80 Jahre DEFA
Traumfabrik der Partei? Ort künstlicher Wahrheitsfindung? Die Geschichte der DEFA ist voller Ambivalenzen und Widersprüche. Aber sie ist auch einzigartig. Zum 80. Jubiläum zeigt das Filmmuseum Potsdam zwei Ausstellungen. Gerhard Midding hat nachgeforscht
Wäre es nach dem amerikanischen Kulturoffizier gegangen, hätte es den deutschen Nachkriegsfilm vorerst nicht gegeben. Peter van Eyck, der aus dem Exil heimgekehrte Schauspieler, entschied: »In den nächsten fünf Jahren wird in diesem Land kein Film gedreht außer von uns«. So erinnerte sich Wolfgang Staudte in einem Interview. Auch in den anderen Westsektoren stieß Staudte mit seinem Drehbuchentwurf »Der Mann, den ich töten werde« auf Ablehnung. Der sowjetische Kulturoffizier Oberst Tulpanow hingegen interessierte sich für den Stoff. Nur das Ende wollte er verändert wissen, weil es zur Selbstjustiz aufrief. So wurde »Die Mörder sind unter uns« zum ersten deutschen Film, der nach dem Krieg herauskam. Er wurde zu einem Manifest: Sein Mandat war es, aufzuarbeiten, was in den vorangegangenen zwölf Jahren geschehen war, und das Land mit der Wahrheit über sich selbst zu konfrontieren. Insgeheim beruhigte der neue Titel das Publikum: Die Täter waren die anderen.
Das war gewiss auch ganz im Sinne der Produktionsfirma DEFA, die am 17. Mai in den Althoff-Ateliers in Potsdam gegründet wurde. Die Deutsche Film AG begann als deutsch-sowjetisches Unternehmen, wobei die zweite Seite zunächst die Aktienmehrheit hielt. Ein Unbekannter, eher Idealist als Scherzbold, widmete den Firmennamen bei der Eröffnung programmatisch in »Diene Ehrlich Friedlichem Aufbau« um. Sie hätte übrigens auch »Aurora« heißen können – so ein früherer Vorschlag.
Diese Morgenröte des Kinos wird in der Foyerausstellung des Filmmuseums Potsdam emphatisch geschildert. Kuratorin Dorett Molitor entwirft ein faszinierendes Bild vom Aufbruch der Filmproduktion in den Ateliers, zu denen auch das alte UFA-Gelände in Babelsberg und die Studios von Johannisthal gehören. Es fehlt an allem: an Rohfilm, Holz für Szenenbilder und an Kostümen. Die Synchronstudios in Johannisthal (wo auch van Eyck seine sonore Stimme in den Dienst des Neuanfangs stellt) sind eine ebenso wichtige Einnahmequelle wie die Vermietung von Ateliers und Technik. Ein eingangs lukrativer Geschäftszweig kompromittiert bereits die Legende vom radikalen Bruch: die Fertigstellung von sogenannten »Überläufern«, unvollendeten Filmen der Nazizeit.
Regisseure und Drehbuchautoren, die an NS-Propagandafilmen mitgewirkt haben, beschäftigt die DEFA nicht; Darsteller und Vertreter anderer Gewerke lässt sie zu. Ein zentrales Scharnier bei der Produktion bildet die Dramaturgie. In Phasen finanzieller Engpässe muss sie darauf achten, dass kein Drehbuch mehr als 20 Szenenbilder erfordert; bald wird sie im Spannungsfeld zwischen Zensur und Solidarität mit den Filmemachern navigieren. Staudte, der die Kriegszeit »nicht ohne Gewissenslast« überstanden hat (wie es in einem Dokument in der Ausstellung heißt), beschreibt das Arbeitsklima in den Studios als sachlich: Man ist gemeinsam auf die Inhalte konzentriert, die Vergangenheit soll bewältigt werden.
»Affaire Blum« (1948, Regie: Erich Engel, Drehbuch: Robert A. Stemmle) arbeitet einen Skandal von 1926 auf, bei dem antisemitische Obrigkeitsjustiz ein Fehlurteil in Kauf nimmt. (Den Holocaust thematisiert die DEFA erst 1959 in »Sterne«, leistet aber auch hiermit Schrittmacherdienste: Es ist der erste deutschsprachige Film darüber.) In »Rotation« will Staudte 1949 nachvollziehen, wie man Mitläufer und Handlanger wird. Die obligatorische entlastende Figur des aufrechten kommunistischen Widerständlers fehlt nicht. Wegen einer Dialogzeile (»Das ist die letzte Uniform, die du in deinem Leben tragen wirst«) gerät Staudte in Konflikt mit der Zensur: In Zeiten, in denen die Volkspolizei aufgebaut wird, klingt er nicht opportun.
Die DEFA hat ein gesamtdeutsches Publikum im Auge. »Ehe im Schatten« (1947, Regie: Kurt Maetzig), der vom tragischen Schicksal des Schauspielers Joachim Gottschalk und seiner jüdischen Ehefrau handelt, wird bei seiner Kinoauswertung von zwölf Millionen Deutschen gesehen – das sind mehr als »Die besten Jahre unseres Lebens« (1946) von William Wyler in die Kinos lockt. Ohnehin findet in den ersten Jahren ein reger Filmaustausch statt. »Der Rat der Götter« (1950, Regie: Kurt Maetzig) hingegen, der die NS-Verstrickungen der IG Farben aus der Doppelperspektive der Konzernleitung und Angestellten schildert und auf Protokollen der Nürnberger Prozesse beruht, wird im Westen lange Zeit nicht freigegeben. Das volksdemokratische Aufbegehren am Schluss ist der Endreim zahlreicher Filme: Im einvernehmlichen Wunsch nach Frieden bricht sich ein Universalismus Bahn – es wird utopische Energie freigesetzt. Mit dem gleichen Elan nimmt die DEFA Gegenwartsstoffe in Angriff. Peter Pewas dreht 1948, bereits vom italienischen Neorealismus beeinflusst, »Straßenbekanntschaften«, einen packenden Aufklärungsfilm über Geschlechtskrankheiten. In »Die Brücke« (1949, Regie: Arthur Pohl) werden Aussiedler in einem mitteldeutschen Ort mit massiver, brandaktueller Fremdenfeindlichkeit (»So etwas nistet sich ein wie Ungeziefer«) konfrontiert.
Noch bevor die DEFA 1953 ins Volkseigentum übergeht, wird der sozialistische Realismus als Leitbild ausgerufen. Figuren und Konflikte werden schematischer. Es entbrennen Formalismusdebatten nach sowjetischem Vorbild. Auf Geheiß Moskaus wird 1951 erstmals ein Film verboten: »Das Beil von Wandsbek«, dessen Regisseur Falk Harnack nie wieder für die DEFA arbeiten wird. Staudte kehrt indes zurück, um »Der Untertan« und »Die Geschichte vom kleinen Muck« zu drehen. Bis zum Mauerbau können FilmkünstlerInnen noch zwischen beiden Staaten zirkulieren (Gagenforderungen in Westmark sind für die klamme Produktionsfirma von Anfang an ein Problem). Der Wettstreit um die bessere Gesellschaftsform wird nach den Regeln von Angebot und Nachfrage ausgetragen. Das DDR-Kino will sich konkurrenzfähig zeigen in den Disziplinen des Kostümfilms und der aufwendigen Literaturverfilmung. Es entwickelt große Expertise im Kinder- und Märchenfilm. In der zweiten Hälfte der 1950er entstehen Koproduktionen mit Frankreich, in denen Stars wie Gérard Philipe, Yves Montand und Simone Signoret auftreten, grenzüberschreitende Ikonen der Linken. Stoffe der Zeitgeschichte sind bei Konrad Wolf, dem herausragenden Regisseur der DEFA (»Der geteilte Himmel«, »Ich war neunzehn«), in den besten Händen.
1957 kommt »Berlin – Ecke Schönhauser« (Gerhard Klein, Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase) fast zeitgleich mit den Halbstarken-Filmen aus dem Westteil der Stadt heraus. Die populären Indianerfilme reagieren rasch auf den Erfolg der Karl-May-Serie in der BRD; sie verstehen sich als antikolonialistisches Korrektiv des Western. Für den Spionagethriller, der sich mit James Bond kommerziell Bahn bricht, wird das Gegenstück des Kundschafterfilms entwickelt. »For Eyes Only« (»Streng geheim«, Regie: János Veiczi, 1963) nimmt die Herausforderung munter an. Die Intrige spielt kurz vor dem Mauerbau, der durch Invasionspläne der Bundeswehr und NATO gerechtfertigt wird. Der Westen mag logistisch überlegen sein (und seine Agenten hinreißend tüchtige Hedonisten), aber der Maulwurf aus dem Osten ist gelassener.
Das Leichte fällt der DEFA ansonsten schwer. Gewiss, sie kann zuweilen auch den Krieg als Schelmenroman rekapitulieren (»Karbid und Sauerampfer«, Regie: Frank Beyer, 1963). Aber mit dem leichtfüßig Unterhaltsamen fremdelt sie. Knallbunte Musikfilme wie »Revue um Mitternacht« (1962, Regie: Gottfried Kolditz, dem Mann für alle populären Genres) sind hüftsteif konzipiert als Leistungsschau der staatlichen Ballettcompagnien. Jugendlichen Schwung gewinnt das Genre erst 1968 mit »Heißer Sommer«, der bezeichnenderweise in den Ferien spielt, während »Revue um Mitternacht« von der mühsamen Arbeit handelt, einen Revuefilm zu »erstellen«. Immerhin beschert er Manfred Krug einen frühen Gesangsauftritt. Dessen Karriere zeigt, dass die DEFA echte Volksschauspieler hervorbringen kann, deren Charisma eine belastbare soziale Grundierung besitzt, für die es in der BRD kein Äquivalent gibt.
Diese Kinematografie ist einzigartig. Sie lässt sich mit keiner anderen der Nachkriegszeit vergleichen; auch im damaligen Ostblock findet sie nur ansatzweise ihresgleichen. Die DEFA denkt ihre Geschichten und Konflikte, das ist ziemlich kühn, ganz von der Arbeit her. Diese ist mehr als Einkommenssicherung, sie schafft Teilhabe, stiftet Identität im leidenschaftlichen Engagement für den Betrieb. Sie kann ein Anker sein. Auf die Frage, welche Angehörigen nach ihrer bevorstehenden Krebsoperation benachrichtigt werden sollen, nennt die Psychologin in »Die Beunruhigung« (1982, Regie: Lothar Warneke) ihre Dienststelle. Sie arbeitet in der Familienberatung, wo eine Ehefrau klagt, es gehe nicht vorwärts in ihrer Ehe. Willkommen in einer Gesellschaft, in der auch die Liebe unter Zukunftsdruck steht.
Die Romantik ist in den DEFA-Filmen zumeist furchtbar aufgeräumt, sie wird sachlich und nüchtern erwogen. Die Träumerinnen und Träumer, von denen es viele gibt, haben keine Luftwurzeln, sondern stehen mit beiden Beinen auf dem Boden der realsozialistischen Realität. Selbst resolut glückssuchende Rebellinnen wie die Heldin des Verbotsfilms »Karla« (1965, Regie: Herrmann Zschoche, Drehbuch: Ulrich Plenzdorf) werden sich nicht von ihm lösen. In den zeitkritischen Filmen des Jahrgangs 1965/66, die im Keller landen, begehrt zwar das Individuum gegen das Kollektiv auf und das verordnete »Wir« wird brüchig. Aber die Scheinhaftigkeit des Systems entlarven auch sie nicht endgültig. Damit geht ein eigentümlich gedämpfter Tonfall einher, ein Sprechen hinter vorgehaltener Hand. Dazu passt das Schwarz-Weiß, an dem die Filme sehr lange festhalten, ob aus Mangel oder künstlerischem Konzept. Die DEFA lehrt ihr Publikum, die Welt in Grauschattierungen zu betrachten. Unbefangenheit steht dieser Kinematografie nicht zu Gebot. Nicht von ungefähr sind die heroischen Ausnahmen – »Spur der Steine«, »Die Legende von Paul und Paula«, »Solo Sunny« – Mythen und Dauerbrenner geworden.
Ob und in welchem Ausmaß im Kino eine Selbstverständigung der DDR-Gesellschaft stattfand, überprüft die zweite Ausstellung des Filmmuseums, kuratiert von Guido Altendorf. Ihr kecker Titel »Ohne Frühstück. Ohne Diskussion.« (auch wer kein Ostalgiker ist, erkennt das Kohlhaase-Zitat) ist nonchalantes Programm. Sie forscht nach Augenhöhe und Volkstümlichkeit und hinterfragt, wie sich der Entwurf einer neuen Gesellschaft in der Lebenswirklichkeit bewährt hat. Die Schau ist nach Stationen geordnet, die Themenkomplexe wie Emanzipation, Rebellion und Rückzug, Wohnen, Essen und Trinken ausführlich darstellen. Sie sind nicht nur mit Exponaten und Filmausschnitten aller Jahrzehnte (darunter stets ein Kinderfilm) drapiert, die die jeweilige Gegenwart erkunden. Diese werden abgeglichen mit unzensierten Aussagen von DDR-Bürgern, die die Staatliche Filmdokumentation eingeholt hat. Die ungezwungen zielstrebigen Zeitreisen könnten auch die Frage beantworten, ob das Kino den längeren Atem hat. Die DEFA-Filme haben nicht nur den Staat überlebt, aus dem sie hervorgingen (zumindest bis zu ihrer Auflösung 1992), sie gehören zum gesamtdeutschen Filmerbe. Das hätte ihren Gründern gefallen.
Ausstellung
Die Foyerausstellung »Diene Ehrlich Friedlichem Aufbau« läuft bereits, die Schau »Ohne Frühstück. Ohne Diskussion.« wird am 23.7. eröffnet und ist mit umfangreichem Rahmenprogramm bis zum 2.5.2027 zu sehen.




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