Interview: Jessica Chastain über »Dreams«

»Diese Jennifer ist mir letztendlich fern«
Jessica Chastain in »Dreams – Gefährliches Verlangen« (2025). © Teorema

Jessica Chastain in »Dreams – Gefährliches Verlangen« (2025). © Teorema

Auf anspruchsvolle Rollen als Schauspielerin ist Jessica Chastain schon ihre ganze, mit Regisseuren wie Terrence Malick und Ralph Fiennes begonnene Karriere über spezialisiert. Seit geraumer Zeit treibt sie nun solche Projekte auch als Produzentin voran. Ihr neuester Streich in der Doppelfunktion vor und hinter der Kamera ist nun das politisch aufgeladene Beziehungsdrama »Dreams – Gefährliches Verlangen« von Michel Franco

Ms. Chastain, in »Dreams – Gefährliches Verlangen« spielen Sie eine wohlhabende Kunstmäzenin, die sich auf eine Affäre mit einem illegal aus Mexiko eingewanderten Tänzer einlässt. Wie vertraut war Ihnen diese verwöhnte, mitunter weltfremde und definitiv nicht immer sympathische Frau?

Jessica Chastain: Sosehr ich auch seit zehn Jahren das Glück habe, ein sehr privilegiertes Leben zu führen, so weiß ich auch, wie es ist, aus einer Familie zu kommen, die praktisch nichts hat. Es gab Zeiten, da wusste meine Mutter kaum, wie sie genug zu essen für uns auf den Tisch bekommen soll. Entsprechend fern ist mir diese Jennifer letztlich. Sie geht mit einer Selbstvergessenheit und Ignoranz durchs Leben, die ich mir nie erlauben konnte und wollte. Was es bedeutet, Immigrant*in zu sein, und wie groß die gesellschaftliche Kluft in Sachen Reichtum, Macht und sozialem Standing ist – davon hat sie letztlich keine Ahnung.

Ist es schwer, jemanden zu spielen, der so tickt?

Ich finde es immer sehr reizvoll, Figuren zu verkörpern, die ganz anders sind als ich. Und Jennifer ist auch nicht automatisch ein schlechter Mensch. Das muss man vielleicht dazusagen. Sie nutzt ihre Privilegien ja durchaus, um Kultur zu fördern und der Community zu helfen. Sie blendet nur aus, dass sie selbst zur Ausbeutung und Entrechtung anderer Menschen beiträgt. Ich mag den Begriff »schneeblind«, den würde ich für sie diesbezüglich verwenden. Was sie definitiv ist, ist unreflektiert.

Auch was ihre Position als Frau angeht, in der Gesellschaft wie in ihrer Familie!

Ja, traurigerweise. Vieles in ihrem Verhalten begreift man, wenn man sie in unserem Film gemeinsam mit ihrem Vater erlebt. Seinen Sohn lobt er über den grünen Klee und preist seine Errungenschaften, sie beschreibt er als die schöne Tochter, die stets an seiner Seite war. Wie ein Haustier. Diese Ungleichbehandlung und diese Erfahrung von Liebe als Besitztum hat sie verinnerlicht – und reproduziert dieses Verhalten nun in der Beziehung mit Fernando. Ich glaube auf jeden Fall, dass sie ihn wirklich liebt. Aber weil sie nie eine gesunde, erwachsene Definition von Liebe gelernt hat, behandelt sie eben auch ihn wie ein Tier oder ein Kind, das keine eigenen Entscheidungen treffen darf.

Der Altersunterschied zwischen den beiden spielt durchaus auch eine Rolle, nicht wahr?

Sicherlich, wobei ich mich eigentlich freue, dass das im Film nicht das eigentliche Thema ist. Der Altersunterschied von 13 Jahren wäre in der umgekehrten Konstellation, also mit der Frau als der Jüngeren, schließlich keine Rede wert. Und es gibt heutzutage Interessanteres und Relevanteres, um von einem ungleichen Machtverhältnis innerhalb einer Beziehung zu erzählen. Ökonomie und Herkunft spielen da oft eine viel entscheidendere Rolle.

Fernando wird vom Balletttänzer Isaac Hernández gespielt, der erstmals vor einer Kamera stand. Hatte seine Unerfahrenheit als Schauspieler Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

Das mit der Unerfahrenheit trifft es ja nur bedingt, denn immerhin steht er schon lange als Tänzer auf der Bühne und weiß also, wie man mit seinem Körper, mit Bewegung oder im intimen Kontakt mit anderen arbeitet. Das zeigte sich nicht nur in den Tanz-, sondern auch den Liebesszenen. Davon abgesehen fand ich es vor allem interessant, dass wir während der Dreharbeiten kaum miteinander sprachen. Natürlich gab es einen gemeinsamen Austausch mit unserem Regisseur Michel Franco, aber wir zwei hatten zunächst wenig persönlichen Kontakt jenseits unserer Szenen. Für mich war das ungewohnt, aber er hat mir später erklärt, dass er nicht wusste, wie man als Schauspieler mit den Situationen umgeht, wenn die Kamera nicht läuft, und Sorge hatte, die Ebenen von Rolle und Realität womöglich zu sehr zu verwischen.

Es geht in »Dreams – Gefährliches Verlangen«, wie bereits angedeutet, auch um die Einwanderungspolitik in den USA. Dieser Tage geht es diesbezüglich besonders verschärft zu. Haben Sie je darüber nachgedacht, selbst auszuwandern?

Noch bin ich nicht an diesem Punkt. Ich glaube weiterhin an das Gute in den USA und will meinen Teil dazu beitragen, die Lage in unserem Land zu verbessern. Jetzt wegzuziehen, würde sich wie aufgeben anfühlen. Und ich war noch nie jemand, der gerne aufgegeben hat.

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