Forschungskooperation. Gemeinsam sollen neue KI-Werkzeuge für Filmproduktion und Distribution entwickelt werden. Ein Teil der Fangemeinde reagierte mit Boykottaufrufen und Ausverkaufsvorwürfen. A24 argumentiert umgekehrt, man wolle die Entwicklung der Technologie mitgestalten, statt sich später Werkzeuge von außen diktieren zu lassen. Doch was als Versuch kreativer Kontrolle verstanden werden kann, sieht für ein Publikum, das A24 mit menschlicher Autorschaft identifiziert, wie deren Preisgabe aus.

Die Ironie könnte kaum größer sein. »Backrooms«, der Film, der A24 unmittelbar vor Bekanntgabe des Google-Deals einen historischen Erfolg bescherte, stammt von einem Teenager, der mit günstigen digitalen Werkzeugen allein eine unverwechselbare Welt erschuf. Der Film verkörpert eigentlich den schönsten A24-Mythos: Irgendwo draußen existiert ein Talent, das Hollywood noch nicht entdeckt hat. Kurz danach verbindet sich die Firma mit einem der mächtigsten Technologiekonzerne der Welt.

Die Deals mit Kushner und Google kratzen am Mythos, weil sie deutlich machen, was hinter ihm immer schon steckte. A24 war nie ein Künstlerkollektiv. Die Firma war von Beginn an ein bemerkenswert kluges Finanzierungs-, Rechte- und Marketingunternehmen. Neu ist die Größenordnung. Eine Bewertung von 3,5 Milliarden Dollar, Venture Capital, steigende Produktionsbudgets, KI und eine global agierende Marke lassen sich schwer mit der Vorstellung von der kleinen rebellischen Indie-Bude vereinbaren.

Vielleicht ist der Mythos aber gerade deshalb das wertvollste Produkt der Firma. A24 hat etwas geschafft, woran die traditionellen Studios seit Jahren arbeiten: Ein Publikum interessiert sich für den Absender. Nicht jeder A24-Film ist ein Erfolg – die Flops »Beau Is Afraid« und zuletzt »Mother Mary« erinnern daran. Aber jeder neue Film kann vom kulturellen Kredit seiner Vorgänger profitieren. Und entscheidend ist am Ende, wie weit ein Unternehmen global wachsen kann, dessen wertvollstes Kapital ausgerechnet die Aura des Kleinen, Besonderen und Handverlesenen ist.

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