Sooner: »2551.01–03«

© Norbert Pfaffenbichler

Der österreichische Künstler Norbert Pfaffenbichler hat mit seiner grotesk anmutenden Trilogie radikales Experimentalkino entworfen, wie man es selten zu sehen bekommt

Eine experimentelle Filmtrilogie, deren Titel klingt wie eine Fehlermeldung: »2551.01–03«, eine Zahlenfolge, die eher an Archivmaterial oder eine industrielle Seriennummer erinnert als an Kino. Doch darin liegt die eigenwillige Poetik der zwischen 2021 und 2025 entstandenen Trilogie des österreichischen Filmemachers Norbert Pfaffenbichler. Diese Filme wirken wie geborgene Relikte aus den Trümmern der bereits untergegangenen Filmgeschichte. Der radikale Medienkünstler hat eines der verstörendsten Werke des europäischen Gegenwartskinos geschaffen – eine düstere Versuchsanordnung zwischen Stummfilm, Endzeitvision, Groteske und Körperhorror.

Dabei beginnt alles fast archetypisch: Ein Vagabund mit Affenmaske steigt in eine unterirdische Welt hinab und findet dort ein verlassenes Kind. Mehr Handlung benötigt »2551.01 – The Kid« zunächst nicht. Diese Konstellation erinnert an »The Kid«, doch Pfaffenbichler transformiert das Motiv in eine alptraumhafte Zukunftslandschaft. Wo Chaplin Wärme erzeugte, herrschen hier Gewalt und Verfall vor. Die Figuren bewegen sich durch Tunnel, Ruinen und industrielle Restzonen, bevölkert von deformierten Kreaturen und grotesken Schattenwesen. Der Film hat keine verständlichen Dialoge; erzählt wird performativ über Bewegung, Rhythmus und Bild. Doch gerade diese Reduktion entwickelt eine eigentümliche Sogwirkung. Die grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bilder wirken, als seien sie aus unterschiedlichen Epochen des Kinos herausgerissen worden. Man erkennt Anklänge an Expressionismus, Slapstick, Surrealismus und Avantgarde, gleichzeitig aber auch an postapokalyptische Science-Fiction. Pfaffenbichler interessiert sich weniger für narrative Kohärenz als für die Materialität des Bildes: Gesichter verschwinden hinter Masken, Körper werden deformiert, Räume lösen sich in Dunkelheit auf.

Dass der Regisseur aus der Medienkunst kommt, ist in jeder Einstellung spürbar. Die Filme funktionieren weniger als klassische Dramaturgien denn als audiovisuelle Installationen. Wiederholungen und rhythmische Variationen spielen eine zentrale Rolle. Viele Szenen folgen der Logik eines Fiebertraums: Gewalt kippt plötzlich in Slapstick, absurde Komik geht unmittelbar in körperlichen Horror über. Gerade dadurch entsteht die Verunsicherung, die den Reiz der Trilogie ausmacht. Im zweiten Teil, »2551.02 – The Orgy of the Damned«, radikalisiert Pfaffenbichler seine Ästhetik deutlich. Der Film wirkt aggressiver und bewusster überfordernd. Die tunnelartige Unterwelt wird endgültig zum Höllenraum einer entgrenzten Körperlichkeit. Überall lauern deformierte Figuren, bizarre Rituale und sadistische Machtdemonstrationen. Die Bilder oszillieren zwischen Ekel, anarchischer Komik und punkiger Energie. Gerade hier unterscheidet sich die Trilogie von vielen zeitgenössischen Arthouse-Produktionen. Nichts erscheint geglättet oder kontrolliert. Anteil daran hat die Soundgestaltung: industrielles Dröhnen, verzerrte Geräuschflächen und aggressive Noise-Elemente erzeugen einen permanenten akustischen Stresszustand.

Der abschließende Teil, »2551.03 – The End«, überrascht schließlich mit einer melancholischen Verschiebung. Jahre sind vergangen, das einst gerettete Kind ist inzwischen Teil eines totalitären Systems geworden, während der Affenmensch weiterhin durch die Ruinenlandschaft irrt. Motive wie Einsamkeit, Erinnerung und Verlust treten hervor. Wo die ersten beiden Filme den Zuschauer attackierten, öffnet der dritte Teil Räume der Reflexion.

Natürlich neigt die Trilogie zur Wiederholung, manche Motive erschöpfen sich in ihrer transgressiven Geste. Doch die Kompromisslosigkeit macht »2551« zu einem seltenen Ereignis im Gegenwartskino: ein Werk zwischen Horrorfilm, Experimentalfilm und apokalyptischer Groteske. Und ein Beweis dafür, dass radikales Kino noch immer möglich ist – roh, unbequem und exzessiv.

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