Kritik zu Enemy

© capelight pictures

Ein Mann schaut gelangweilt einen Film auf DVD und erblickt in einer winzigen Nebenrolle sein perfektes Ebenbild – nur eine von vielen bizarren Situationen und Volten in Denis Villeneuves Thriller über Identität, Dualität und Sex

Bewertung: 3
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 7)

Eine gigantische Spinne steht auf langen, dürren Beinen über der Stadt, majestätisch und furchteinflößend. Dieses Bild, das aus einem Alien-Invasionsfilm stammen könnte, erscheint irgendwann völlig unvermittelt in diesem Film – eine Vision, ein Traumbild vielleicht. Und wie so viele Elemente in Enemy bleibt es lange haften, da es zunächst in keine Kontinuität der Erzählung einzuordnen ist.

Der kanadische Regisseur Denis Villeneuve führt den ­Zuschauer tief in ein Labyrinth aus Andeutungen, Symbolen und Mehrdeutig­keiten. Schon seine Werke Incendies (Die Frau, die singt) von 2010 und der erst nach Enemy entstandene, aber vor ihm gestartete Prisoners waren komplex konstruiert, doch am Ende brachte Villeneuve Licht ins Dunkel. Hier jedoch greift er die ­bizarre Rätselhaftigkeit seines Frühwerks Maelström wieder auf und lässt den Zuschauer zum Schluss geradewegs gegen eine Wand seines Labyrinths laufen. Das macht den Film so ungemütlich wie faszinierend und reizt zum mehrmaligen Sehen.

»Chaos ist Ordnung, die noch nicht entschlüsselt ist«, heißt es zu Beginn dieser Verfilmung von »Der Doppelgänger« von José Saramago (Stadt der Blinden). Während Saramago in seinem Roman fortlaufend die narrative Illusion dekonstruiert, indem er ihre Erzeugung zum Gegenstand des Erzählens macht und den Leser immer wieder direkt anspricht, bleibt Villeneuves Film konsequent hermetisch. So erinnert seine klaustrophobe Doppelgängergeschichte an Kafka, in seiner Filmsprache auch immer wieder an David Lynch, besonders in den ersten Szenen, die sofort die Tonlage von Beklemmung und drohendem Unheil etablieren: Ein schwerer Himmel, noch ohne Spinne, hängt da über einem unwirtlichen Toronto, das im Smog zu ersticken scheint. In einer Art geheimem Club sitzt ein Kreis von Männern um eine Bühne, auf der Frauen ihre Körper präsentieren und bald eine Vogelspinne ins finster-frivole ­Ritual einbeziehen.

Einer der Gäste ist Adam, gespielt von Jake Gyllenhaal. Ebenfalls ritualisiert, doch weit langweiliger, erscheint auch der Alltag des Geschichtsprofessors. Schlafwandlerisch bewegt er sich durch eine Abfolge von Vorlesungen und öden Abenden, an denen er zu­hause einfach weiterarbeitet oder aggressiven Sex mit seiner Freundin ­Mary (Mélanie Laurent) hat, mit der ihn nichts zu verbinden scheint als eben Sex – welcher auch nur freudlos wirkt. Eine leere Existenz in einem sterilen, fast unbewohnt wirkenden Appartement, dessen dunkle Winkel immer wieder die Menschen verschlucken, und eine Paarbeziehung, so sprachlos und bedrückend wie zuletzt in Lost Highway. Kein Zweifel: Adam fehlt etwas.

In einer irritierenden zeitlichen Verschiebung inszeniert Villeneuve nun die Entdeckung des Doppelgängers. Denn als Adam eines Abends noch eine DVD auf seinem Laptop schaut, fällt ihm zunächst nichts Ungewöhnliches auf. Erst im Traum kehrt er zu einer Szene des Films zurück und bemerkt, dass der Darsteller eines Hotelpagen ihm gleicht wie sein Spiegelbild – eine grinsende Figur am Rande eines Bildausschnitts. Mit diesem Moment des Erkennens entsteht eine fatale Obsession. Adam recherchiert über den Kleindarsteller namens Daniel Saint Claire, der im wirklichen Leben Anthony Claire heißt, er beginnt ihn zu observieren und ruft ihn schließlich an, um ihm Auge in Auge gegenüberzutreten. Der eitle, selbstbewusste Schauspieler, der mit seiner schwangeren Frau Helen (Sarah Gadon) zusammenlebt – auch diese Beziehung ist von massiven Problemen gezeichnet – will erst nichts von ihm wissen. Erst über eine Intervention Helens entspinnt sich der Reigen um Identität, Erotik und Macht, der manche Überraschungen birgt, obwohl das Ende gemäß den Regeln des Doppelgängerspiels nur lauten kann: Zwei sind einer zuviel.

Woher aber Adams sofortige Panik, seine Instant-Obsession? Zunächst einmal ist da nur einer, der ihm verblüffend ähnelt, also durchaus ein Grund für Neugier, auch Irritation, doch unmittelbare Existenzangst? Die heftige Reaktion Adams auf den ersten Anblick des Anderen ist schwer nachvollziehbar, was der Dramaturgie des Films phasenweise Unwucht verleiht. Gerade weil von Anfang an eine hochartifizielle Atmosphäre erzeugt wird und das Irreale hier immer nur einen Schritt entfernt scheint, täte der Film gut daran, das emotionale Geschehen zu erden, wie es etwa Lynch oder Cronenberg in ebenso bizarren Settings so meisterhaft beherrschen.

Enemy versäumt leider, die Gefühlslagen seiner Hauptfiguren schlüssig zu entwickeln und verspielt so einen beträchtlichen Teil seines Potenzials, über die atmosphärisch-ästhetische und intellektuelle Spannung hinaus auch emotional mitzureißen. Was umso bedauerlicher ist, da Denis Villeneuve ein ganz und gar überzeugendes Ensemble versammelt und selbst doch hinlänglich bewiesen hat, wie subtil er auf der Klaviatur der Zuschauergefühle spielen kann.

In ästhetischer Hinsicht jedoch ist ihm ein brillantes Werk gelungen, dessen bizarre Bilder und Volten lange nachwirken, und das durchaus schlüssige Lesarten anbietet, ohne sie als »Erlösung« vom Enigma der Erzählung zu präsentieren. Villeneuve geht höchst reflektiert mit dem Doppelgängermotiv, seinen mythischen wie psychologischen Konnotationen und Traditionen um und verwandelt sie in eine sehr persönliche Vision des Ringens um die gefährdete Identität. Von der in gelb-braunen Farbtönen gehaltenen Bildgestaltung über die Szenerien brutalistischer Architektur bis hin zur eindringlichen Musik erschafft er einen filmischen Kosmos, in dem das Unbewusste die Macht übernommen hat und Wirklichkeit und Traum keine Gegensätze sind. Der Andere als verzerrtes Spiegelbild, als Personifikation unterdrückter Triebe, oder die Aufspaltung der ganzen Existenz, deren Widersprüche nicht länger tragbar sind, in zwei Personen mit zwei Leben – all diese möglichen Perspektiven bleiben ambivalent.

Die anfangs erwähnte Riesenspinne über der Stadt hat übrigens ebenfalls einen Doppelgänger, in der bildenden Kunst: Sie ist ganz deutlich von Louise Bourgeois’ neun Meter hoher Skulptur »Maman« inspiriert. Für die Künstlerin stand die Spinne weniger für Bedrohung oder Unheil denn für ein mütterlich behütendes Wesen, was für den Film eine weitere irritierende Ambivalenz eröffnet, zumal darin Adams Mutter, kühl interpretiert von Isabella Rossellini, ebenfalls eine ominöse Rolle zukommt. Villeneuve selbst allerdings sagt, Enemy erzähle im Grunde eine ganz einfache Geschichte.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns