Kritik zu Midsommar

© Weltkino

2019
Original-Titel: 
Midsommar
Filmstart in Deutschland: 
26.09.2019
L: 
140 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Beziehungsparabel oder ­abseitiges Kultexperiment? Ari Aster, der mit »Hereditary« einen der meist diskutierten ­Horrorfilme der letzten Jahre drehte, erweitert in seinem ­neuen Film über eine Gruppe amerikanischer Studenten auf Exkursion bei einer Kultgemeinschaft in Schweden die Grenzen des Genres

Bewertung: 3
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Die Welt steht kopf. Für eine kurze Zeit ist der strahlend blaue Sommerhimmel ein Abgrund, in den die Bäume von oben nach unten wachsen. Als die Bilder beginnen, sich um 180 Grad zu drehen, sind Dani, ihr Freund Christian und seine kleine Uniclique gerade auf dem Weg vom Flughafen Arlanda in den Norden Schwedens. Ein Moment des Übergangs, wohl auch eine Warnung. Dani und die anderen überschreiten, ohne es selbst zu merken, eine Grenze. Wenn sie schließlich in der kleinen, vollkommen abgeschiedenen Gemeinde ankommen, in die sie Pelle, ein Freund Christians, eingeladen hat, liegt die Welt, die sie kannten, weit hinter ihnen und mit ihr auch alle Übel der Moderne.

Die Grenzen zwischen Horror und Melodrama sind in Ari Asters Filmen fließend. So war es schon in seinem Spielfilmdebüt »Hereditary«. Die Risse, die durch eine zwischen Trauer und Verdrängung, Apathie und Hysterie schwankende Familie gingen, wurden zu Lücken und schließlich zu Löchern, durch die eine dämonische Macht eindringen konnte. Die Familie war eben keine Festung gegen das herandrängende Böse, sie erwies sich vielmehr als Nährboden für die Kräfte, die sie am Ende zerstören. In »Midsommar«, seinem zweiten Spielfilm, geht der junge Filmemacher noch einen Schritt weiter. Die Familie, so wie sie sich in der modernen westlichen Zivilisation darstellt, ist für Aster vor allem ein Hort des Schreckens und der Verletzungen.

Als Dani (Florence Pugh) erfährt, dass ihre psychisch labile Schwester sich selbst und ihre Eltern getötet hat, stürzt sie in eine tiefe Krise. Der einzige, der ihr noch etwas Halt geben könnte, ist ihr Freund Christian (Jack Reynor). Doch dem fehlt jegliche Empathie, und so lässt er Dani wieder und wieder spüren, dass ihre Anhänglichkeit ihn nervt. Aber statt sich zu trennen, reisen sie zusammen nach Schweden, um in Pelles Heimatdorf an einem Fest zur Sommersonnenwende teilzunehmen.

Bei Danis Ankunft in der Hårga-Gemeinschaft, die einer Kommune aus den 60er Jahren ähnelt, sind die Bilder zwar wieder im Lot. Der Himmel ist der Himmel und die Erde die Erde. Aber alles andere hat sich um 180 Grad gedreht. Während in ihrer Heimat jeder für sich lebt und die Familie jede tiefere Bedeutung verloren hat, bilden die Bewohner des Dorfes eine echte Gemeinschaft. Man arbeitet, isst und schläft zusammen, kümmert sich umeinander und stirbt sogar im Einklang mit den anderen. Die noch durch die gemeinsame Einnahme von halluzinogenen Substanzen verstärkten Verbindungen gehen so weit, dass Schmerz ebenso wie Lust zu einer gemeinschaftlichen Erfahrung werden. In zunächst verstörenden, schließlich aber berauschenden Bildern feiert Ari Aster diese Hyperempathie als Gegenpol zur allgegenwärtigen Gleichgültigkeit der modernen Gesellschaft.

Aster setzt die Schrecken dieser heidnischen Gemeinschaft durchaus auch in Szene. Aber die Schockmomente verlieren sowohl für Dani, deren langsamer Verwandlung Florence Pugh eine enorme Intensität verleiht, als auch für den Zuschauer ihren Stachel. Pugh blüht regelrecht auf, und das nicht nur im wörtlichen Sinne, wenn sie als Maikönigin in einem Blumenkostüm auftritt. Die eigentlich grausamen Hågar-Rituale bekommen im milden Licht der Sommernachtssonne eine seltsame Gloriole. Anders als in früheren Folk-Horrorfilmen wie Robin Hardys »Wicker Man« oder Piers Haggards »In den Krallen des Hexenjägers«, vor denen sich Aster mal mehr, mal weniger offensichtlich verneigt, entwickeln die Sitten dieser vorchristlichen Gemeinde einen verführerischen Reiz. Die Gesetze des Horrorkinos funktionieren in Asters Geschichte nicht mehr. Das Entsetzen angesichts eines mörderischen Opferkultes löst sich in einem Lächeln auf, das provokanter ist als alle Splatterszenen des Films. Wenn Dani am Ende ihr Glück findet, verbrennt nicht nur ein in ein Bärenfell eingenähter Mensch, vielmehr geht die gesamte westliche Zivilisation in reinigenden Flammen auf. Das kann man mutig oder auch reaktionär nennen.

Auf jeden Fall erzählt Aster von einem ­Unbehagen in unserer liberalen Gesellschaft, das uns wahrscheinlich noch sehr lange beschäftigen wird.

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