Kritik zu Backrooms
In Amerika stieg Kane Parsons' Adaption seiner eigenen Webserie bereits zum Überraschungshit auf und Parsons selbst zu einer der aufregendsten Regiestimmen des neuen Horrorkinos
Man stelle sich Folgendes vor: Ein 16-Jähriger, der bisher vor allem Fanfilme zu seinem Lieblings-Anime erstellt hat, veröffentlicht aus seinem Kinderzimmer heraus einen Kurzfilm, der auf einer bekannten Gruselgeschichte aus dem Internet basiert. Dieser stößt auf so große Resonanz, dass der Teenager direkt eine Webserie nachlegt. Woraufhin sich eine der angesagtesten Produktionsfirmen bei ihm meldet und ihm das Angebot macht, Kurzfilm und Serie um einen Langfilm zu erweitern. Was sich wie der große Traum eines jeden Jungregisseurs anhört, ist die wahre Entstehungsgeschichte hinter »Backrooms«.
Der Ursprung des Ganzen liegt im Bild eines gelb-grünlichen Flurs, das 2002 in einem ehemaligen Möbelgeschäft in der US-Stadt Oshkosh aufgenommen wurde. Im Mai 2019 wurde es auf dem Imageboard 4chan gepostet, nachdem ein User nach »beunruhigenden Bildern, die sich falsch anfühlen« gefragt hatte, anschließend entwickelte sich daraus eine ganze Mythologie um eine Paralleldimension, die aus nichts anderem besteht als gelben leeren Fluren und Räumen, in denen seltsame Wesen lauern. Um Parsons' Film verstehen zu können, braucht man all das nicht wissen. Menschen, die die Serie vorher geschaut haben, können sich aber darauf freuen, jene Horrorvisionen zu sehen, die Parsons in der Webserie nur andeuten konnte.
Der Film spielt in den 1990er Jahren. Der erfolglose Architekt Clark (Chiwetel Ejiofor) wurde gerade von seiner Frau aus dem gemeinsamen Haus geworfen, weshalb er nun in dem Möbelgeschäft (!) wohnt, das er notgedrungen betreibt. Eines Nachts stößt er im Untergeschoss auf ein Portal, das zu den Backrooms führt. Als er aus diesen nicht mehr zurückkehrt, wird seine Therapeutin Dr. Mary Kline (Renate Reinsve) stutzig.
Den größten Reiz macht weiterhin das Grübeln darüber aus, was es denn nun eigentlich ist, das uns vor diesen gelb-grünlichen Räumen so erschaudern lässt. In der Wissenschaft spricht man in diesem Zusammenhang auch von Kenophobie: der übersteigerten und irrationalen Angst vor leeren oder weitläufigen Räumen. Ist es die Tatsache, dass uns diese Orte gleichermaßen seltsam bekannt wie fremd und falsch vorkommen? Oder ist es die Art und Weise, wie sie uns dazu einladen, sie verstehen zu wollen, bevor wir anfangen, alle möglichen Schreckensbilder in sie hineinzuinterpretieren? Theorien und Phänomene wie »The Uncanny Valley«, liminal spaces oder Sigmund Freuds Begriff des Unheimlichen bieten vereinzelt Antwortmöglichkeiten. Schlussendlich bleibt vor allem Ungewissheit, die Parsons in den besten Momenten gekonnt zu bespielen weiß.
Auffällig ist daneben, dass Parsons nicht nur die Backrooms, sondern auch die Welt außerhalb dieser als Orte inszeniert, an denen irgendetwas nicht zu stimmen scheint. Zu sehen sind weitwinklige Aufnahmen von gespenstisch leeren Parkplätzen, abgeschnittene Bildausschnitte oder seltsame Kameraperspektiven von schräg unten. Leben wir möglicherweise bereits in den Backrooms? In »Simulacres et Simulation« schreibt der Philosoph Jean Baudrillard, dass es sich beim Disneyland um eine sichtbare, erklärte Fiktion handele, die existiere, um die Vorstellung aufrechtzuerhalten, außerhalb davon gebe es eine unverfälschte Realität – während die amerikanische Gesellschaft insgesamt bereits von Simulation und Hyperrealität durchzogen sei. Sollen auch die Backrooms nur kaschieren, dass wir bereits von ihnen umgeben sind? Parsons könnte hier einiges über unsere Gesellschaft erzählen. Doch stattdessen inszenieren er und sein Drehbuchautor Will Soodik die Backrooms vor allem als Ort, der sich aus den individuellen Traumata seiner Besucher:innen speist.
Stellenweise leidet der Film unter dem, was vielen auf einem Kurzfilm basierenden Ideen zur Last wird: Sie wirken merkwürdig aufgeblasen. Denn was als kompakter Kurzfilm funktionieren mag, kann nicht unbedingt einen ganzen Film tragen. Parsons stopft die Löcher mit Anleihen bei »The Shining« oder »The Texas Chainsaw Massacre« sowie mit Blut und Weirdness. Am Ende greift er sogar auf das denkbar klassischste Horrormotiv zurück: die Flucht vor dem Monster. All dies macht den Film gewöhnlicher – aber nicht weniger wirkungsvoll.




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