arte-Mediathek: »Die Welt braucht mehr Zauberer«

englisch © BFI

2025
Original-Titel: 
Mare's Nest
V: 
L: 
93 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Ben Rivers entwirft einen poetischen Endzeitfilm zwischen Kindheit, Mythos und Klimakatastrophe

Eine Schildkröte mitten auf einer staubigen Straße irgendwo im Süden Europas, ein Auto, das von dieser Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt ist, und ein vielleicht elf oder zwölf Jahre altes Mädchen namens Moon, das dieses Auto gefahren hat. So beginnt Ben Rivers’ »Die Welt braucht mehr Zauberer – Mare's Nest«. Diese ersten Einstellungen formen sich zwar zu einer Art Exposition. Moon lässt das Auto am Straßenrand zurück, hebt die Schildkröte auf und begibt sich auf eine Wanderschaft durch eine vertraute und doch überaus fremde Welt, in der anscheinend nur noch Kinder leben. Nur widersetzt sich Rivers’ filmisches Gedicht jeder Form von Festlegung. »Die Welt braucht mehr Zauberer – Mare's Nest« lässt sich nicht auf eine klassische Erzählung reduzieren, und das deutet sich schon in den ersten Einstellungen an. Rivers zeigt den Unfall nicht. Er lässt sogar offen, ob Moon der Schildkröte ausweichen wollte und deswegen von der Straße abgekommen ist. Plot, Motivation und all die Konventionen, die nicht nur das kommerzielle Kino prägen, interessieren Rivers nicht. Er konzentriert sich auf Bilder wie die von einer Schildkröte auf einer Straße und einem schon ziemlich alten, zerstörten Auto und schafft so Raum für Überlegungen und Assoziationen.

Was sich in diesen Bildern andeutet, wird mehr und mehr zur Gewissheit. Die Welt, durch die die von Moon Guo Barker verkörperte Moon stoisch wandert, ist eine nach der Katastrophe. Etwas muss geschehen sein, eine Art Apokalypse, und nur einige Kinder und Jugendliche haben überlebt. Jedoch wirken sie keineswegs jung. So trifft Moon als Pilgerin in einer von Don DeLillos Einakter »The Word for Snow« inspirierten Szene auf eine Professorin und eine Übersetzerin, deren Worte überhaupt nicht zu dem Alter ihrer Darstellerinnen passen wollen. Diese Kinder sind im wahrsten Sinne alte Seelen, Überlebende in einer Welt nach den Menschen, deren Erinnerungen und Mythen sie in sich tragen.

In einem Segment des Films kommt Moon in eine Kommune, in der die Grenzen zwischen kindlichem Verhalten und künstlerischem Schaffen ganz und gar verschwimmen. In einem Moment vollführen sie seltsame nächtliche Rituale, die wie Kinderspiele wirken. In einem anderen organisieren sie die Open-Air-Vorstellung eines 16-mm-Films, den sie offensichtlich selbst gedreht haben und der einem bizarren Reenactment des Mythos vom Minotaurus gleicht. In seiner Brüchigkeit gleicht Rivers’ Experimentalfilm einem unvollständigen Puzzle, dessen Teile absichtlich nicht zusammenpassen. Jede Szene stürzt einen in eine neue Situation und lässt einen mit einem weiteren Rätsel zurück.

Wie DeLillos Einakter ist auch »Die Welt braucht mehr Zauberer – Mare's Nest« eine Reflexion über den Klimawandel und die Katastrophe, die er heraufbeschwören wird. Doch Rivers’ teils archaisch wirkende Bilder und Szenen, die in ihrer Kargheit und Präzision an einige Arbeiten von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet erinnern, erklären nichts und verweigern sich am Ende sogar jeder Interpretation. Die würde alles nur vereinfachen und dem Film damit seine vom Gedanken des Erhabenen erfüllte opake Schönheit rauben.

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