Kritik zu Nope

© Universal Pictures

2022
Original-Titel: 
Nope
Filmstart in Deutschland: 
11.08.2022
L: 
135 Min
FSK: 
12

Nach »Get Out« und »Wir« legt Jordan Peele mit seinem neuen Film eine gewagte Mischung aus Science-Fiction, Horror und Satire im Western-Setting vor. Es geht um nichts weniger als das Wesen des Spektakels, und was wir daraus gewinnen wollen

Bewertung: 5
Leserbewertung
2
2 (Stimmen: 1)

Am Ende weiß man nicht so recht, was einen da gerade getreten hat. War es eines der Pferde, die auf der »Haywood Hollywood Horses Ranch« in Kalifornien ihren Hafer verzehren? Oder war es doch eher eine eierlegende Wollmilchsau? Als eine solche nämlich mag der Film erscheinen, der sich mit der Zuordnung zu einem bestimmten Genre gar nicht erst aufhält. Stattdessen trägt »Nope« Elemente aus Science-Fiction, Horror und Satire in einem Western-Setting zusammen, fügt den ein oder anderen abstrusen Einfall dazu, jagt alles durch den Mixer und wirft das Resultat mit epischer Geste auf die ganz große Leinwand, dabei eine beträchtliche Dosis ästhetischer Energie auf kunstvolle Bildgestaltung verwendend. Soll heißen: Jordan Peele hat es schon wieder getan; nach »Get Out« (2017) und »Wir« (2019) legt er nun also »Nope« vor, neuerlich nach eigenem Drehbuch inszeniert und wie die Vorgänger ein wunderbares Beispiel für das, was sich gewinnen lässt, wenn einer etwas wagt.

Es beginnt mit einem 1998 während der Dreharbeiten zu einer Sitcom amoklaufenden Schimpansen. Oder mit Eadweard Muybridges Foto-Bewegungs-Studie eines galoppierenden Pferdes aus dem Jahre 1887? Oder vielleicht doch mit einer Fünf- Cent-Münze, die wie ein Projektil aus einem heiteren Himmel schießt? In jedem Falle fängt es seltsam an und dräut auch gleich latent wie ein Gewitter, das, zwar ferne noch am Horizont, doch schon mal ein Donnergrollen vorausschickt.

Apropos Wolken. Ist es nicht seltsam, dass diese eine mächtige Wolke direkt über dem Hügelzug, der den so täuschend freundlich benannten Agua Dulce Canyon begrenzt, sich gar nicht bewegt? Fragt sich OJ Haywood (Daniel Kaluuya), und bald auch dessen temperamentvolle Schwester Em (Keke Palmer). Die Geschwister sind Nachfahren jenes Jockeys, der das Pferd in Muybridges Studie ritt (behauptet jedenfalls Em) und betreiben eine Filmpferde-Ranch. Nach dem überraschenden Tod des Vaters aber sind erstmal die Kassen leer und dann verschwindet auch noch eines der besten Pferde eines Nachts mirnichts dirnichts von der Koppel.

Mehr soll nicht verraten werden. Nicht der geringste Reiz von »Nope« nämlich besteht darin, sich an der Seite von OJ gemächlich an die ganze rätselhafte Chose heranzutasten. Der Mann hat es nicht eilig, abrupte Bewegungen und lautes Gedöns sind seine Sache nicht, er trainiert schließlich Pferde, da kommt man ohne Stamina nicht weit. Kaluuyas OJ ist ein entschleunigter Action- Held, der sowohl der Action also auch dem Heldischen im Grunde lieber aus dem Weg gehen würde (daher der Titel), aber die Umstände … und bekanntlich wächst der Mensch mit seinen Aufgaben.

Ebenso die Zuschauer:innen, denen Peele hier die ein oder andere Nuss zu knacken sowie allerhand zu bedenken gibt; denn das Motiv des Spektakels zieht sich auf mehreren Ebenen und in vielfacher Gestalt durch den Film: Vom Bibelzitat zu Beginn, in dem Gott der Stadt Ninive droht, »ein schauerlich Schauspiel« aus ihr zu machen, über den der Ranch benachbarten Western-Themenpark »Jupiter's Claim«, dessen neue Show furios schief geht, bis hin zu einer Himmelserscheinung, die als afrofuturistische Variante eines Throns durchgehen kann (Throne stellen den dritten der neun Engelschöre, in Gestalt augenbesetzter Räder dienen sie Gott als Transportmittel). Und natürlich wir, die wir staunend vor der Leinwand sitzen und den Blick selbst dann nicht abwenden, wenn es richtig grauslig wird.

Dass zum Spektakel die Zähmung gehört, der die Gefahr der Annäherung vorauszugehen hat, ist eine der Erkenntnisse, die sich aus »Nope« mitnehmen lässt. Sowie die, dass die Annäherung mit fotografischen Apparaten jener mit Waffen gleichkommen und also noch das Abbild des Spektakels selbst ein Spektakel sein kann. Und einen dann halt im Kino mitunter eine eierlegende Wollmilchsau tritt.

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