Kritik zu Marty Supreme

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Timothée Chalamet glänzt als ambitionierter Pingpong-Spieler und Überlebenskünstler Marty Mauser, der in den 1950er Jahren den Weltmeistertitel im Tischtennis anstrebt, und ergänzt seine Schauspiel­karriere um einen weiteren Höhepunkt.

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Die Liste von Brüdern, die gemeinsam Filme inszenieren, ist umfangreich, doch nicht alle von ihnen halten es so lange zusammen hinter der Kamera aus wie die Dardennes. Vom Duplass-Duo bis zu den Coens kommt es immer wieder zu brüderlichen Regie-Trennungen. Gerade Letztere haben in den zurückliegenden Jahren bewiesen, dass das Halten des filmischen Niveaus kein Kinderspiel ist. Für die Safdie Brothers stand nun Ähnliches zu befürchten, denn nach deren gehypten Filmen »Good Time« und »Uncut Gems« entpuppte sich Benny Safdies Solo-Debüt »The Smashing Machine« eher als konventionelle Enttäuschung. Ein paar Monate später legt nun Josh Safdie mit »Marty Supreme« nach – und siehe da, es geht auch ganz anders.

Marty Mauser (Timothée Chalamet), der Titelheld des Films, ist in vieler Hinsicht ein typischer Safdie-Antiheld: getrieben und unter Strom, ichbezogen und durchaus selbstzerstörerisch. Im New York der frühen 1950er Jahre arbeitet er als Schuhverkäufer im Laden seines Onkels, träumt aber davon, seine Karriere als Tischtennisspieler voranzutreiben. Sein außergewöhnliches Talent hat er längst unter Beweis gestellt, nun will er in London die British Open gewinnen und seinen Sport in den USA populär machen. Martys Ambitionen sind dabei so groß wie seine Chuzpe. Das Geld für die Reise nach London entwendet er kurzerhand aus Onkels Safe und vor Ort in Großbritannien quartiert er sich nicht nur in einem unbezahlbaren Luxushotel ein, sondern macht dort prompt der älteren Kay Stone (Gwyneth Paltrow) – Ex-Hollywoodstar und Industriellengattin – Avancen. Am Ende verliert er im Finale gegen den Japaner Endo – und nimmt die Revanche bei der Weltmeisterschaft in Tokio in den Blick. Alles andere als ein Kinderspiel, denn nicht nur fehlt abermals das Reisegeld, sondern die Polizei in New York will ihn für den Raub im Schuhladen verhaften, das Londoner Hotel drängt auf Bezahlung und die ­Affäre mit seiner verheirateten Jugendfreundin Rachel (Odessa A’zion) resultiert in einer Schwangerschaft. Aufhalten lässt Marty sich von all dem nicht, ganz gleich, wen es dabei übers Ohr zu hauen gilt.

Rastlos folgt man Marty, wie er immer neuen Zielen und Aufgaben hinterherjagt. Man staunt über die Dreistigkeit und das Selbstbewusstsein, mit denen dieser schmale junge Kerl aus einfachen, jüdischen Nachkriegsverhältnissen (der lose auf dem realen Tischtennisspieler Marty Reisman basiert) erstaunlich oft erstaunlich weit kommt – und ahnt doch, dass das nächste Scheitern nie weit ist. So enervierend und anstrengend wie der Protagonist ist dabei immer wieder auch der Film. Und das im besten Sinne, denn anders als Marty gelingt es Safdie, seine ungestümen Ambitionen tatsächlich zu erreichen.

Es ist nicht nur die nervöse Energie – meisterlich umgesetzt von Kameramann Darius Khondji, Safdies Montage, Co-Autor Ronald Bronstein oder Komponist Daniel Lopatin –, mit der »Marty Supreme« besticht, sondern auch die Wahrhaftigkeit, die der mit viel Humor überhöhten Geschichte innewohnt. Der Schatten des Zweiten Weltkriegs etwa zieht sich wie ein roter Faden durch diese Erzählung vom Aufstiegstraum, die nur in der allerletzten Szene leicht aus dem Tritt gerät. Das größte Highlight ist die Besetzung. Großartiges Cameo- und Kleinstrollen-Casting setzt Miniglanzlichter und umfasst Namen wie Fran Drescher, Géza Röhrig, Sandra Bernhard, Abel Ferrara, David Mamet, Modedesigner Isaac Mizrahi oder Trapezkünstler Philippe Petit.

Paltrow und A’zion wissen auf sehr unterschiedliche Weise in stimmigen Rollen zu überzeugen (keine Selbstverständlichkeit bei Frauenfiguren in einem Safdie-Film). Und über allem steht Chalamet, der Marty mit so viel Hingabe und Charisma verkörpert, dass er aller Hybris zum Trotz fast sympathisch wird und seiner an starken Leistungen nicht gerade armen Karriere den bislang stärksten Auftritt hinzufügt.

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