Kritik zu The Piano Tuner
Ein junger Klavierstimmer mit außergewöhnlichem Gehör wird zum Safe-Knacker in einem Film, der immer wieder elegant die Genres wechselt.
Zu den großen Qualitäten des Kinos gehört, dass man in eine andere, fremde, außergewöhnliche Wahrnehmung eintauchen kann. Für diesen Film, der im Original vieldeutig nur »Tuner« heißt, gilt das in ganz besonderer Weise. Hier tauchen wir in die Wahrnehmung von Niki (Leo Woodall) ein, für den Kopfhörer nicht bloß dazu sind, eine kuratierte Klangwelt zu erkunden, sondern existenzielle Bedeutung haben. Niki leidet unter Hyperakusis, einer krankhaften Geräuschüberempfindlichkeit. Alltagssounds wirken für ihn ohrenbetäubend, die ganze Welt ist für ihn eine lärmende Baustelle, alltägliche Geräusche werden zu aggressiven Waffen, die ihn verletzen.
Regisseur Daniel Roher hat bislang Dokumentarfilme gedreht, in denen es auch schon in besonderer Weise um Hör- und Sehwahrnehmung ging: unter anderem Blink über die Weltreise einer Familie mit Kindern, die wegen eines genetischen Defekts ihr Augenlicht verlieren, »Once Were Brothers« über den Musiker Robbie Robertson und die Roots-Rock-Gruppe The Band und den 2022 mit dem Oscar ausgezeichneten »Navalny«. Die dokumentarische Sensibilität schlägt auch in seinem Spielfilmdebüt durch – in der Genauigkeit, mit der er Berufe, Menschen, Orte spürbar macht. Auch die Krankheit wird hier nicht einfach nur behauptet, sie überträgt sich mit dem Sounddesign ganz unmittelbar auf den Zuschauer. Johnnie Burn, der schon die Geschichten von »Poor Things«, »Bugonia« und »Nope« hörbar gemacht hat und für das Sounddesign von »The Zone of Interest« mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, macht die Tonebene zum integralen Teil des Erzählens.
Ein Musiker, der unter Tönen leidet, muss sich notgedrungen neu orientieren, seine vielversprechende Karriere als Konzertpianist gibt Niki auf, um den Fluch der Überempfindlichkeit als Klavierstimmer zum Segen einer besonderen Begabung zu machen. Man kennt das Szenario aus dem Superhelden-Blockbuster-Kino: Extreme Begabungen entfremden den Helden von den »normalen« Menschen, können aber sinnstiftend zur Rettung der Welt eingesetzt werden – Ben Affleck etwa nutzt in »The Accountant« seinen Autismus, um Betrüger aufzuspüren. Doch nicht nur für die Verbrechensbekämpfung lassen sich ungewöhnliche Fähigkeiten einsetzen, sondern auch für das Verbrechen selbst. Man denke an Ryan Gosling, der in »Drive« seine Stuntdriver-Skills als Fluchtfahrer anbietet, ähnlich wie Ansel Elgort als »Baby Driver«.
Als der zunehmend vergessliche Harry (Dustin Hoffman) versehentlich sein Hörgerät im Safe einsperrt, findet Niki quasi zufällig heraus, dass sein übersensibles Gehör ihn zum Safeknacker prädestiniert, weil er die Verschleißspuren am Zahnrad hören kann. Und weil Harry nach einem Herzinfarkt die Krankenhauskosten nicht bezahlen kann, lässt er sich auf einen Pakt mit dem korrupten Boss einer Sicherheitsfirma ein, der sein Insiderwissen für Raubüberfälle nutzt. Der britische Schauspieler Leo Woodall, der mit der zweiten Staffel von »White Lotus« bekannt geworden ist und gerade in »Nürnberg« als junger Sergeant zu sehen war, hält in seiner mühelos tragenden ersten Spielfilmrolle eine feine Balance zwischen jungenhaftem Charme, charismatischer Präsenz und fragiler Verletzlichkeit.
Der ganze Film ist musikalisch durchdrungen, nicht nur in den jazzigen Klängen im Soundtrack, sondern ebenso im Schnittrhythmus und in der beweglichen Kamera. Auch inhaltlich ist der Film auf komplexe Weise vielstimmig: Er beginnt als liebenswert verspielte Buddy-Komödie über den Arbeitsalltag und die Ersatzfamilienverbundenheit der beiden New Yorker Klavierstimmer Harry und Niki. Romantische Töne mischen sich unter den Grundton der Männerfreundschaft, als Niki die zunächst von der Unterbrechung genervte Musikstudentin Ruthie mit seinem absoluten Gehör beeindruckt. Schließlich wandelt sich das Werk zum Heist-Thriller, und zwar so fließend, wie ein virtuoser Musiker die Tonlagen wechselt. Dabei geht es in unterschiedlicher Weise für Niki, Harry und Ruthie immer wieder darum, das Chaos in Harmonie überzuführen.




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